Unter Milben und Wölfen in Görlitz 3

 

Ein Sommer im Naturkundemuseum, Teil II:  Senckenberg Naturkundemuseum Görlitz

(c) Senckenberg Museum Görlitz

Jan Kindervater beugt sich über eine geräumige Tiefkühltruhe und zieht einige Plastikbeutel hervor. Ach du Kacke. Und zwar die ganze Truhe voll davon: tiefgefrorene Kackwürste, säuberlich beschriftet. Bin ich dafür wirklich in den äussersten Winkel der Republik gefahren? Aber zumindest für Wildtierbiologen lagern hier die vielleicht wissenschaftlich wertvollsten Fäkalien Deutschlands. Diese spezielle Sorte tierischer Hinterlassenschaft kam in Deutschland bis vor einigen Jahren nämlich gar nicht vor – Losung von wilden Wölfen, gesammelt im Gebiet der oberen Lausitz. Seit etwas mehr als zehn Jahren sind die Wölfe wieder da; sie kamen über die nahe Grenze zu Polen, und es werden mehr. 22 Rudel oder Paare streifen schon durch deutsche Wälder.

Für die Forscher am Senckenberg Museum für Naturkunde in Görlitz ist es selbstverständlich, den Vormarsch der Wölfe wissenschaftlich zu begleiten. Immerhin interessiert sich die Naturforschende Gesellschaft zu Görlitz schon seit 1811 für die einzigartige Natur der oberen Lausitz. Was damals als Gründung ebenso reicher wie natur-enthusiastischer Bürger begann, ist heute ein Forschungsmuseum mit mehr als 100 Mitarbeitern; darunter eben auch Jan Kindervater, der mir ein Schale mit Wolfshinterlassenschaften unter die Nase hält (sterilisiert und gereinigt, wie man mir versichert).

Ich riskiere einen Blick und verstehe jetzt, was die Wildtierbiologen in den Häufchen suchen. Beim systematischen Stochern in der Losung können die Forscher herausfinden, was der Wolf gefressen hat – eine wichtige Frage bei einem Raubtier, das bisher hier nicht (mehr) heimisch war. Knochenstücke, Haare, Zähne, Hufe von Rehen und anderen Beutetieren – all dies und mehr findet sich. Anhand der Zähne kann man auch auf das Alter der Beutetiere schliessen.

Verräterische Hinterlassenschaften

Die Wolfswürste verraten, dass die Lausitzer Wölfe hauptsächlich Rehwild reissen, auch kleine oder geschwächte Hirsche oder mal ein Wildschwein. Nur ganz selten stehen Nutztiere des Menschen auf dem Speisezettel, etwa ein Schaf. Weniger als 1 % der Nahrung machen Nutztiere aus. Trotzdem gibt es meist erst mal Ärger mit Bauern und Jägern, wo auch immer der Wolf zurückkehrt.  Deshalb gibt es ein Kontaktbüro für die Wolfsregion Lausitz, als Ansprechpartner für alle, die Fragen oder Sorgen zum Thema „Wolf und Mensch“ haben. Am Görlitzer Museum versucht man dagegen, sich aus Streitereien um den Wolf herauszuhalten – die Forscher begleiten die Rückkehr des Wildtieres wissenschaftlich und liefern Daten und Hintergrundinformationen für die gesellschaftliche Diskussion.

Das Museum hat auch schon eine kleine Sammlung von Lausitzer Wolfsschädeln – denn tote Wölfe aus der Gegend gehen in aller Regel ans Museum, nachdem Wildtier-Pathologen in Berlin die Todesursache festgestellt haben; beim streng geschützten Wolf wird jedes tote Tier ganz genau unter die Lupe genommen. Viele der Wölfe, deren Knochen und Schädel jetzt unter der Obhut von Professor Hermann Ansorge in Schränken und Schubladen liegen, waren Jungtiere – noch unerfahren, wurden sie Opfer des Strassenverkehrs.

Die obere Lausitz, eine artenreiche Naturlandschaft

Den Wolf verbinden wir mit Wildnis, mit quasi unberührter Natur. Davon gibt es in der Tat noch so einiges in der oberen Lausitz, einer der artenreichsten Gegenden Deutschlands. Sandige Böden, Kiefernwälder, Teichlandschaften – ganz verschiedene Lebensräume treffen hier auf engstem Raum aufeinander. In den Ausstellungsräumen des Museums sind die typischen Lebensgemeinschaften der Gegend in modernen Dioramen und im Vivarium im Untergeschoss nachgebaut. Ungewöhnlich beispielsweise ein kleines, quadratisches Exponat: ein Stück präparierte Wiese der oberen Lausitz, mit allem was darin lebte. Für wissenschaftliche Zwecke pressen Botaniker ihre Funde platt, aber für dieses Präsentationsstück haben die Ausstellungsmacher die Pflanzen aufwendig in Sand getrocknet; sie bleiben dadurch in ihrer ursprünglichen Gestalt erhalten. Nur die Farbe musste man vorher ganz genau bestimmen. Denn um den lebensechten Eindruck zu schaffen, hat man ein klein wenig geschummelt und die getrockneten, ausgebleichten Blumen und Gräser hinterher wieder angefärbt.

Ein Paradies ist die obere Lausitz auch für Vogelbeobachter, und so fing in Görlitz auch die organisierte Beschäftigung mit Naturkunde an: mit einer Leidenschaft einiger Bürger dieser damals schwerreichen Stadt für die einheimischen Vögel. Später weitete sich die Tätigkeit der Naturforschenden Gesellschaft aus auf andere Tiergruppen, und auf Objekte jenseits der eigenen Heimat. Exotische Objekte haben die Görlitzer im damals aufblühenden internationalen Naturalienhandel erworben. Unter anderem ein Lottogewinn verhalf den Natur-Enthusiasten schliesslich zu einem eigenen Gebäude. In den 50er Jahren hat man ein Spezialgebiet gefunden, in dem Görlitz seitdem führend  ist: Die Bodenzoologie.

Spezialgebiet: Alles was im Boden krabbelt und kriecht

Krabbelzeug
(c) Senckenberg Museum Görlitz

Im Treppenhaus geht es um diesen Forschungsschwerpunkt des Museums: der Kosmos der winzigen Tierchen unter unseren Füßen, die kaum ein Laie benennen kann – mit Ausnahme des Regenwurms vielleicht. Tiere, die man oft nur mit dem Mikroskop erkennt, die aber so wichtig sind für einen gesunden, fruchtbaren Boden.

Regenwürmer sind darin die Giganten unter dem Krabbel- und Kriechzeug: Spinnentiere, Springschwänze, diverse Insekten und kleine Krebse sowie mikroskopisch kleine Fadenwürmer. Klingt alles erst einmal weniger spektakulär als Wölfe – bis man so ein kleines Monster in Vergrößerung gesehen hat, zum Beispiel in einer Raster-elektronenmikroskopischen Aufnahme, oder eben am extrem vergrößerten Modell einer „Bodensäule“ mit all ihren Bewohnern im Görlitzer Museum. Tiere wie aus einer anderen Welt starren einen da an.

„Was passiert mit all den Blättern, die im Herbst von den Bäumen fallen?“ Wenn Dr. Christian Düker, zuständig für Öffentlichkeitsarbeit am Museum, Schulklassen diese Frage stellt, bekommt er schon mal zu hören, dass man die doch mit dem Laubbläser beiseite schafft. Stimmt in der Stadt, aber draussen im Wald machen das die Bodenorganismen. Sieben Sektionen für verschiedene Tiergruppen der Bodenzoologie gibt es am Museum. Eine davon betreut Dr. Ricarda Lehmitz, Expertin für Milben, die mir freundlicherweise einen Einblick in ihre Arbeit gab.

Wie Milben neues Land erobern

Sie wollte in ihrer Doktorarbeit wissen, wie die kleinen Krabbler eine abgetragene, tote Fläche besiedeln – auch so ein Thema in der Lausitz, wo es große Tagebau-Reviere gab und immer noch gibt. Wie kommt das Leben auf so eine menschengemachte Mondlandschaft zurück, wenn die Kohle aus dem Boden geholt ist und die Bagger abgerückt sind? Die winzigen Hornmilben zum Beispiel: Krabbeln sie am Boden entlang, bewegen sie sich unter der Erde oder kommt sie durch die Luft?

Die Milbe holt sich dieses Land mal wieder.
Foto: Joeb07 via Wikimedia cc3

Ricarda Lehmitz wollte es genau wissen: Sie setzte raffiniert konstruierte Fallen ein, um die Milben auf verschiedenen Wanderrouten abzupassen. Am erstaunlichsten und recht unerwartet war, dass Milben auch durch die Luft fliegen – Flügel haben sie nämlich keine. Aber leicht wie sie sind, nimmt der Wind die kleinen Krabbelmonster bei geeigneten Bedingungen schon ein ganzes Stück weit mit. Bis in 160 Meter Höhe, auf dem Dach eines Kraftwerksgebäudes, hat Lehmitz Milben aus ihren Fallen gezogen.

Standardprozedur der Bodentierjagd ist jedoch, dass die Zoologen eine säulenförmige Bodenprobe ausstechen, wie sie als extrem vergrößertes Modell im Treppenhaus des Museums steht. Bodenproben aufbereiten, Tiere herauskitzeln – das macht das Team in Görlitz im großen Maßstab mit einer raumfüllenden Höllenmaschine, die nach einem simplen Prinzip funktioniert: Die Bodenproben kommen in kleine Behälter, die über ein Sieb jeweils in einen Trichter führen. Eine Kombination aus Wärme und Licht von oben treibt die Tiere herunter in die Trichter und weiter in ein Sammelgläschen.

Im Magazin: Alkohol mit schwarzen Klumpen

Der Blauwal unter den Bodentieren: Ein Regenwurm
Foto: L. Sanchez via Wikimedia cc3

Wir gehen in das Magazin und öffnen ein paar Schränke, in denen die Ausbeuten dieser Sammeltätigkeit lagern. In jedem Stahlschrank das gleiche Bild: Unzählige Schraubdeckelgläser, in denen sich weisse Röhrchen mit Glycerin oder Alkohol befinden. In den Röhrchen wiederum schwimmen oft nur stecknadelkopfgroße, schwarze oder graue Klumpen – das sind die winzigen Bodentiere, die Milben und Fadenwürmer, die Spinnen, Springschwänze und kleine Krebstierchen.

Manche dieser Gläser sind besonders gekennzeichnet, die sogenannten „Typusexemplare“. In jedem Museum wohl die wichtigsten und am besten behüteten Objekte. Denn diese Tiere dienten einmal einem Forscher dazu, eine Art zum allerersten Mal umfassend zu beschreiben und ihr einen offiziellen Namen zu geben. Zusammen mit der veröffentlichten Beschreibung legt das Typusexemplar fest, was eine Art ausmacht.

Gleiche Arten sollten dabei idealerweise überall den gleichen Namen tragen, unterschiedliche Arten sollten auch am Namen immer unterscheidbar sein. In jedem Museum, in jeder Publikation. Hört sich primitiv an, ist aber ein unglaublich komplexes Thema. Die Probleme fangen schon damit an, dass sich kaum zwei Forscher auf eine einheitliche, unzweideutige und praktikable Definition verständigen können, was denn eigentlich eine „Art“ ist. Ein schwieriges Thema, das ich in einem eigenen Beitrag einmal genauer beleuchten sollte.

Aber einen kleinen Eindruck von der Komplexität der Bodentier-Taxonomie gibt ein weiteres Projekt, an dem Ricarda Lehmitz beteiligt ist: Die Erstellung einer „Roten Liste Regenwürmer“.

Für den Laien gibt es ja nur den einen Regenwurm – Lumbricus terrestris ist damit meist gemeint. Aber Lehmitz macht sich gerade die Arbeit, alle Informationen über verschiedene Regenwurm-Arten zusammenzutragen – auf 46 verschiedene Arten des „Regenwurms“ kommt sie im Moment.

Mongolische Abenteuer

(c) Senckenberg Museum Görlitz

Neben der Bodenzoologie und der Natur der oberen Lausitz ist ein weiterer Schwerpunkt des Museums eine Überraschung für den Besucher: die ferne Mongolei. Die Zusammenarbeit mit der dortigen National-Universität besteht schon aber schon seit 50 Jahren. Das Senckenberg Museum bietet regelmässig „Summer Schools“ mit mongolischen Studenten an, die in den Weiten der Steppe von Görlitzer Forschern Präparations – und Bestimmungstechniken lernen.

Was suchen die Görlitzer nun in der Mongolei? Natürlich wird auch im Steppenboden nach kleinen Tieren gestochert, aber die Görlitzer arbeiten mit ihren mongoloschen Kollegen auch an den großen Charaktertieren der Mongolei: dem Przewalski-Pferd und dem mongolischen Wildesel. Das Verbreitungsgebiet des Wildesels etwa wird immer kleiner, die Zahl der Tiere schrumpft.

Auch den Gobi-Bär würden die Görlitzer Expeditionsteilnehmer zu gerne einmal zu Gesicht bekommen. Nicht mehr als 30 bis 50 Exemplare dieser extrem bedrohten Art werden noch vermutet – gesehen hat das phantomhafte Tier kaum ein Besucher auf Expeditionsreise. Aber immerhin ein paar Fussabdrücke konnten Forscher sichern, ebenso die Hinterlassenschaften des Tiers. Der Gobi-Bär ist wohl hauptsächlich Vegetarier und steht auf wilden Rhabarber, kann man aus seinem Häufchen schliessen.

Über die Arbeit der Senckenberg-Forscher in der Mongolei erzählt zur Zeit eine liebevoll eingerichtete Sonderausstellung, komplett mit original Jurte, Gebetshügel und einer leeren Schnappsflasche unter einem nachgebauten Feldlabor. „Im Land der Gräser und wilden Pferde – Biologische Forschungen in der Mongolei“ ist bis zum 17. November in Görlitz zu sehen.

Ein erkenntnisreicher Tag geht zu Ende, ich trinke zum Abschluss einen exzellenten Museums-Cafe mit Christian Düker. Wir gehen noch einmal hinunter in den alten Kohlenkeller des Gebäudes, wo jetzt ein Vivarium (lebende Tiere also) die Besucher fasziniert. Vorbei an der Spinne Heteropoda davidbowie (groß, gelb, haarig), sitzen wir schliesslich vor einem typisch Lausitzer Teich mit dicken Karpfen. Nebenan kriechen Ringelnattern an einem Ast entlang und auf der anderen Seite baut eine schwangere Maus an ihrem kugelförmigen Nest im hohen Gras. Ich muss am gleichen Tag noch zurück, aber der Besuch hat Lust darauf gemacht, die Natur der oberen Lausitz zu erkunden – auch wenn es unwahrscheinlich ist, dabei einem wilden Wolf zu begegnen.

 

 Bisher in dieser Serie erschienen:

Teil 1:  Jura-Museum Eichstätt –   Bayerische Unterwasserwelten

Nächste Woche:

Teil 3, Naturkundemuseum Erfurt

 

 

 

 

 

3 thoughts on “Unter Milben und Wölfen in Görlitz

  1. Wissenschaft und Schreie Aug 1, 2013 15:06

    Vielleicht auch interessant in diesem Zusammenhang: eine grafische Darstellung der wölfischen Fressgewohnheiten. http://wissenschaftundschreie.wordpress.com/2012/05/13/reisst-der-wolf-schafe/

    Wenn mir der Hinweis gestattet ist :)

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