Trisomie 21: Testen ist nicht töten 3

Down Syndrom: ein Chromosom zuviel
Foto: U.S. Department of Energy

Neujahrsansprachen sind die angestammte Heimat des Warnens und Mahnens. Katholische  und evangelische Bischöfe hatten sich dazu dieses Jahr unter anderem einen neuen vorgeburtlichen Test auf Trisomie 21 vorgeknöpft. Noch ist dieser neue Bluttest keine Regelleistung der Krankenkassen und ausgesprochen teuer, aber das wird sich eventuell bald ändern. Bischöfe und Behindertenverbände warnen deshalb vor einer „Selektion“ aller betroffenen Föten und befürchten, dass sich Mütter in Zukunft dafür rechtfertigen müssten, behinderte Kinder auszutragen.

Um es vorwegzunehmen, ich finde, Frauen haben ein Recht auf diesen neuen Test und die Kampagne gegen das Trisomie-Screening schadet dem eigentlichen Anliegen der Bischöfe. Ich teile manche der Bedenken, aber die neue Methode zu verbieten ist der falsche Ansatz.

Aber der Reihe nach. Ich mache hier ein Wissenschaftsblog, deshalb werde ich erstmal etwas zur Genetik der Trisomie 21 erzählen. Weil ich hier aber blogge und kein Bio-Lehrbuch schreibe, schiebe ich am Ende meine ganz persönliche Laien-Meinung hinterher.

Wie entsteht Trisomie 21?

Trisomie 21 heisst die genetische Besonderheit, die alle Menschen mit Down-Syndrom gemeinsam haben. Ein bestimmtes Chromosom (eben das mit der Nummer 21) ist bei diesen Menschen in jeder Körperzelle dreimal vorhanden.

Das menschliche Erbgut ist im Normalfall in zweimal 23 Cromosomen aufgeteilt – 23 von der Mutter und 23 vom Vater. Bei der Produktion der Eizellen und Spermien wird der Chromosomenbestand allerdings reduziert, auf einen einfachen Satz von 23 Chromosomen pro Eizelle oder Spermium (für die Klugscheisser unter meinen Lesern: dieser Prozess heisst „Meiose“ oder Reifeteilung). Das Erbgut dieser 23 Chromosomen stammt dabei aus einer bunt zusammengewürfelten, zufälligen Auswahl aus dem väterlichen und mütterlichen Bestand – deshalb sehen wir alle so unterschiedlich aus und haben so unterschiedliche Charaktere. Wichtig aber: „Zufällig“ bezieht sich dabei nur darauf, ob jeweils die väterliche oder mütterliche Version eines bestimmten Gens in einer Keimzelle landet; die Identität des Chromosomensatzes wird dabei gewahrt, das heisst, von Chromosom Nr. 1 bis Nr. 23 gibt es je einen Vertreter pro Eizelle oder Spermium – wenn alles glattläuft.

Kompliziert wird die Sache noch dadurch, dass sich die gesamte DNA vor Beginn der Meiose verdoppelt und jeweils auf zwei „Schwesterchromatiden“ pro Chromosom nebeneinanderliegt, die in der Mitte miteinander verbunden sind. Dadurch ergibt sich die charakteristische „X“- Form der Chromosomen im Stadium vor der Trennung. Während der Meiose trennt ein spezialisierter Apparat in der Zelle erst die homologen Chromosomen (also die zusammengehörenden Vater-Mutter-Paare) und dann die Schwesterchromatiden (also „verdoppelte DNA“). Wer’s genauer wissen will, muss nun ein Biobuch aufschlagen, aber um die Trisomie zu verstehen, reicht erst mal diese Information: Um Eizellen und Spermien zu machen, müssen die Zellen ihre 46 Chromosomen in einem zweistufigen Prozess zuverlässig auf Tochterzellen verteilen. Die je 23 Chromosomen in Eizelle und Spermium finden nach der Befruchtung wieder zusammen und bilden das einzigartige Erbgut des gerade gezeugten Embryos. Wilde Mischung aus Erbgut der Mutter trifft auf bunte Auswahl der Gene des Vaters; ergibt den einzigartigen Nachwuchs, der nicht nur Mama und Papa, sondern manchmal mehr noch den Omas und Opas ähnlich sieht.

Meiose
Abb.: NIH, via Wikimedia

Bei beiden Schritten der Meiose kann die Aufteilung des Erbguts schiefgehen, etwa wenn sich homologe Chromosomen oder die Schwesterchromatiden nicht trennen und die Eizelle (oder das Spermium) dadurch ein zusätzliches Chromosom erhält. Wird eine solche Eizelle befruchtet, kommt noch eine Version des betroffenen Chromosoms vom Spermium dazu und das befruchtete Ei hat dieses Chromosom am Ende dreimal – Trisomie.

Trisomie 21 ist die häufigste Trisomie des Menschen, durchschnittlich eins von 700 lebend geborenen Kindern ist betroffen. Je älter die Mutter (und damit die Eizellen), desto größer ist das Risiko. Warum genau das Alter der Mutter eine Rolle spielt, und warum meist Eizellen betroffen sind (und selten Spermien), scheint noch nicht ganz klar zu sein. Es mag sein, dass bei älteren Müttern der Apparat, der die Schwesterchromatiden trennt, nicht mehr reibungslos funktioniert, aber es werden auch andere Hypothesen diskutiert. Warum ist gerade die Trisomie 21 so häufig – hat die Natur bei diesem Chromosom gepfuscht und Nummer 21 schlüpft irgendwie bei der Meiose durch? Das wäre ein Trugschluss; alle Chromosomen können theoretisch von Trisomien betroffen sein, aber meist sind die Auswirkungen so drastisch, dass der Embryo sich nicht weiterentwickelt und es zu einer (oft sehr frühen) Fehlgeburt kommt. Das Besondere an Trisomie 21 ist vielmehr, dass sich trotz des Extrachromosoms ein lebensfähiger Embryo entwickeln kann. Kann, nicht muss – 80 Prozent der Föten mit Trisomie 21 entwickeln sich nicht soweit, dass ein lebendiges Baby geboren wird und die Schwangerschaft endet in einer Fehlgeburt.

Als logische Folge der Mechanik der Trisomie-Entstehung gibt es auch befruchtete Eizellen mit nur einem Chromosom 21 (Monosomie). Diese Embryonen entwickeln sich nicht weiter, und die Humangenetiker haben nur ganz vereinzelte – und genetisch spezielle – Fälle von lebendgeborenen Kindern mit Monosomie 21 beschrieben. Aber das nur am Rande.

Die Genetiker unterscheiden zwischen der häufigen „freien Trisomie“ aufgrund spontaner Fehler in der Meiose und der selteneren „Translokationstrisomie“, bei der Chromosomen dauerhaft miteinander verknüpft sind (und weiteren, noch selteneren Formen). Details führen hier zu weit, aber wichtig ist der Unterschied für Eltern, die schon ein Kind mit Down Syndrom haben und überlegen, weiteren Nachwuchs zu zeugen: Bei der seltenen „Translokationstrisomie“ sind zukünftige Kinder mit recht hoher Wahrscheinlichkeit ebenfalls betroffen, bei der „freien Trisomie“ spielt es für die Risikoabschätzung meist keine Rolle, ob ein früheres Kind Down Syndrom hat.

Wie äussert sich das Down Syndrom?

Baby mit Down Syndrom
Foto: Jennifer1982, via Wikimedia

Das Down-Syndrom äussert sich individuell sehr unterschiedlich und das Spektrum reicht von sehr schwach ausgeprägten Symptomen bis zu schwerer Behinderung. 40 – 60 Prozent der Babies mit Trisomie 21 haben einen Herzfehler, der aber meist operativ behandelt werden kann. Die Lebenserwartung der Menschen mit Down-Syndrom ist in den letzte Jahrzehnten drastisch gestiegen – von ca. 30 Jahren in den 60-er Jahren auf über 50-60 Jahre heute. Weil die Trisomie 21 seit jeher die häufigste Ursache genetisch bedingter geistiger Behinderung ist, haben pädagogische Einrichtungen viel Erfahrung in der speziellen Förderung der Betroffenen und viele können als Erwachsene ein mehr oder weniger selbständiges Leben führen.

Humangenetiker interessiert die Frage, welche Gene auf Chromosom 21 für die spezifischen Symptome verantwortlich sind. Die führende Hypothese ist, dass vor allem die doppelte „Dosis“ bestimmter Gene hinter den Symptomen steckt. Gene kodieren meist für bestimmte Proteine, die z.B. wichtig für Entwicklungsprozesse sind. Die Extrakopie eines Gens kann dazu führen, dass die Zelle doppelt soviel des jeweiligen Proteins herstellt (vereinfacht gesagt), was dann zu diversen Problemen führt. Fände man diejenigen Regionen und Gene auf Chromosom 21, die für die verschiedenen Symptome des Down Syndroms verantwortlich sind, könnten die Genetiker zumindest besser verstehen, was bei der Entwicklung dieser Kinder falsch läuft und Ärzte könnten eventuell medikamentös eingreifen. Erste Hinweise auf beteiligte Gene hat man schon gefunden, aber eine an den Ursachen ansetzende Therapie ist in weiter Ferne – daher ist die Diagnose „Down-Syndrom“ für Eltern nach wie vor so niederschmetternd.

Wohl aber kann man die Trisomie 21 bereits vor Geburt feststellen. Eine vorgeburtliche Diagnose ohne Aussicht auf Therapie bürdet der Schwangeren aber die Wahl zwischen Schwangerschaftsabbruch und Leben mit einem (eventuell schwer) behinderten Kind auf.

Wie läuft das Trisomie-Screening bisher ab?

Nackenfaltenmessung
(Foto: W. Moroder via Wikimedia)

Dieses Dilemma ist nicht neu, denn schon jetzt bieten Frauenärzte routinemässig diverse Untersuchungen auf Trisomie 21 an, zum Beispiel eine spezielle Ultraschalluntersuchung („Nackenfaltenmessung“) und den sogenannten Quadrupeltest. Beim Quadrupeltest misst das Labor den Spiegel von vier Proteinen, die erfahrungsgemäss bei manchen Schwangeren verändert sind, wenn ihr Kind Trisomie 21 hat. Das Problem mit diesen Verfahren: Weder Nackenfaltenmessung noch Quadrupeltest „sehen“ die eigentliche Ursache, das dreifach vorhandene Chromosom 21; die Schwangere bekommt also nur eine mehr oder weniger sinnvolle Abschätzung des Risikos anhand statistischer Vergleichsdaten, keine Diagnose. Kommt ein geringes Risiko heraus, ist das beruhigend, aber gerade bei älteren Frauen steht schon mal ein Risiko von, zum Beispiel, 1 zu 25 im Arztbrief – von 25 Frauen mit diesem Testergebnis erwartet eine ein Kind mit Down-Syndrom. Zum Vergleich: 40-Jährige Mütter haben schon altersbedingt ein generelles Risiko von 1 zu 100. Ist ein Risiko von 1 zu 25 nun hoch oder niedrig, angesichts der Aussicht, ein Leben lang für ein behindertes Kind verantwortlich zu sein? Das kann wohl nur die Schwangere selbst beurteilen.

Wenn Tests im Risikobereich liegen oder andere Risikofaktoren vorliegen, bieten die Frauenärzte die Fruchtwasseruntersuchung oder ähnliche diagnostische Eingriffe an. Mit einer Nadel entnimmt der Arzt embryonale Zellen aus dem Fruchtwasser und kann im Labor den fötalen Chromosomensatz bestimmen lassen. In in einer aus 100 Fruchtwasseruntersuchungen kommt es durch die Prozedur zu einer Fehlgeburt – und zwar unabhängig davon, ob das Kind tatsächlich eine Trisomie hat oder nicht. In Deutschland lassen etwa 30.000 Schwangere pro Jahr ihr Fruchtwasser untersuchen, das heisst also, um die 300 Frauen pro Jahr verlieren ungewollt ihr Kind durch diese Prozedur.

Wie funktioniert der neue Bluttest?

Im Gegensatz zur Fruchtwasseruntersuchung ist der neue Bluttest quasi risikofrei für Mutter und Kind. Wie funktioniert der Test? Einige wenige Zellen des Fötus zerfallen gelegentlich und DNA-Bruchstücke dieser Zellen kommen über die Plazenta in den Blutkreislauf der Mutter. Das ist im Vergleich zur mütterlichen DNA eine verschwindend geringe Menge, aber empfindliche Verfahren können diese DNA-Schnippsel den jeweiligen Chromosomen zuordnen und  quantifizieren. Ein Überschuss all derjenigen Schnippsel, die zum fötalen Chromosom 21 gehören, deutet mit grosser Sicherheit auf eine Trisomie hin.

Es gibt seltene Formen der Trisomie 21, die dieser Test nicht erkennt (z.B. sogenannte „Mosaik“-Form, bei der nicht alle Körperzellen die Trisomie aufweisen) und natürlich bietet der Test keine Garantie für ein gesundes Kind.

Was befürchten die Gegner des Tests?

Die Gegner der flächendeckenden Einführung des neuen Tests befürchten vor allem, dass es zu einer vorgeburtlichen Selektion fast aller Embryonen mit Down Syndrom kommt. Das Argument ist berechtigt: neun von zehn Föten mit diagnostizierter Trisomie 21 werden abgetrieben. Auch wenn viele davon wegen der oft schweren Organschädigungen nie lebend auf die Welt gekommen wären: Die Automatik „Trisomie 21 = fast immer Abtreibung“ ist ein Skandal, hier stimme ich den Bischöfen und den Behindertenorganisationen zu. Wenn wir uns (zurecht) darüber Sorgen machen, dass in Ländern wie Indien oder China gezielt weibliche Embryonen abgetrieben werden, weil die Eltern lieber einen Jungen hätten, dann müssen wir uns auch darüber aufregen, wenn hier bei uns Menschen mit genetischen Besonderheiten nicht erwünscht sind.

Moment mal, das kann man nun doch wirklich nicht vergleichen – lebenslang Verantwortung für ein behindertes Kind zu übernehmen, eventuell wochenlang im Krankenhaus zu wohnen und das eigene Leben über den Haufen zu werfen, das ist etwas anderes als ein Mädchen grosszuziehen. Stimmt natürlich. Dennoch gibt es meiner Meinung nach eine Parallele: Manche Eltern in Asien entscheiden sich nicht deshalb gegen ein Mädchen , weil sie ein Mädchen weniger lieben könnten, sondern weil Jungen in dieser Gesellschaft ein leichteres Leben erwartet; Mädchen dagegen sind eine Belastung für die ganze Familie – nicht aus subjektiver Sicht der Eltern, das ist dort leider wirklich so. Ganz parallel dazu weitergedacht: Wenn sich bei uns fast alle Schwangeren gegen ein Kind mit Down Syndrom entscheiden, weil die Belastung unerträglich scheint, zeigt das für mich, dass unsere Gesellschaft (werdende) Eltern von behinderten Kindern im Stich lässt. Weder moralische Appelle an die Schwangere noch Verbote neuer Testmethoden werden etwas daran ändern, dass sich Eltern das Leben mit behinderten Kindern nicht zutrauen oder zumuten wollen. Nur ganz konkrete Schritte, Eltern zu unterstützen und mehr Akzeptanz für Behinderte in unserem Alltag zu schaffen, könnten diese Situation ändern. Präses Schneider hat recht, wenn er befürchtet, dass sich Mütter für ihr behindertes Kind rechtfertigen müssen, dass sie sich Kommentare anhören müssen der Art „Da hätte man doch etwas machen können“; aber dass sich manche unserer Mitmenschen so verhalten, ist nicht die Schuld eines Testverfahrens.

Wieso bin ich für die Einführung des Bluttests?

Zum Einen deshalb, weil der „Dammbruch“, den die Bischöfe befürchten, schon stattgefunden hat. Zwar nimmt nicht jede Schwangere Nackenfaltenmessung, Quadrupeltest und Fruchtwasseruntersuchung in Anspruch, aber diese Verfahren sind Routine in jeder Frauenarztpraxis. Und im Fall der Diagnose „Trisomie 21“ entscheiden sich neun von zehn Schwangeren für die Abtreibung – jetzt schon.

Der status quo des Trisomiescreenings ist eigentlich unerträglich, mit dem Rumgeeiere zwischen ungefährlichen, aber nicht sehr hilfreichen Risikoschätzungen und der exakten, aber riskanten Fruchtwasseruntersuchung. Was ist denn das für eine unmögliche Entscheidung, die mancher Schwangeren aufgenötigt wird? Natürlich will die Schwangere Gewissheit, wenn der Arztbrief ein hohes Risiko nahelegt. Gewissheit gibt es aber nur im diabolischen Pakt mit dem neuen Risiko, ihr (wahrscheinlich doch gesundes) Kind als Folge der Fruchtwasseruntersuchung zu verlieren. Dieses Dilemma ist nicht gefühlt, sondern echt: Forscher aus England kamen 2008 zur Erkenntnis, dass im Rahmen des Down-Syndrom Screenings in ihrem (britischen) Datensatz zwar 660 Föten mit Trisomie erkannt wurden, dabei aber 400 gesunde Kinder verloren gingen.

Nackenfaltenmessung, Quadrupeltest und Fruchtwasseruntersuchung kosten wertvolle Zeit. Wenn die Diagnose „Trisomie 21“ über die Schwangere hereinbricht, oft nach der 18. Schwangerschaftswoche, ist es oft allerhöchste Zeit für eine Entscheidung. Ein aussergewöhnlicher Fall ging vor einigen Jahren durch die Medien: eine im 6. Monat schwangere Frau verfiel in blanke Panik angesichts der Diagnose „Down Syndom“ und verlangte eine sofortige Abtreibung. Da die Abtreibung so spät erfolgte, überlebte das Kind die Prozedur und wurde später von einer Pflegefamilie adoptiert. Es ist anzunehmen, dass die Öffentlichkeit nur wegen dieser aussergewöhnlichen Wendung von dem Fall erfuhr; als Klinik-ferner Laie kann ich nur mutmassen, welche Szenen sich in Arztpraxen und Krankenhäusern abspielen, wenn Schwangere im 5. oder 6. Monat erfahren, dass ihr Kind Trisomie 21 hat. Zu diesem Zeitpunkt spüren viele Schwangere schon die Bewegungen des Kindes und die Abtreibung läuft dann eher ab wie eine eingeleitete Frühgeburt, bei der das Kind kurz vor, während oder nach der Geburt stirbt. Unter diesen Umständen bleibt kaum Zeit, sich in Ruhe mit dem – wohl ebenfalls panischen – Partner zu besprechen, kaum Zeit für nicht-medizinische Beratung, viel zu wenig Zeit um eine überlegte, souveräne Entscheidung zu treffen.

Was wird sich also ändern durch die Einführung des neuen Tests?

Kann Ängste nehmen:
Menschen mit DS im Alltag kennenlernen
(Foto: Rob Kay via Wikipedia)

Mit dem neuen Bluttest kann Trisomie 21 recht früh in der Schwangerschaft ziemlich zuverlässig festgestellt werden. Der Test liefert aussagekräftige Ergebnisse etwa ab der 10. Schwangerschaftswoche, ohne Risiko für Mutter und Kind, und – vor allem- mit mehr Zeit, das Ergebnis zu verarbeiten und eine Entscheidung zu treffen, mit der die Betroffenen leben können. Die Schwangere kann sich zum Beispiel nicht nur mit dem Arzt, sondern auch mit Behindertenorganisationen beraten, eventuell sogar eine Betreuungseinrichtung besuchen und dort Menschen mit Down-Syndrom treffen. All das kann Ängste nehmen und es vielleicht der einen oder andern Familie leichter machen, das Leben mit einem behinderten Kind anzunehmen. Eine Entscheidung für das Kind wirft das Leben der Familie komplett über den Haufen, eventuell muss das Neugeborene für Wochen oder Monate in der Klinik bleiben, spezielle Betreuungseinrichtungen und andere Hilfen müssen gefunden werden; vielleicht müssen sich die Eltern beruflich an die neue Situation anpassen oder ganz zu Hause bleiben – was wiederum finanzielle Sorgen auslöst. Die Wohnung ist vielleicht nicht behindertengeeignet, ein Umzug wäre nötig –  aber welcher Vermieter hat schon gern ein behindertes Kind in seiner Wohnung? Dies alles und mehr stürmt auf die Eltern ein, und dazu noch die Angst, dass das Kind eventuell früh sterben könnte oder tot auf die Welt kommt. Angesichts dessen sage ich: Wie auch immer die Schwangere sich entscheidet, es muss immer ihre Sache sein. Aber je mehr Zeit den Eltern bleibt, sich alle Konsequenzen ohne Panik klar zu machen, umso leichter macht man es ihnen, sich im Zweifel vielleicht doch für das Kind zu entscheiden.

Wenn es jetzt die Möglichkeit gibt, genetische Besonderheiten wie die Trisomie 21 früh und risikolos zu erkennen, so haben Eltern meiner Meinung nach ein Recht darauf, diesen Test in Anspruch zu nehmen. Den Bluttest verbieten zu wollen ist sinnlos, auch deshalb, weil der Gesetzgeber kaum verhindern kann, dass Schwangere ihre Blutproben an Firmen im Ausland versenden.

Viele Eltern in Deuschland wollen das Geschlecht ihres Kindes vor Geburt wissen, die allermeisten haben dabei keine geschlechtsspezifische Abtreibung im Sinn und niemand denkt in Deutschland daran, die Geschlechtsbestimmung durch Ultraschalluntersuchung zu verbieten. Ich würde mir wünschen, dass wir mit Bezug auf Trisomie 21 auch einmal an diesen Punkt kommen, aber dazu müssen wir Behinderte und ihre Familien besser unterstützen, Barrieren abbauen und sie in allen Lebensbereichen akzeptieren. Das wiederum ist ein kompliziertes Thema und führt endgültig weg vom Auftrag eines Wissenschaftsblogs.

 

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Wichtiger Hinweis:

Missverstehen sie meinen Meinungsbeitrag bitte nicht als medizinischen Ratschlag. Ich schreibe auf Panagrellus.de für wissenschaftsinteressierte Menschen und biete meine Laienmeinung zum Thema Pränataltest frei von der Leber weg an. Falls sie auf diese Seite gestossen sind, weil sie oder einer ihrer Angehörigen in irgendeiner Weise selbst vom Thema „Down-Syndrom“ betroffen sind, bitte wenden sie sich an einen Arzt ihres Vertrauens und an Behindertenverbände, die individuelle Beratung anbieten. Eine Linksammlung finden sie z.B hier:

http://www.down-syndrom.org/linksammlung.html

 

3 thoughts on “Trisomie 21: Testen ist nicht töten

  1. awmrkl Jan 24, 2013 09:43

    Ich kann Deine Argumentation als ehemals (als älterer Bruder) Geschwister einer Betroffenen und seit langem an Herzfehler verstorbenen recht gut nachvollziehen, und auch -erstmals- Deine Erklärungen zur Entstehung dieser Anomalie. Zu dieser Zeit (Anfang ’60er) waren leider jede Menge wilder Spekulationen im Umlauf, bis hin zu “die haben doch selbst schuld, irgendwie – wie, k.A.”.

    Meine Eltern haben (ich denke, bis heute) den damals grassierenden A-Bomben-Versuchen und der folgenden Strahlenbelastungen die Schuld zugeschoben. Möglich, daß die beteiligt waren. Jedenfalls haben bereits damals Ärzte anscheinend glaubwürdig darauf hingewiesen, daß diese Anomalie nix vererbbares u/o zwingend wiederholendes hätte, sonst wären mir wohl zwei weitere Geschwister entgangen.

    Jedenfalls Dank für diese Infos!

  2. awmrkl Jan 24, 2013 10:02

    Hab ich ganz vergessen:

    Und ja, auch ich plädiere für die *Zulässigkeit* dieses Tests.

    Es muß ihn doch nicht jeder machen müssen, bzw jeder kann entscheiden, ob er ihn machen lassen will. Und weiterhin kann sich jeder evtl positiv getestete immer noch -mit genügend Zeit- so oder so entscheiden. Schlimm empfände ich es, wenn daraus sozialer Druck entstände (wie Du ja andeutungsweise schreibst), doch dafür gibt es mE keine Spur von Konsens (von einigen Psycho- bzw Soziopathen abgesehen). Allerdings ist mE ebenfalls darauf zu achten, daß Stimmung nicht doch kippt, jedoch hätten dann andere soziale Gruppen (Migranten, Schwule, Arbeitslose, …) den “Vorzug” – mE leider nicht total unwahrscheinlich …

    • HansZ Jan 24, 2013 10:32

      Ich glaube schon, dass es zumindest unterschwellig sozialen Druck auf Schwangere gibt, Kinder mit Down-Syndrom nicht auszutragen – anders kann ich mir die Abbruchrate von 90% nicht erklären.

      Während der Nachforschungen für diesen Beitrag bin ich auf diverse Internetforen gestossen, wo Mütter davon berichten, wie Frauenärzte dringend erst zum Test, dann zur Abtreibung geraten haben. Auch wurde in diesen Foren spekuliert, dass manche Ärzte Angst davor hätten, zu Unterhaltungszahlungen verpflichtet zu werden und deshalb der Schwangeren das Leben mit einem behinderten Kind in dunkelsten Farben ausmalen. Allerdings kam mir das alles sehr anekdotisch vor und eine seriöse Studie zur Realität der Beratungspraxis bei DS-Diagnose würde mich interessieren (so eine Arbeit gibt es vielleicht irgendwo, aber ich habe bei diesem Thema mein eigenes Fachgebiet etwas verlassen – ja, Blogger dürfen das (: )

      Zur Benachteiligung Behinderte: Ja, zum Glück gibt es nur noch sehr wenige , die behinderte Kinder als Strafe Gottes für irgendwelche Verfehlungen der Eltern ansehen. Aber so richtig integriert sind Menschen mit DS auch noch nicht, sie kommen im Alltag quasi nicht vor.

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