Tiergschichtln an Schmäh mit Physikerknödeln

Gruber, Oberhummer, Puntigam. Schon die Namen der Autoren scheinen direkt einem Roman von Wolf Haas entsprungen. Man erwartet von so einem Buch fast, dass Josef Hader als Privatdetektiv Brenner auftritt, durch ein paar Blutlachen stapft und „Jetzt ist schon wieder was passiert“ murmelt. Macht er nicht, aber dennoch ist „Gedankenlesen durch Schneckenstreicheln“, das neue Buch der drei Science Busters, erkennbar ein Werk der österreichischen Kabarettistenschule – skurril, oft morbid und mit ausgeprägtem Hang zum Schmäh.

Ob als Erklärer physikalischer Prinzipien auf dem Oktoberfest oder beim Anrühren homöopathischer Vollrausch-Drinks, die Science Busters (wie sich das Autorentrio auf der Bühne nennt) haben eine Mission: Wissenschaft so erklären, dass die Leute etwas damit anfangen können und nicht einschlafen. Für esoterischen Unsinn und Aberglauben aller Art haben sie nichts übrig, aber genauso wenig Respekt haben sie für professorales Gehabe. Die Physiker Oberhummer und Gruber und ihr Conferencier Puntigam bringen Wissenschaft raus aus dem Professorenkammerl und rein in die Kneipen und auf die Kleinkunstbühnen.

Comedy muss schnell sein, jede Minute eine Pointe, sonst bleiben die Zuschauer auf der Strecke. Diesen kabarettistischen Ansatz ein Buch lang durchzuhalten war offenbar das ehrgeizige Ziel der Science Busters. Herausgekommen ist ein rosa Prachtband im Samtumschlag – schon der Einband ein ironisches Augenzwinkern. Schlägt man auf, geht es in hohem Tempo einmal quer durch so ziemlich alles, was mit Physik und Tieren zu tun hat: Spinnen auf LSD, brennende Darmwinde, Wurmgrunzer, Bombardierkäfer, Hunde im Weltraum und im Magnetfeld schwebende Frösche. Die Science Busters holen sich dabei reichlich Anregungen bei den Preisträgern des Ig-Nobelpreises, dessen Motto (Erst schmunzeln, dann nachdenken) auch für „Gedankenlesen durch Schneckenstreicheln“ gilt.

Eine der Botschaften, die dabei gut rüberkommt: Korrelation und Kausalität zu verwechseln ist eine tiefsitzende menschliche Schwäche.  Aufgesessen sind dieser Denkfalle zum Beispiel die Wiener im 16. Jahrhundert, als sie Hirschgeweihe als Blitzschutz auf den Stephansdom platzierten – schliesslich hat noch nie ein Mensch gesehen, dass ein Hirsch vom Blitz getroffen wurde. Von den Maikäferprozessen von Lausanne ist es bei den Science Busters folgerichtig nur ein kleiner Schritt zu den Homöopathie-Anhängern von heute. Manche Bürger von Lausanne glaubten fest daran, dass rechtskräftige Urteile gegen Käfer zu einem Rückgang des Schädlingsbefalls führten, so wie heutige Homöopathen fest an die Wirkung ihrer wirkstofffreien Kügelchen glauben.

Funktioniert die gedruckte Comedy? Ich gebe zu, ich habe mich amüsiert und dabei gelernt wieso man Mordopfer nicht im Säurebad auflösen kann, ohne dabei den Ausfluss der Badewanne zu verstopfen – egal ob man ihnen eine kolumbianische Krawatte gebunden hat oder nicht. Auch, wieso Fische nicht vom Blitz getroffen werden und warum es trotzdem sinnlos ist, bei Gewitter einen Fisch schützend über den Kopf zu halten.

Aber die selbst auferlegte Zwangshandlung der Autoren, mindestens einen Gag pro Absatz unterzubringen, hat mich schnell ermüdet. Um genau zu sein, schon im ersten Kapitel, als dieser Satz auftauchte: „Die Ananas-Diät ist also komplett sinnlos, aber das gehört zu ihrer Job Description“. Die Science Busters selbst schreiben in einem späteren Kapitel über den Humor und seine Wirkung: Manche Leute finden einen Witz spontan lustig, bei anderen Menschen dagegen müsste ein Neurochirurg Bereiche des Gehirns experimentell stimulieren, um sie mit demselben Witz zum Lachen zu bringen. Bei jedem dritten Gag der Science Busters hätte ich mir gern ein Elektrode ins Hirn gerammt. Und das, obwohl ich als grenznaher Bayer wahrscheinlich mehr Sympathie für österreichische Spassmacher habe als ein echter Piefke.

Was mich aber noch mehr stört: Es fehlt eine übergeordnete Dramaturgie, atemlos reihen sich amüsante Fakten und mal mehr, mal weniger witzige Sprüche aneinander. Nach 279 Seiten ist es aus und man fragt sich, was das Ganze jetzt sollte. Harry Rowohlt liest die Hörbuchfassung zusammen mit den Science Busters und ich kann mir vorstellen, dass der Text als Hörbuch, kapitelweise im Auto gehört, besser funktioniert als das gedruckte Buch, bei dem ich doch die Erwartung habe, dass zwischen den Buchdeckeln eine zusammenhängende Geschichte erzählt wird. Wenn jemand von euch die Hörbuchfassung kennt, würde mich eure Meinung interessieren.

Trotz meiner Einwände habe ich das Buch nicht aussortiert, bei mir bekommt es einen Platz auf dem Gästeklo. „Wooos, neba da Haisltschick?“, werden Puntigam, Gruber und Oberhummer jetzt unisono einwerfen. Das ist aber wirklich nicht bös gemeint, verehrte Science Busters. Pro Sitzung schafft man gerade ein Kapitel und ich hoffe, dass meine Gäste mit einer interessanten Einsicht vom Stuhlgang zurückkommen. Oder zumindest mit einem dummen Spruch auf den Lippen. Mehr zu erwarten hiesse, die Möglichkeiten eines populärwissenschaftlichen Buches überschätzen.

 

 

“Gedankenlesen durch Schneckenstreicheln -
Was wir von Tieren über Physik lernen können”
Werner Gruber, Heinz Oberhummer, Martin Puntigam
Hanser Verlag
ISBN 978-3-446-43215-4
19,90 €

 

Die Science Busters auf Tour in Deutschland:

Berlin (18.2.), Dresden (19.2.), Erlangen (20.2.), Stuttgart (21.2.) und München (15. März)