Thüringer Eichen und nepalesische Ohrwürmer 1

 

Ein Sommer im Naturkundemuseum, Teil III: Naturkundemuseum Erfurt.

Große Arche 14. Was erwartet der Besucher beim Betreten dieser Adresse? Ein schwankendes Holzschiff? Wölfe, die friedlich neben Ziegen lagern? Tiere groß und klein, dicht aneinander gedrängt, während Wellenbrecher gegen die Schiffswand donnern?

Was soll ich sagen – genau das ist tatsächlich die Szenerie im alten Heizungskeller des Erfurter Naturkundemuseums. Die Tiere sind zwar Präparate und das begehbare Schiff wird nicht vom Ozean, sondern von einer Mechanik sanft hin- und herbewegt. Aber der Besucher bekommt schon eine Eindruck von der Enge und der prekären Lage auf so einem fiktiven Diversitäts-Segler.

Aber Moment mal: Noah, ein Pärchen jeder Art, die Arche – was hat dieser biblische Mythos denn in einem Naturkundemuseum verloren? Folgen die Erfurter Museumsmacher in ihrem Untergeschoss etwa heimlich dem Vorbild der amerikanischen Kreationisten, die ihre wörtliche Auslegung der Bibel ja gerne mal mit fragwürdigen „Ausstellungen“ untermauern?

Nein, nein, keine Aufregung bitte bei meinen skeptischen Lesern. Ganz im Gegenteil. Denn nach dem ersten Erstaunen („oh, so viele Tiere“) macht die Erfurter Version der Arche den Besucher stutzig – spätestens, wenn er das ausliegende „Frachtbuch“ entdeckt, das aufführt, welche Tiere NICHT auf der Arche sind und auch niemals dort Platz hätten: eben die ganz übergroße Mehrheit der Arten, die es auf der Erde gibt.

„Unsere Arche ist die Erde“, so erklärt Museumsdirektor Matthias Hartmann die Botschaft der Installation. Und diese bedenklich schwankende Arche Erde und ihre bedrohte Artenvielfalt gilt es jetzt zu schützen. Ein einzelnes Pärchen jeder Art wäre dafür sowieso nicht genug, wie der Besucher in den begleitenden Texten erfährt. Wir müssen Populationen und Lebensräume erhalten, um genetische „Bottlenecks“ zu vermeiden, also die „Ausdünnung“ des Genpools einer Art.

Die Arche ist die jüngste Erweiterung der Dauerausstellung in Erfurt, sie kam 2004 dazu. In den oberen Stockwerken geht es dagegen um die Natur Thüringens in Wald, Feld und Stadt. Zentrale Elemente sind die Dioramen, also lebensecht nachgestellte Naturszenen mit Tierpräparaten in realistischer Haltung.

Da gibt es etwa einen Feldhamsterbau mit Bewohnern, eine Rotte Wildschweine oder eine Darstellung des landschaftstypischen Bergfichtenwaldes mit allem, was darin lebt.

Und gelegentlich auch lebende Tiere. Im Obergeschoß beispielsweise, wo der „Lebensraum Stadt“ Thema ist , tummeln sich ein paar quicklebendige Ratten in einem Habitat aus Zivilisationsmüll – für arg empfindliche Naturen vielleicht fast schon zu realistisch!

Die Darstellungsform des Diorama, mit Präparat und Naturszene, war vorübergehend etwas aus der Mode gekommen. Videoinstallationen und interaktive, elektronische Lernstationen hatten ab etwa den 90er Jahren an anderen Museen die eigentlichen Exponate oft an den Rand gedrängt.

Aber als die Erfurter Naturkunde-Enthusiasten noch vor der deutschen Einheit anfingen, ihr neues Museum zu planen, ging man einen anderen Weg und stellte das Präparat und seine Umwelt in den Mittelpunkt. Damit war man durchaus eine Art „Retro-Pionier“ des modernen Dioramas; denn heute, in der Ära von Youtube und Smartphone, besinnen sich viele zuvor vielleicht arg technophile Museen wieder auf die Einzigartigkeit und den pädagogischen Wert ihrer Sammlungen und Präparate.

Schon einmal, bald nach Gründung des Museums im Jahr 1922, hatten die Erfurter gezeigt, wo es ausstellungspädagogisch lang geht. Damals stellten engagierte Bürger ein Museumsprojekt auf die Beine, die beim Publikum Furore machte. Anders als manche ehemals fürstlichen Naturalienkabinette schafften es die Thüringer nämlich, einen lebensechten Einblick in die Natur zu geben, Tiere und Pflanzen an ihrem Platz im Lebensraum zu zeigen. Das war damals neu, fast schon revolutionär.

Und auch im heutigen Museum gibt es ein Präparat, das ein Alleinstellungsmerkmal in der deutschen Museenlandschaft ist: der Abguss einer Eiche, die sich im Treppenhaus durch die Stockwerke nach oben streckt. Im Erdgeschoss geht es los mit den freipräparierten Wurzeln, und über die Stockwerke des Museum ragt der Stamm 14 Meter in die Höhe bis zur Krone, mit allem was darin lebt. Erst auf den zweiten Blick bemerkt der Besucher, dass dieser Baum gar nicht echt ist.

Das liegt wohl auch daran, dass die Stieleiche eben keine Impression eines Künstlers ist, sondern eins zu eins ein natürliches Vorbild wiedergibt, das 350 Jahre lang in der Thüringer Landschaft stand. Die Suche nach einem passenden Exemplar war damals recht mühsam, erzählt der Direktor – schliesslich brauchte man einen Baum, der sich optisch gut einfügte und dessen Ausmaße genau ins Treppenhaus passten. Als der richtige gefunden war, haben vier Mitarbeiter ein Jahr lang an der Eiche gearbeitet; in mehr als 30 Einzelteilen entstand der Abguss.

Ich schreibe im Rahmen dieser Serie viel über Tiere und vernachlässige leider allzu oft die Pflanzen – typischer Museumsbesucher eben! – aber in Erfurt bildet ein Baum unübersehbar die thematische Klammer, die die Ausstellung zusammenhält.

Dass ein eher kleines städtisches Museum überhaupt über so ein aufwendiges Exponat verfügt und auch sonst so professionell auftritt, hat wohl auch mit der jüngeren deutschen Geschichte zu tun. Denn nach der enthusiastischen Rezeption der 20er Jahre und der Unterbrechung der Museumsarbeit im zweiten Weltkrieg wurde es ruhig um die Ausstellung. Die Exponate blieben meist eingelagert, was ihnen nicht gut bekam.

In den 80er Jahren dann entstanden Pläne für ein eigenes Museumsgebäude – gerade rechtzeitig, denn dann kam die Wende. Beim Wettbewerb um Fördergelder, die in den Nach-Wendejahren noch reichlicher flossen, hatten die Erfurter Naturforscher einen Trumpf in der Hand: fertige Pläne und ein überzeugendes Konzept für ein neues Museum, das dann 1995 eröffnet wurde.

Neben der Ausstellung legen die Kuratoren und der Leiter  Wert auf die kontinuierliche Arbeit an der Sammlung und die eigene Forschung. Dieser Anspruch verlangt Engagement und Enthusiasmus; immerhin umfasst die Sammlung hinter den Kulissen etwa eine Million Objekte.

Könnte sich ein städtisches Museum nicht einfach auf eine hübsche und lehrreiche Ausstellung konzentrieren, die möglichst viele Besucher anzieht? Wieso muss da auch noch geforscht und weiter gesammelt werden? „Eine gute Ausstellung muss man aus der Forschung heraus entwickeln“ sagt Hartmann dazu und zitiert das Humboldtsche Ideal, nach dem Lehre und Forschung untrennbar zusammengehören.

Die Definition der „Internationalen Kommission für Museen“ gibt ihm recht: Museum ist demnach eine Einrichtung, die „ Zeugnisse beschafft, bewahrt, erforscht, bekannt macht und ausstellt“ – in dieser Reihenfolge.

Die Finanzierung der Forschungsarbeit ist dabei ein Problem – denn Zugang zu Fördergeldern, etwa über die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), ist schwierig, wenn man in den Augen der Drittmittelgeber nicht als „richtiges“ (z.B. universitäres) Forschungsinstitut gilt.

Trotzdem beschränken sich die Mitarbeiter und ehrenamtliche Helfer nicht auf die Erkundung der Thüringer Natur vor der Haustür, obwohl das natürlich auch ein Schwerpunkt ist. Regelmässig zieht es die Erfurter Naturforscher in den Himalaya und nach Südost-Asien, eine Gegend, in der es noch reichlich bisher unbekannte Artenvielfalt gibt.

Neben der Sammelarbeit pflegt man dort auch Kontakte zu einheimischen Naturforschern. Drei Gäste aus Bangladesch lernen in Erfurt die Kunst der Präparation, und auch in anderer Weise stellen die Thüringer ihr Wissen zur Verfügung. Beispielsweise hat ein freier Mitarbeiter des Museums einen Bestimmungsschlüssel für die Ohrwürmer Nepals erstellt. Eine willkommene Hilfe für die nepalesischen Naturforscher, die nun mit dem Schlüssel des Erfurter Experten ihre heimische Fauna erkunden können.

Womit wir wieder bei der Botschaft der Arche im Heizungskeller wären. Denn was man schützen will, muss man erst mal kennenlernen – und die Ohrwürmer sind im großen Ganzen nicht weniger wichtig als andere, vielleicht hübschere Arten.

 

 Bisher in dieser Serie erschienen:

Teil 1:  Jura-Museum Eichstätt –   Bayerische Unterwasserwelten

Teil 2: Naturkundemuseum Görlitz – Unter Milben und Wölfen

 

Nächste Woche:  Museum für Naturkunde Berlin

 

 

One comment on “Thüringer Eichen und nepalesische Ohrwürmer

  1. HansZ Aug 26, 2013 21:30

    Da schreibt man einmal nicht über Tiere, sondern über einen Baum – und schon geht’s daneben..

    Es handelt sich in Erfurt um den Abguss einer STIEL-Eiche (Quercus robur), nicht um eine STEIN-Eiche (Quercus ilex), wie bis heute fälschlicherweise im Artikel stand.

    Vielen Dank an Matthias Hartmann für den Hinweis.

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