Shutdown in den USA, Fallout in Europa?

NASAs einsamster Forscher geht in die Zwangspause. NASA’s einsamster Forscher macht vorerst  weiter.  Mars-Rover Curiosity ist aber einer von recht wenigen Regierungsmitarbeitern, die nicht nach Hause geschickt wurden. Er funktioniert auch noch prächtig, aber seine Heimatregierung, die ist ziemlich kaputt. Wegen des Haushaltsstreits zwischen Demokraten und Republikanern im amerikanischen Kongress bleiben alle „nicht-essentiellen“ Regierungstätigkeiten liegen, die Mitarbeiter sind in den unbezahlten Zwangsurlaub geschickt worden – darunter eben auch der Großteil des NASA-Personals. Nur essentielle Mitarbeiter arbeiten weiter, beispielsweise das für die Astronauten auf der internationalen Raumstation zuständige Bodenpersonal. (Curiosity bleibt wohl auch deshalb vorerst in Betrieb, entgegen umherflirrender Nachrichten, weil für ihn private Labore wie das JPL zuständig sind – das stand in der ersten Version meines Beitrags falsch; mit Dank  an @cosmos4u für den Hinweis).

Wenn ich heute (zum Beispiel für meine Museum-Serie) im Naturhistorischen Museum in Washington (Smithsonian Institute) aufkreuzen würde, hätte ich auch Pech: Das Museum ist geschlossen, die allermeisten Mitarbeiter sind nicht an ihrem Arbeitsplatz – gleich ob Kassenkraft, Präparator oder Forscher. Das heisst, nicht alle: Kurioserweise ist eine Expertin für Vogelbestimmung im Dienst, ihre Tätigkeit wurde als essentiell eingestuft (so steht es zumindest in diesem Artikel in Science.) Aber nicht etwa, weil Präsident Obama die staatstragende Bedeutung ornithologischer Grundlagenforschung erkannt hätte – vielmehr hat irgendjemand die Begründung aufgetischt, die Expertin werde gebraucht, um im Fall von ornithologischen Problemen im Flugverkehr mit ihren Kenntnissen zur Seite zu stehen. Fluggänse im Getriebe sind ein Albtraum jedes Piloten – und  zur Gefahrenbewertung kann es wichtig sein, zu bestimmen, welche Vogelart im Motor einer Boeing geschreddert wurde.

Nun könnte man sagen: meine Güte, da machen die amerikanischen Regierungs-Wissenschaftler halt mal ein paar Wochen Urlaub – umso besser für europäische und asiatische Forscher, die holen so vielleicht mal ein wenig auf. Aber man darf auf Auswirkungen auf den Forschungsbetrieb in Europa gespannt sein, falls der Haushaltsstreit nicht bald entschärft wird. Denn einige alltägliche Arbeitsabläufe in europäischen Labors hängen von Ressourcen ab, die die Amerikaner allen anderen zur Verfügung stellen.

In der Raumfahrt sowieso, aber auch in den Biowissenschaften: Kollaborationen mit NSF- und NIH- Wissenschaftlern dürften dieser Tage brach liegen. Aber auch ein Service, den eigentlich alle Molekularbiologen und Bioinformatiker regelmässig nutzen, wurde auf Sparflamme gestellt: Die Datenbanken und Dienste des National Center for Biotechnology Information (NCBI).

NCBI stellt den Forschern auf aller Welt nicht nur eine der meistgenutzten Datenbanken für wissenschaftliche Veröffentlichungen zur Verfügung (PubMed), sondern unterhält auch die zentrale und letztlich massgebliche Datenbank für DNA-Sequenzen (GENBANK); wer beispielsweise neue Genvarianten entdeckt und in einer Fachzeitschrift veröffentlichen will, muss normalerweise die DNA-Daten zuerst zu NCBI schicken, wo sie dann mit einer Zugangsnummer versehen abgespeichert werden; diese Nummer müssen die Forscher dann in der Veröffentlichung zitieren, damit jeder Leser auf die Rohdaten Zugriff hat.

Es sind zwar – wohl auch wegen der Bedeutung von NCBI für medizinische Anwendungen – dort nicht alle Angestellten heimgeschickt worden; die Datenbanken sind noch zugänglich, mit einem Warnhinweis, dass im Moment nichts aktualisiert wird:

Due to the lapse in government funding, the information on this web site may not be up to date, transactions submitted via the web site may not be processed, and the agency may not be able to respond to inquiries until appropriations are enacted.

Aber Forscher, die in diesen Tagen ihre Sequenzdaten dort einreichen, werden wahrscheinlich mit Verzögerungen leben müssen. Wer schon mal erlebt hat, wie nervöse Forscher auf glühenden Kohlen sitzen, wenn sie ihre Daten schnellstmöglich publizieren wollen/müssen – z.B. weil die Konkurrenz schneller sein könnte, – der kann erahnen, wie ärgerlich der „Shutdown“ noch werden könnte.

Aber auch wenn in den USA doch noch Vernunft vom Himmel fällt: Vielleicht denken die Europäer  darüber nach, ob es wirklich vorteilhaft ist, sich zu sehr auf  Dienstleistungen und Forschungsinfrastruktur aus den USA zu verlassen.