Sexistischer Stuss aus der Soziobiologie? 10

Alter Mann, junge Frau.
Abb: Public Domain

 

Die Männer sollen also schuld sein, dass Frauen in die Wechseljahre kommen. Sie paaren sich einfach zu gerne mit jungen Mädchen, die Fruchtbarkeit älterer Frauen ging in der Evolution deshalb irgendwann verloren – ergo Menopause. Diese Hypothese hätten drei Forscher aus Kanada anhand eines Computermodells aufgestellt, hiess es letzte Woche in der Presse.

Der Artikel, der im Original in PLoS Computational Biology erschien, löste prompt Kopfschütteln von verschiedenen Seiten aus: Die einen fragten sich, ob hier sexistische Männerfantasien biologisch gerechtfertigt werden:

 

 

 

 

 

Und: Lausiger Umgang mit der Logik?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Was also ist hier wieder schiefgegangen? Ist der Beitrag einfach schlechte, sexistische Pseudoforschung kanadischer Machos oder liegt das Problem in schlechter Vermittlung einer vielleicht soliden Arbeit?

Mein Versuch einer Antwort hat drei Teile. Ich schweife dabei erst mal ins Allgemeine ab – auch, weil das mein Blog ist und ich rumlabern kann wie ich will. Ich denke aber auch, dass ich erst einige Missverständnisse aus dem Weg räumen muss, die bei solchen Themen immer wieder nach oben kommen.

Hier erst mal die Zusammenfassung:

1. Wir befinden uns mit diesem Thema auf dem sumpfigen Grund der Soziobiologie. Das heisst: Viel Spekulation, wenig Daten. Die allzu oft faktenlosen Thesen zum Verhalten von Männern und Frauen haben aber einen soliden theoretischen Kern, den ich schon ganz interessant finde.

2. Die aufgeregte Rezeption soziobiologischer Thesen geht am Thema vorbei. Wir sind nicht die Sklaven unserer Gene. Auch wenn manche Verhaltensmuster vielleicht erbliche Komponenten haben, die in der Vergangenheit einen evolutionären Vorteil mit sich brachten: es ist nicht automatisch gerechtfertigt oder gar erstrebenswert, sich so zu verhalten, wie es „die Gene“ vielleicht in uns angelegt haben. Kein Grund zur Aufregung also. Das gilt für idiotische Macho-Reaktionen (Seht her! Alles in unserer Natur, wir können nicht anders!) ebenso wie für die reflexhafte „Biologismus“-Anklage aus der Ecke der Geisteswissenschaftler.

3. Diese Arbeit zur Menopause aus PLoS Comp. Biol. ist wirklich nicht der Rede wert. Von der technischen Ausführung her wahrscheinlich nicht mal falsch, aber ein recht unnötiges Stück hypothetischer Modellspielerei, das die Forschung zum evolutionären Ursprung der Wechseljahre kaum weiterbringt.

1. Männer und Frauen aus Sicht der Soziobiologie

Die Soziobiologie, also die Erforschung der evolutionären Basis des Sozialverhaltens, hat keinen guten Ruf, zumindest wenn es um den Menschen geht: Steile Thesen generiert sie in großer Zahl, aber solide Fakten muss man mit der Lupe suchen. Die schillernden Thesen zu den vermeintlichen adaptiven Vorteilen der Wechseljahre (der Menopause) sind ein wunderbares Beispiel dafür. Mindestens 10 verschiedene Erklärungsmodelle gibt es schon dafür, dass Menschenfrauen – anders als die Weibchen der meisten anderen Tiere – nach dem gebährfähigen Alter in ein eine lange, nichtreproduktive Lebensphase eintreten.

Kommen Frauen in die Wechseljahre, damit ältere Frauen sich mehr um ihre Enkelschar kümmern können, somit deren Überlebenschancen steigern? Auf diesem Weg können die Großmütter den Fortbestand ihrer Gene vielleicht effektiver sichern, als selbst weitere Kinder zu bekommen; das ist die „Großmutterhypothese“, die wohl am häufigsten als Erklärung für die Menopause herhalten muss. Aber könnte es nicht auch einfach so sein, dass die unfruchtbare Lebensphase der Menschenfrauen ein Artefakt unserer „künstlich“ verlängerten Lebenszeit ist – unsere prähistorischen Vorfahren starben früher, ein adaptives Szenario ist also vielleicht ganz abwegig (die „Lifespan-Artefact“-Hypothese). Die anderen 8 Thesen erspare ich euch, der Artikel der Kanadier hat eine schöne Tabelle dazu .

Da macht Soziobiologie Sinn
Foto: Fir0002/Flagstaffotos cc-by-nc

Dass es bei der soziobiologischen Erforschung des Menschen kaum harte empirische Fakten gibt, ist nicht Schuld der Forscher. Der Mensch ist einfach kein zugängliches Forschungsobjekt, anders als beispielsweise Ameisen oder Schleimpilze – bei diesen Arten kann die Soziobiologie  richtig solide Daten vorweisen.

Was ich interessant finde, sind weniger die immer neuen „Just-so-Stories“ , die  zu Fragen nach Mann und Frau kursieren, sondern die evolutionsbiologische Idee, wieso es überhaupt zu unterschiedlichen Verhaltensmustern und Konflikten der Fortpflanzungsstrategien der Geschlechter kommen sollte.

Die Idee ist – ganz verallgemeinert gesagt – etwa die:

Eizellen sind eine „teure“ Investition, denn neben der DNA halten Eier Nähstoffe bereit, bei Säugetieren wird der Embryo zudem über Monate ausgetragen. Eizellen stehen daher nur in begrenzter Zahl zur Verfügung und sind eine knappe Ressource.

Spermien sind dagegen billige Massenware: Das Spermium trägt fast nur die DNA zum Fortpflanzungserfolg bei. Die optimale „Strategie“ zur Weitergabe der eigenen Gene ist daher für weibliche und männliche Individuen eine Andere. Es ist essentiell für den Reproduktionserfolg der Weibchen, Sexualpartner mit „guten Genen“ auszuwählen – denn die Gesamtzahl der möglichen Nachkommen ist begrenzt durch die Knappheit der Eizellen.

Bei Männchen sieht die Sache ganz anders aus. „Every sperm is sacred“ singt der irisch-katholische Kinderchor in Monthy Pythons „Der Sinn des Lebens“ – biologisch gesehen ist das Unsinn. Geringe Investition, quasi endloser Vorrat – eine vorteilhafte männliche Strategie zum Gen-Erhalt scheint es zu sein, auf Masse statt Klasse zu setzen.

Allerdings liegt die Wahl des Partners meist beim Weibchen, der Hüterin der knappen Ressource; Weibchen, die darauf achten,dass sich sich auch das Männchen an der Brutpflege beteiligt, haben in vielen Arten einen größeren Fortpflanzungserfolg. Schön zu beobachten, weil es so farbenfrohe Männchen hervorbringt, ist das komplexe Wechselspiel zwischen männlicher und weiblicher Fortpflanzungsstrategie zum Beispiel bei Guppies und Schwertträgern (siehe dazu meinen vorigen Beitrag).

Wichtig ist aber erst mal, Strategie bitte nicht wörtlich zu verstehen, im Sinne einer bewussten Planung eines Individuums. Gemeint ist: genetische Anlagen für bestimmte Verhaltensmuster und physiologische Merkmale setzen sich durch, weil die Träger dieser Merkmale mehr Nachkommen haben, die dann auch wieder die Gene für das jeweilige Verhalten tragen, und immer so weiter. Auch männliche und weibliche Pflanzen oder Einzeller verfolgen verschiedene „Fortpflanzungsstrategien“ in diesem Sinn.

Bei Tieren mit komplexen, intelligenten Reaktionen wird’s richtig kompliziert, denn Verhalten ist dort eben nicht in der Hardware kodiert. Dazu kommt beim Menschen noch die kulturelle Überformung, die nach anderen Regeln funktioniert als biologische Evolution. Kulturelle Praktiken und Normen verbreiten sich unabhängig von genetischen Verwandtschaftslinien.

Damit sind wir beim wichtigsten Punkt meines heutigen Beitrags:

2.Wir sind nicht Sklaven unserer Gene

Ich sag das noch mal, weil hier oft ein ganz große Missverständnis liegt: Wir sind nicht Sklaven unserer Gene. Genetisch beeinflusste Verhaltensweisen gibt es, und Unterschiede in diesen Anlagen zwischen Männern und Frauen gibt es vielleicht auch. Es ist aber Unsinn, daraus Rechtfertigungen oder gar eine ethische Richtschnur für das Verhalten heute lebender Menschen abzuleiten.

Papas Gene können zum Verhängnis werden.
Foto: g. willis cc / via wikimedia

Übernimmt ein männlicher Löwe ein Harem von einem Rivalen, tötet er oft die Baby-Löwen des Rudels, die nicht er, sondern sein Vorgänger gezeugt hat. Soziobiologisch leicht zu erklären: Die Löwinnen werden schneller wieder trächtig, sobald die Stiefkinder beiseite geräumt sind und ‘verschwenden’ (aus Sicht des Männchens) keine Ressourcen an den Nachwuchs des verdrängten Rivalen. Weitere pikante Folge: Die Löwenweibchen verwöhnen den Haremschef wo sie nur können – denn ein geschwächter Löwenmann wird leichter von einem Konkurrenten verjagt, mit unguten Folgen für den Nachwuchs der Weibchen.

Jetzt könnte man  spekulieren, ob auch im Menschen Ansätze ähnlicher Verhaltensmechanismen genetisch angelegt sind. Aber nur besonders idiotische Machos folgern daraus, dass es deshalb ok sei, wenn ein Vater seine Stiefkinder vernachlässigt; oder dass es natürlicherweise Aufgabe der Frau sei, dem Mann rechtzeitig vor Beginn der Sportschau Pantoffeln und Bier zu bringen.

Die Soziobiologie findet vielleicht (vielleicht!) auch beim Menschen die Spuren genetisch angelegter, geschlechtsspezifischer Verhaltensweisen. Dass eine Verhaltensweise mit genetischer Komponente in der prähistorischen Vergangenheit der Spezies Mensch zu mehr Nachkommen führte, ist aber kein Argument für irgendwas bei einer mit Bewusstsein und Intelligenz gesegneten Art wie homo sapiens. Es ist nicht in den Genen festgeschrieben, was zu tun und was zu lassen ist.

Kurz: Was auch immer Evolutionsbiologen über Fortpflanzungstrieb und Paarungspräferenzen alter Männer herauszufinden meinen – es trägt nichts bei zur Debatte, wie Mann und Frau miteinander umgehen sollen .

3. Die Arbeit aus Kanada ist nicht der Rede wert

Jetzt aber vom Grundsätzlichen wieder zurück zum Auslöser dieses doch schon wieder recht umfangreichen Artikels, dem Beitrag der kanadischen Menopause-Modellierer. Die Autoren haben also ein Computermodell gebastelt, das die Evolution einer zweigeschlechtlichen Population über die Zeit simuliert, unter Beachtung der Vererbungsregeln und des Effekts von zufälligen Mutationen.

Die hypothetischen Mutationen beeinträchtigen dabei jeweils geschlechtsspezifisch das Überleben und/oder die Fruchtbarkeit.

Im konkreten Modell gelten insbesondere folgende Startbedingungen – Und Achtung, jetzt wird’s schräg:

- Es gibt Mutationen, die nur die weibliche , nicht aber die männliche Fruchtbarkeit beeinträchtigen

- Männer paaren sich bevorzugt mit jungen Frauen (ist einfach so)

Lässt man das Modell mit diesen Bedingungen im Computer loslaufen, so können sich auch solche Mutationen in der Population dauerhaft halten, die die weibliche Fruchtbarkeit in höherem Alter herabsetzen. Träger dieser hypothetischen Mutationen haben nicht weniger Nachkommen als andere Frauen, da sich Männer per Modelldefinition sowieso nicht mit diesen Frauen paaren. Das ist keine Überraschung. Und sie werden in diesem Modell trotzdem genauso alt wie andere Frauen. Das ist auch keine Überraschung, denn so waren die Mutationen definiert.

Aber warum denn sollten Männer sich bevorzugt mit jüngeren Frauen paaren? Dazu sind die Autoren schweigsam wie ein Trupp kanadischer Holzfäller. Eine nahe liegende Antwort wäre: Deshalb vielleicht, weil Ursache und Wirkung genau andersrum liegen als in ihrem Modell – dass also ältere Frauen weniger fruchtbar sind und deshalb die Evolution die männliche Vorliebe für jüngere Frauen belohnt hatte? Wir sind also wieder bei den anderen 10 Hypothesen.

Enttäuschend finde ich vor allem, dass die Autoren dieses Huhn-und-Ei-Problem  ignorieren. Mit abstrusen Annahmen kann man fast alles modellieren – der Test liegt darin, ob man Daten beibringen kann, die das Modell entweder stützen oder stürzen.

Was ich von dieser Meldung also mitnehme? Hypothetisch kann auch die männliche Partnerwahl am Anfang einer Kaskade genetischer Ereignisse stehen, die schliesslich zur Etablierung der Menopause führt. Das ist weder überraschend noch inspiriert es interessante Folgeuntersuchungen.

Leider entstand so mal wieder der Eindruck, Evolutionsbiologie beschäftige sich hautsächlich mit obskuren, nicht belegbaren Spekulationen. Dass Evolutionsbiologen auch solide Fakten liefern können, hört man in der Presse dagegen eher selten. Dazu muss man schon Panagrellus lesen – beispielsweise hier und hier  und hier.

10 thoughts on “Sexistischer Stuss aus der Soziobiologie?

  1. Erbloggtes Jun 20, 2013 13:42

    Danke für die Aufklärung darüber, was Biologen so tun, um zu Aufsehen erregenden Ergebnissen zu kommen. Da sind wir dann auch gleich bei einem Problem, das nicht nur die (Sozio)Biologie hat:
    Für eine breite Öffentlichkeit anschlussfähig wird Fachwissenschaft, indem sie Diskurse dieser breiten Öffentlichkeit bedient. Die interessiert sich nämlich gar nicht für trockenste Fachwissenschaft, sondern nur dafür, womit sie auch etwas anfangen kann. Dazu dient sowohl die Annahme, wir seien Sklaven unserer Gene, als auch die Behauptung, was genetisch/biologisch/von der Natur/von Gott so gemacht sei, sei auch ethisch wünschenswert (dieser Diskurs ist, wie man sieht, sehr viel älter als die Genetik). Drittens dient dazu die Verwendung von Begriffen, die Biologisches und Soziales vermischen: “Strategie” zum Beispiel ist, wie Du erklärst, eine grobe Metapher. “Harem” ebenfalls. Auch die Sprechweise insgesamt in solchen Bereichen der Biologie hat die Funktion, die Fachwissenschaft anschlussfähig für Diskurse der Öffentlichkeit zu machen.
    Wäre ich ein fieser, populistischer Wissenschaftstheoretiker, würde ich sagen: Ihr doofen, gierigen Biologen redet so sozialdarwinistisch, weil Ihr damit der Gesellschaft mehr Geld aus den Rippen leiern wollt. Bin ich natürlich nicht. Es gibt sicher an manchen Stellen keine begrifflichen Alternativen (zu Strategien oder Harem z.B.), mit denen man sich verständlich machen könnte. Sicherlich verhindert aber die Notwendigkeit, zur Aquise von Forschungsmitteln anschlussfähige Anträge zu verfassen und Ergebnisse vorzulegen, dass solche soziobiologisierenden Begrifflichkeiten durch unbelastete, fachwissenschaftliche Kunstworte ersetzt werden. Ebenso dürften Forschungsprojekte, die steile Thesen über prädeterminierte Geschlechterverhältnisse zu produzieren geeignet sind, mehr Chancen auf Bewilligung (oder bloß auf Rezeption durch eine breitere Öffentlichkeit?) haben als solche, die valide, unspektakuläre Daten produzieren.
    Warum haben Wissenschaften (keineswegs nur die Biologie!) dieses Problem? Weil sie in einer Konkurrenz um Mittel stehen. Ist das deshalb gar kein Problem, sondern ein Feature? Keineswegs. Und deshalb ist “die reflexhafte „Biologismus“-Anklage aus der Ecke der Geisteswissenschaftler” auch völlig gerechtfertigt. Die stehen nämlich letztlich in Konkurrenz um dieselben Mittel. Und wenn Biologen mit solchen Ergebnissen reüssieren, müssen andere Wissenschaftler zeigen, dass sie dabei nur Unsinn verbreiten.
    Man gerät unweigerlich in den Straßenschmutz, wenn man den Elfenbeinturm verlässt. ;-)

    • HansZ Jun 20, 2013 14:49

      Für eine breite Öffentlichkeit anschlussfähig wird Fachwissenschaft, indem sie Diskurse dieser breiten Öffentlichkeit bedient. Die interessiert sich nämlich gar nicht für trockenste Fachwissenschaft, sondern nur dafür, womit sie auch etwas anfangen kann.

      Genau. Was vielleicht auch gar nicht schlimm wäre, wenn man nicht gleichzeitig so radikal verkürzen müsste; alles kann man eben nicht auf eine eingängige Schlagzeile runterbrechen ( “Männliche Vorliebe für junge Frauen ist Schuld an Menopause“)

      Deine Anmerkungen zur Wortwahl fand ich sehr bedenkenswert. Vielleicht wären die Soziobiologen wirklich besser beraten, weniger Anleihen an Begriffen zu nehmen, die ausserhalb der Fachwelt eine ganz eindeutige, oft kulturell geprägte Bedeutung haben. Und, mea culpa, “Harem” ist genau so ein Begriff, der vielleicht zu vermeiden wäre, wenn es um Löwen geht.

      Andererseits kann man nicht einen Text, der sich an Nicht-Fachleute richtet, mit Begriffserklärungen vollstopfen. Assoziative Begriffe können schon das Verständnis leichter machen – solange irgendwo klargestellt wird, wie sie denn gemeint sind, und wie nicht.

      Nicht nur wegen der Begriffsverwirrungen und der Datenarmut habe ich ein gespaltenes Verhältnis zur Soziobiologie, wie man vielleicht aus dem Post herausliest.

      .Einerseits ist der Anspruch doch legitim: Wenn der Mensch ein Produkt der biologischen Evolution ist, dann können wir menschliches Verhalten auch von den Voraussetzungen der Evo-Theorie her untersuchen, vergleichende Studien mit nahen und fernen Verwandten aus dem Tierreich inklusive.

      Aber dann gab und gibt unter den Leuten, die sich Soziobiologen nennen, auch wirklich einige die meinen, man könne biologische Theorien direkt in politisches Handeln übersetzen – Eibl-Eibesfeldts krude Ideen zu Migration und “Fremdenfurcht” gehören in diese unschöne Kategorie. Da ist der “Biologismus” – Vorwurf natürlich berechtigt .
      Den Unterschied zwischen seriösen Wissenschaftlern und Sozialdarwinisten klarzumachen, ist umso schwieriger, wenn beide Gruppen mit den gleichen aufgeladenen Begriffen hantieren.

      Schwieriges Thema!

  2. Wolfgang Jun 21, 2013 09:41

    Sehr interessanter Artikel, danke!

    Was mir aber zu denken gibt ist:

    Das gilt für idiotische Macho-Reaktionen (Seht her! Alles in unserer Natur, wir können nicht anders!)

    Wo ist die Grenze zwischen Macho-Reaktion und Realität? Wenn ich jeder Frau im Minirock hinterhersabbere, dann ist das wohl eine Übertriebene Reaktion. Wenn mir der Anblick einer Frau im Minirock aber gefällt und ich schaue sie mir deshalb genauer an, erkläre ich mir das schon als Reaktion auf die Evolution. Einfach ausgedrückt, wenn meine jetzt 8-jährige Tocher, mal mit Liebeskummer zu mir kommt und fragt warum Männer solche Schweine sind, dann hätte ich wohl geantwortet: “Weil es in unserer Natur liegt”. jetzt bin ich mir etwas unsicher. Darf ich jetzt keiner schönen Frau mehr hinterherschauen, weil das würde nur bedeuten ich bin ein Sklave meiner Gene und dieses “Es liegt in meiner Natur” ist nur eine Entschuldigung um meinen niederen Trieben nachgeben zu können ohne das Gefühl zu haben andere sind “Stärker” als ich?

    Wie erkläre ich meiner Tochter, dass ich als Jugentlicher selber Sachen getan habe, die im Nachinein in diese “Das liegt in unserer Natur” Kategorie fallen und ich erst durch Erfahrung (oder in interessanten Artikeln wie diesen) gelernt habe, dass diese Gefühle die uns zu etwas drängen, keine unumstössliche Gesetze sind?

    Die wichtigste Frage, meiner Meinung nach:
    Inwieweit bestimmen die Gene selber wie sehr Sklave wir sind?

    Grüße,
    Wolfgang

    • HansZ Jun 21, 2013 13:11

      Wenn mir der Anblick einer Frau im Minirock aber gefällt und ich schaue sie mir deshalb genauer an, erkläre ich mir das schon als Reaktion auf die Evolution.

      Ja, das ist naheliegend und auch kein Problem, solange sich die Frau nicht belästigt fühlt. Aber wenn die Frau sagt “Bitte starren sie mich doch nicht so an”, dann kann man sich eben nicht auf die Gene berufen und ein Recht auf Belästigung daraus ableiten.

      Wie man das seinen Kindern erklärt, dazu fühle ich mich (noch) nicht berufen zu antworten – ich hab bei meinen Töchtern da noch ein paar Jahre Zeit, die Ältere lernt gerade erst sprechen… aber ich reiche die Frage gerne an meine Leser weiter!

      Interessanterweise kommt die “Es liegt doch in der Natur”- Ausrede hautsächlich bei der Sexismus-Diskussion auf.


      Nur zum Vergleich:

      Vorliebe für süßen Geschmack und hemmungslose Aufnahme von Zucker und anderen Kohlenhydraten liegt auch in unserer Natur. Zuckerreiche Energiequellen waren in prähistorischer Zeit so selten, dass unsere Physiologie eine Belohnung für Zuckeraufnahme vorsieht, aber kaum Hemmungen vor Überdosierung kennt.

      Trotzdem schaffen es die meisten, ihren Zucker-Input zu zügeln (mehr oder weniger).
      Und niemand behauptet, dass es doch ein Naturgesetz sei, dass wir soviel Zucker in uns reinstopfen müssen wie nur geht.

      Wir können unsere Gene eben auch austricksen – z.B. mit Süßstoff uns die ernährungphysiologisch sinnlos gewordene “Belohnung” abholen, die unsere Gene für Süßgeschmack vorsehen. ( Parallele zum Süssstoff im Mann-Frau-Verhältnis wäre Kondom und Pille, könnte man vielleicht spekulieren – aber das ist dann ein anders Thema).

      • Wolfgang Jun 25, 2013 12:02

        ja, das ist naheliegend und auch kein Problem, solange sich die Frau nicht belästigt fühlt. Aber wenn die Frau sagt “Bitte starren sie mich doch nicht so an”, dann kann man sich eben nicht auf die Gene berufen und ein Recht auf Belästigung daraus ableiten.

        Das kann ich nachvollziehen und bin auch der gleichen Meinung. Es geht da nicht um Neigungen oder Gefühle wo wir wirklich Sklaven unserer Gene sind, sondern um die Situationen wo wir die Wahl haben.

        Danke,
        Wolfgang

  3. Reineke Jun 22, 2013 22:45

    Danke für den interessanten Text. Ich bin zwar nur ein interessierter Laie in Sachen Evolutionsbiologie, bin von der allgemeinen Rezeption aber auch öfters recht genervt. Eine evolutionsbiologische Erklärung für ein bestimmtes Merkmal sagt halt wirklich nur “X ist wegen den Gründen Y, Z & ff. entstanden”, nicht “So sollte unser Verhalten respektive unsere Gesellschaft aussehen”.

    Der Punkt, ob, wie und warum das Begehren der Männer eher auf jüngere Frauen gerichtet zu sein scheint, ist mE entscheidend. Wenn es ein evolutionären Vorteil ergäbe, dass Frauen bis zu ihrem Lebensende fruchtbar sind, wäre es wahrscheinlich, dass das Begehren dem angepasst ist; dabei spielt es keine Rolle, ob dies nun sozial, biologisch oder von beidem beeinflusst wird.

    Fakt ist aber, dass es die Wechseljahre bei Frauen gibt, während das bei den meisten anderen Säugetierarten nciht auftritt, und bei Männer vielleicht ein Rückgang der Fortpflanzugnsfähigkeit im Alter eintritt, aber kein völliges Aussetzen. Etwas irritieren tut mich daher dieser Absatz (Zitat):

    “Die schillernden Thesen zu den vermeintlichen adaptiven Vorteilen der Wechseljahre (der Menopause) sind ein wunderbares Beispiel dafür. Mindestens 10 verschiedene Erklärungsmodelle gibt es schon dafür, dass Menschenfrauen – anders als die Weibchen der meisten anderen Tiere – nach dem gebährfähigen Alter in ein eine lange, nichtreproduktive Lebensphase eintreten.”

    Wir leben in einer komplexen, nicht in einer monokausalen Welt. Zwei Erklärungen sind für jedwedes Phänomen besser als eine, und zehn sind besser als neun. So sich die Erklärungen nicht aus logischen Gründen gegenseitig ausschließen, ist es nicht sinnvoll, alle heranzuziehen oder für möglicherweise wichtig und richtig zu halten? Solange die Evolutionsbiologie keine oder kaum kontrollierte Experimente zulässt, sondern auf Beobachtungen angewiesen ist, wird sie sich immer schwer tun mit dem Nachweis, welche Erklärung nun “richtig” oder “am wichtigsten” ist.

    Trotzdem möchte ich auf etwas verweisen, was mE eine Rolle beim Entstehen des Phänomens “Wechseljahre” spielte. Der Mensch hat unter zwei Gesichtspunkten ein sehr “extremes” Fortpflanzungsverhalten, verglichen mit anderen Säugetierarten. Die “Investition” in die nachgeburtliche Aufzucht ist extrem groß. Bis ein Mensch selbständig zu überleben in der Lage ist (auch innerhalb seiner Sozialgruppe, ganz allein ist es ohnehin… schwierig) dauert es sehr, sehr lange, und gerade in sehr jungen Jahren muss sich irgendwer sehr intensiv um den Nachwuchs kümmern. Dazu kommt das sehr große Risiko der Mutter, bei der Geburt selber Schaden zu erleiden oder zu sterben, was mit zunehmendem Alter auch noch stark ansteigt.

    Man muss mE gar nicht auf den Aspekt der Großeltern verweisen. Schon wegen der Gefährdung der noch nicht erwachsenen Kinder durch den Tod der Mutter bei einer weiteren Geburt könnte es ab einem gewissen Alter “evolutionär nachteilig” sein, dass sich eine Frau dieser Gefahr aussetzt bzw durch ihre Sexualität dieser Gefahr ausgesetzt ist.

    Dass alte Menschen beim Menschen eine besondere Rolle spielen, kommt erschwerend hinzu. Nicht nur die Betreuung der Enkel könnte durch den Tod eines Großelternteils negativ beeinflusst werden. Auch die gesamte Sozialgruppe verliert so ein erfahrenes Mitglied, und von dieser Erfahrung profitieren Menschen durch die hohe Auffassungsgabe inkl Sprache oder Vorformen davon in besonderem Maße.

    ME sind es allerdings die Großeltern bzw Alten beiderlei Geschlechts, die hier eine Rolle spielen. Da es aber Frauen sind, die das besagte Risiko aus Schwangerschaft und Geburt zu tragen haben, könnte dies bei der Fortpflanzungsfähigkeit der Frauen bzw deren Erlöschen ab einem bestimmten Alter eine Rolle gespielt haben. Männer hätten durch einen solchen Vorgang hingegen keinen Sicherheitsgewinn, daher hat sich bei diesen kein entsprechendes Phänomen entwickelt.

    Ein unernstes P.S.: Das Faktum, dass ich das kleine Einmaleins beherrsche, macht mich nicht nur zum Menschen, sondern im Zweifelsfalle sogar zu einem zurechnungsfähigen welchen? Welch Vertrauen in die Grundlagen der Mathematik! Chapeau! ;=)

  4. HansZ Jun 23, 2013 09:08

    Wir leben in einer komplexen, nicht in einer monokausalen Welt. Zwei Erklärungen sind für jedwedes Phänomen besser als eine, und zehn sind besser als neun. So sich die Erklärungen nicht aus logischen Gründen gegenseitig ausschließen, ist es nicht sinnvoll, alle heranzuziehen oder für möglicherweise wichtig und richtig zu halten?

    Im Prinzip ist das schon richtig – und Fortschritt in der Wissenschaft geschah oft gerade dann, wenn jemand die “offensichtlichen” Erklärungen einmal gründlich hinterfragt hatte, so wie Galileo das geozentrische Weltbild umwarf, oder Enstein die Newtonsche Mechanik.

    Aber im Fall der Soziobiologie und besonders des Zweigs der “Evolutionspsychologie” gebe ich Erbloggtes recht (1. Kommentar weiter oben): Es drängt sich doch stark der Eindruck auf, dass es gar nicht mehr darum geht, nach realistischen , plausiblen, nachprüfbaren Erklärungen zu suchen. Hauptzweck vieler dieser “Just-so-Stories” scheint es zu sein, Aufmerksamkeit zu erwecken mit einer neuen, kontroversen Hypothese.

    Mal ein etwas albernes Beispiel: Sie lassen eine Bande Kindergartenkinder für 10 Minuten mit einer Dose Kekse allein. Als sie wiederkommen, sind die Kekse bis auf ein paar Krümel weg.
    Um den Verbleib des Gebäcks aufzuklären, wäre es doch naheliegend, erst mal die Kinder ins Kreuzverhör zu nehmen – eine Untersuchung, die mühsam und schwierig werden könnte, und im Erfolgsfall auch keinen sensationellen Nachrichtenwert haben wird.

    Um es mal polemisch zu sagen:
    Der typische Soziobiologe würde stattdessen lieber ein Meeting aller Erzieher/innen im Kaffeeraum ansetzen, wo dann 10 verschiedene Alternativhypothesen entworfen werden. Danach gibt der Soziobiologe eine Pressemeldung heraus, es sei plausibel, dass eine zufällig in der Stadt anwesende japanische Reisegruppe einen Nachschlüssel für den Kindergarten angefertigt hat und in räuberischer Absicht über die Kekse hergefallen ist.

    Solange die Evolutionsbiologie keine oder kaum kontrollierte Experimente zulässt, sondern auf Beobachtungen angewiesen ist, wird sie sich immer schwer tun mit dem Nachweis, welche Erklärung nun “richtig” oder “am wichtigsten” ist.

    Die Evolutionsbiologie im Allgemeinen lässt schon kontrollierte Experimente zu, aber im Zweig der Soziobiologie/Evolutionsbiologie psychologie (Freudscher Vertipper korrigiert HZ) stösst sie meiner Meinung nach an die Grenzen dessen, was naturwissenschaftlich erfassbar ist.

    Wenn ich aber nicht mehr mit Experiment und/oder exakter, quantifizierbarer Beobachtung zwischen Hypothesen unterscheiden kann, dann ist das was ich da betreibe eben nicht mehr Naturwissenschaft, nicht einmal irgendeine Forschung, sondern wahlweise Pseudowissenschaft, Esoterik oder Demagogie. Das gilt jetzt nicht für alles, was die Soziobiologie so ausspuckt, aber die Gefahr besteht schon, denke ich.

    Daniel Dennett nannte das “Greedy Reductionism”, gierigen Reduktionismus – Erkennungszeichen: Phänomene auf die Basis-Naturwissenschaften zurückführen wollen, die damit aber gar nicht mehr beschreibbar sind.

    Zum PS: Hehe (:
    das Einmaleins gilt als Prüfung für den “zurechnungsfähigen Menschen” nur im Gegensatz zu “Hirnlose SPAM-Server, die mir die Kommentarspalte mit Viagra-Werbung zupflastern wollen”.
    Ich will meine Kommentarfunktion so zugänglich wie möglich halten, ohne Leser durch Filter oder Registrierungs-Pflichten abzuhalten. Andererseits habe ich keine Lust, jeden Tag 20 Werbekommentare zu löschen. Diese kleine Aufgabe ist da ein guter Kompromiss, finde ich.

  5. Brynja Adam-Radmanic Jun 25, 2013 21:58

    Also, ich hab den Original-Artikel mal überflogen und fand ihn eigentlich ganz originell. Bin auch kein großer Fan der Soziobiologie, aber das ist doch mal was Neues zur Menopausen-Frage. Ich versteh’ gar nicht, was daran sexistisch sein soll, ehrlich gesagt. Hab die Debatte noch so gar nicht verfolgt. Aber von Female Choice wird doch auch immer geredet, dass Trends in den Partnerentscheidungen der Weibchen die Evolution der Männchen beeinflussen. Natürlich können sie das. Aber das gilt doch selbstverständlich andersrum auch. Male Choice kann auch die Evolution der Weibchen verändern. Ist doch klar. Ob das aber in dem Fall wirklich so ist? Nichts Genaues weiß man nicht… entschieden ist die Frage jedenfalls noch nicht mit dem einen Paper. Die Autoren können mit ihrer Simulation ja nicht sagen: So isses tatsächlich gewesen, sondern sie stellen “nur” ein neues Modell vor. Allerdings eins, das die Anhänger der alternativen Erklärungen herausfordern wird, wenn es tatsächlich so ist, wie sie sagen, dass sie damit die schlankere Erklärung liefern, eine, die mit weniger Vorannahmen auskommt. Sollen die sich ruhig mal ins Zeug legen mit ihrer Großmutter-Theorie … ;-)

    • HansZ Jun 26, 2013 08:17

      Ich versteh’ gar nicht, was daran sexistisch sein soll, ehrlich gesagt.

      Der PLoS-Artikel der kanadischen Arbeitsgruppe ist in der Tat nicht sexistisch, sondern trockenste “Computational Biology”. Aber es ist schon so, dass Ideen aus der Soziobiologie (auch diese hier) oft falsch verstanden werden, nach der Art “Der Berlusconi folgt doch nur seinen Genen, wenn er sich mit einer Minderjährigen einlässt, die Natur will das so” etc.
      Deswegen verstehe ich mittlerweile auch besser, wieso Leute aus der “geisteswissenschaftlichen Ecke” oft so allergisch auf soziobiologische Thesen reagieren. Ist aber in erster Linie ein Kommunikationsproblem, denke ich.

      [Ein Modell] das die Anhänger der alternativen Erklärungen herausfordern wird, wenn es tatsächlich so ist, wie sie sagen, dass sie damit die schlankere Erklärung liefern, eine, die mit weniger Vorannahmen auskommt.

      Dazu gibt es jetzt einen sehr guten Kommentar zum Originalpaper von einer anderen Arbeitsgruppe:
      “The importance of distinguishing mathematical and biological plausibility”
      http://www.ploscompbiol.org/annotation/listThread.action;jsessionid=BB0DA0ABBAC8C7F2DC2655137770C02D?root=67163
      [Ups, der Link scheint aber gerade kaputt zu sein.. ] Jetzt geht er wieder

      Es hilft nix, mit weniger Annahmen auszukommen, wenn die unrealistisch sind –
      Wie die Kommentatoren bei PLoS sagen, man muss unterscheiden zwischen mathematischer und biologischer Wahrscheinlichkeit. Aus der Sicht des Mathematikers ist das neue Modell vielleicht besser, weil es mit weniger Annahmen auskommt. Aber wenn die Annahmen selbst wenig Sinn ergeben und aus der Luft gegriffen sind, hilft das auch nicht viel.
      Konkret ist das Hauptproblem des Modells, dass die männliche Paarungspräferenz dort am Anfang der Kausalkette steht – aber wieso nur? Die Großmutterthese hat da schon eine schlüssigere Erklärung.

      Als Laie auf diesem Gebiet finde ich ja, die einfachste Erklärung ist nach wie vor, dass es gar keinen adaptiven Grund für die Menopause gibt – “lifespan artifact” bzw. “follicular depletion” in der Tabelle aus dem Paper. Ist halt auch das langweiligste Modell , deswegen spricht niemand drüber…

      • Brynja Adam-Radmanic Jun 26, 2013 20:56

        Na, die haben ja ganz schön draufgehauen. Lassen kein gutes Haar an der Studie. Klingt so als würden sie denken: “Näh, oder? Wegen diesem Zeug ruft die internationale Presse an?!” Bin mal gespannt, was von der These übrig bleibt nach ein paar Jahren!

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