Saurier vom Tendaguru, 80.000 Gläser Alkohol und eine verwirrte Fliege

Ein Sommer im Naturkundemuseum, Teil IV:

Museum für Naturkunde Berlin  – Die Ausstellungen.

Brachiosaurus
Foto: Axel Mauruszat via Wikimedia

Man ist schon längst wieder daheim, aber noch immer stehen unausgepackte Koffer herum. Das kennt jeder von der Urlaubsreise. Wieso soll es Forschungsreisenden anders gehen? Wenn man dann auch noch viele Souvenirs mitgebracht hat, dauert das Auspacken um so länger.

Und die deutsche Tendaguru-Expedition hatte einige Kisten vollgepackt. Vier Jahre lang, von 1909 bis 1913, hatten die Forscher und einheimische Hilfskräfte afrikanischen Boden umgegraben und 250 Tonnen Material nach Berlin geschickt. Über hundert Jahre ist das jetzt her – und noch immer stehen unausgepackte Kisten im Keller des Museums für Naturkunde.

Ingenieure im Auftrag Berlins waren ursprünglich aufgebrochen, um in Tansania, der damaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika, Bodenschätze zu suchen. Aber anstatt Gold, Diamanten oder Erz fanden sie 150 Millionen Jahre alte Dinosaurierknochen am Berg Tendaguru. Die faszinierten die Öffentlichkeit daheim; 500.000 Reichsmark an Bürger-Spenden kamen zusammen, um eine Forschungsgrabung auf die Beine zu stellen. Der Kaiser legte noch einmal die gleiche Summe obendrauf – damit liess sich gut und lange graben.

Die spektakulären Dinosaurier-Funde der Tendaguru-Expedition sind weltbekannte Stars des Berliner Museums für Naturkunde. Alles überragend, mit mehr als 13 Meter Höhe, die fossilen Knochen des friedlichen Pflanzenfressers Brachiosaurus brancai; aber auch der Abguss und das Kopfmodell des fleischfressenden Allosaurus ist ein Magnet für kleine und große Kinder im Dino-Fieber (die bei der Gelegenheit auch lernen, dass die kleinen Fleischfresser nicht etwa im Rudel den gigantischen Brachiosaurus umzingelt und erlegt haben, wie Jurassic-Parc-Fans oft vermuten; weniger spektakulär, haben sich die Fleischfresser von Beutetieren ernährt, die meist erheblich kleiner waren als sie selbst) .

Bayerisches Urviech in Berlin – hinter Panzerglas
Foto: H. Raab via Wikimedia cc3

An der hinteren Stirnseite dieser großartigen Halle „Welt im oberen Jura“ dann ein Déjà-vu: Auch in Berlin steht ein Original des Archaeopteryx aus dem Solnhofener Plattenkalk (vgl. Teil 1 dieser Serie, Jura-Museum Eichstätt ). Die Berliner behaupten natürlich, den schönsten Archaeopteryx der Welt zu besitzen – und haben damit wahrscheinlich recht. Zumindest erkennt man beim Berliner Exemplar auch als Nicht-Experte auf den ersten Blick, was das Besondere an diesem Fossil ist: Ein Reptil mit Flügel und Federn, eine Mosaikform, die uns etwas über die Evolution der Vögel zu erzählen hat. Ein erstrangiger Zeuge der Evolutionstheorie, auch wenn Archaeopteryx selbst wahrscheinlich kein direkter Vorfahre der heutigen Vögel war (mehr dazu auch in Teil 1 dieser Serie und in meinem Beitrag im Laborjournal zum Thema).

Die Dinsoaurier sind eine spektakuläre Begrüßung des Besuchers, aber im nächsten Raum wartet schon ein anderer Hingucker. Man muss vorausschicken: Nur wenige Orte auf der Welt gibt es, wo ein derart großer Querschnitt der globalen Biodiversität aufbewahrt und erforscht wird wie am Berliner Naturkundemuseum. 30 Millionen Objekte lagern in den ausgedehnten Magazinen. Die Biodiversitäts-Wand, die den Besucher in der Evolutions-Halle erwartet, zeigt gerade mal 3000 Präparate heute lebender Arten, einmal quer durch alles, was läuft, krabbelt, kriecht, fliegt, oder schwimmt: Schmetterlinge, Käfer,Fische, Muscheln, Paradiesvögel, Schlangen … Ein vergleichsweise winziger Ausschnitt der globalen Biodiversität (man vermutet mehr als 5 Millionen verschiedene Arten), aber der Besucher ist überwältigt von der Vielfalt der Formen, Farben und Muster, von den Spielarten der Baupläne, die die Evolution hervorgebracht hat. Und dann ganz automatisch die Frage: Wer oder was hat das alles hervorgebracht? Mechanismen der Evolution also – denn darum geht es in diesem Saal.

Mutation und Selektion; Gene, Gendrift und Genfluss; Darwin und Wallace; Watson und Crick: All die Themen, die ich meinen Stammlesern bei Panagrellus.de in verschiedenen Posts nahezubringen versuche, kommen hier vor. Der Vorteil des Museums gegenüber meinen Texten: echte Objekte machen die Evolutionsmechanismen anschaulich. Das, finde ich, ist eben gerade die Stärke der Museen und vielleicht mit ein Grund, wieso Naturmuseen auch um Smartphone-Zeitalter Besucherrekorde verzeichnen.

Ist hier jemand verwirrt?
Foto via Wikimedia cc3 (anon. Autor)

Wie diese Art der Vermittlung evolutionärer Ideen anhand der Objekte funktionieren kann, erklärt mir der Museumspädagoge anhand der Präparate von Zebra und Löwe, die sich in einer Vitrine gegenüberstehen. Denn woher hat das Zebra noch mal seine Streifen? Da war doch diese Sache mit der Tarnung. In der flirrenden Savanne ist ein gestreiftes, rennendes Tier nicht genau zu fixieren – so ähnlich hat man das sicher irgendwo mal gehört.

Aber der Besucher sollte genau hinschauen. In der Vitrine kommt nämlich noch ein drittes Tier vor: eine im Vergleich zu Löwe und Zebra winzig kleine Tse -Tse -Fliege. Die Tse-tse Fliege hat ein Problem mit den Streifen des Zebras. Beim Landeanflug verwirren die Streifen die Sinneswahrnehmung des Insekts. Die unterschiedlichen Signale, die im Fliegengehirn über die Facettenaugen ankommen, machen wohl keinen rechten Sinn mehr. Die Fliege vermeidet es jedenfalls, auf der gestreiften Oberfläche zu landen – ungarische Forscher haben es experimentell getestet. Malt man Plastikpferde mit schwarz-weissen Streifen an, so haben die Insekten Schwierigkeiten, ihr Ziel zu erkennen (http://jeb.biologists.org/content/215/5/736.abstract). Weniger Tse-Tse-Fliegen-Stiche bedeutet aber auch ein geringeres Risiko für das Zebra, die Schlafkrankheit einzufangen – denn die Fliegen sind nicht nur lästig, sie übertragen auch den gefährlichen Einzeller Trypanosoma brucei.

Noch ist die Frage „Warum hat das Zebra Streifen“ nicht abschliessend geklärt; aber die Tse-Tse-Hypothese ist ein schönes Beispiel dafür, was Survival of the Fittest bedeutet; dass es dabei eben nicht immer um blutrünstige Räuber mit scharfen Zähnen geht, die ein Beutetier zur Strecke bringen.

Es gäbe noch viel zu entdecken in der Evolutions-Ausstellung, aber ich muss hier ja nicht alles verraten – also gleich ein paar Räume weiter.  Wir stehen jetzt in einem abgedunkelten Raum mit schaurig-grüner Beleuchtung. 80.000 Gläser voller Fische und Schlangen, eingelegt in Alkohol, stapeln sich bis unter die Decke.

Alkohol mit Fisch
Foto: User Anagoria via Wikimedia cc3

Das Besondere: Von außen ist es eine mit dramatischer Lichtführung spektakulär inszenierte Ausstellung, aber es ist gleichzeitig die „echte“ Forschungssammlung für die Ichthyologen und die Herpetologen, die Fisch – und Schlangenforscher also. Auf der für Besucher nicht zugänglichen Innenseite sieht man Trittleitern, die zu den Gläsern führen; gelegentlich holen Mitarbeiter dort Forschungsobjekte aus dem Regal oder bringen einen Glastopf mit Schlangen an seinen Platz zurück.

Es geht bei den 80.000 Gläsern natürlich nicht darum, dass der Besucher jede Schlange, jeden Fisch namentlich kennenlernt – vielmehr bekommt man einen Eindruck vom Umfang der Magazine und der Museumsarbeit hinter den Kulissen.

Aber einige Besonderheiten sind schon dabei, die ich kurz erwähnen möchte. Wie schon auf den vorherigen Stationen meiner Reise gibt es auch hier wieder die Gläser mit dem roten Punkt – die Typus-Exemplare also, die jeweils dem Autor der Erstbeschreibung einer Art vorlagen. In jedem Forschungsmuseum wohl die wichtigsten Stücke, denn zusammen mit einer Veröffentlichung in einem Fachmagazin definieren sie, was die jeweilige Art ausmacht. In Berlin steht zum Beispiel das Typus-Exemplar des Guppy (Poecilia reticulata) – allerdings nur das Weibchen, das Männchen liegt anderswo in Alkohol.

Unter dem Guppy  steht ein Charismatiker unter den Fischen, der Tiefsee-Anglerfisch.  Das Weibchen dieser Art hat an jedem Ende eine Besonderheit: Vorne eine „Laterne“, zum Anlocken der Beute. Die Laterne kann der Fisch nach Bedarf an- und ausknipsen, das Licht erzeugen dabei biolumineszierende Bakterien – ein ganz erstaunliches Beispiel für Kommunikation zwischen Fisch und Bakterium.

Nicht hübsch, aber interessant: Anglerfisch
Foto: User LoKiLeCh via Wikimedia cc3

Am anderen Ende des Anglerfisches hängt auch ein kleiner Fleischfetzen dran. Der leuchtet nicht, hat dafür aber Flossen – es ist das Männchen. Anglerfisch-Männchen haben nämlich ein Problem: es ist dunkel und einsam in der Tiefsee. Wenn das winzige Männchen dann ednlich mal der vergleichsweise riesigen Anglerfisch-Frau begegnet, heisst es, die Gelegenheit zu packen – und zwar mit den Zähnen. Das Männchen beisst sich am Weibchen fest und verwächst dauerhaft mit dessen Blutkreislauf. Ausser Sperma trägt es weiterhin nichts mehr bei – ein ganz einmaliges, verrücktes Paarungssystem, das die natürlichen Selektion in den besonderen Bedingungen der Tiefsee hervorgebracht hat.

Das waren jetzt nur einige wenige Geschichten zu den Objekten in den Berliner Ausstellungsräumen – nur um euch einen Eindruck zu verschaffen. Es gäbe noch viel zu erzählen, beispielsweise über die Säugetier-Präparate, oder die auch historisch interessanten Insektenmodelle Alfred Kellers, oder die erdgeschichtliche Sammlung. Aber ich muss euch ja etwas zu entdecken übrig lassen, und ihr schaut euch lieber selbst mal um – dieses Museum muss man wirklich gesehen haben.

Ich verlasse jetzt aber die öffentlich zugängliche Ausstellung, denn ich bin noch mit Jason Dunlop und Charles Oliver Coleman verabredet. Der eine Kustos für Spinnentiere, der andere für Krebse. Über Dunlops Spinnen und Milben habe ich neulich drüben im Laborjournal geschrieben. Was mir Coleman über Flohkrebse erzählt hat, wie er sich auf Katastrophen vorbereitet , und welches ungewöhnliche Geschenk er sich für zwei Sekretärinnen des Museums ausgedacht hat: das alles erzähle ich euch morgen an dieser Stelle.

 

 Bisher in dieser Serie erschienen:

Teil 1:  Jura-Museum Eichstätt –   Bayerische Unterwasserwelten

Teil 2: Naturkundemuseum Görlitz – Unter Milben und Wölfen

Teil 3: Naturkundemuseum Erfurt – Thüringer Eichen und nepalesische Ohrwürmer

 

Morgen: Teil 5:  Museum für Naturkunde Berlin  ff – Besuch bei einem Kustos