Polio und kein Ende

Pünktlich zum heutigen „world polio day“ gibt es schlechte Nachrichten. Aus Syrien werden 22 Verdachtsfälle auf Kinderlähmung gemeldet, ausgelöst durch Polio-Viren. Das Land hatte die Krankheit eigentlich schon besiegt. Lediglich in Pakistan, Afghanistan und Nigeria zirkuliert das Virus noch regelmässig. In zunehmend besorgniserregender Zahl tauchen Polio-Viren aber auch in anderen Ländern wieder auf, die den Kampf zuvor schon einmal gewonnen hatten – Touristen, Flüchtlinge und andere Grenzgänger schleppen das Virus ein. Das ist eventuell jetzt auch in Syrien passiert, die Erreger kamen vermutlich aus Pakistan. Dort ist in manchen Gebieten die Polio-Impfung verboten.

In islamischen Ländern kursiert das Gerücht, die WHO wolle mit der Impfung muslimische Männer unfruchtbar machen. Aber auch der amerikanische Geheimdienst CIA hat dazu beigetragen, die Glaubwürdigkeit der Impfteams in Pakistan zu untergraben. In völlig unverantwortlicher Weise täuschten CIA- Agenten Polio-Impfkampagnen vor, um an nachrichtendienstliche Informationen zu gelangen. (Zum Glück sind trotzdem bei Weitem nicht alle Muslime Impfgegner: Saudi Arabien etwa hat verfügt, dass nur Polio-Geimpfte an der Wallfahrt nach Mekka teilnehmen dürfen. Ohne Impfpass gibt’s kein Visum für die Einreise.)

Falls sich der Verdacht aus Syrien bestätigt, so wären das wirklich ganz schlechte Nachrichten. Einen „heissen“ Ausbruch wieder einzufangen erfordert eigentlich einen koordinierten, massiven Einsatz von Impfteams in der ganzen Region und ein funktionierendes Meldewesen für neue Fälle. Inwieweit das in Syrien in der jetzigen Lage wohl zu leisten ist? Für das ambitionierte Ziel, Polio bis 2015 endgültig auszurotten, könnten (mal wieder) dunkle Wolken aufziehen.

Angesichts der diversen Querschüsse ist es vielleicht nicht verwunderlich, dass sich der seit Langem angekündigte Polio-Exitus hinzieht. Ich habe vor einiger Zeit schon mal darüber geschrieben. Aber religiös aufgeladene Vorurteile und skrupellose amerikanische Agenten alleine würden das Polio Endgame wohl nicht in ernsthafte Schwierigkeiten bringen.

Die Ausrottung der Polio ist eines der ambitioniertesten Ziele, das sich die Weltgemeinschaft jemals gesetzt hat. Bisher ist es ein einziges Mal gelungen, durch eine Impfkampagne eine Krankheit endgültig loszuwerden – die Pocken in den 1970er Jahren. Gegen Polio dagegen kämpfen seit Jahren und Jahrzehnten finanzstarke Organisationen. Neben der Weltgesundheitsorganisation WHO sind das beispielsweise die Bill Gates Foundation und der Rotary Club.

Problem: 3 Erkrankte (rote Kreise) in einer Gegend mit sub-optimaler Durchimpfung.
(Geimpfte: Grüne Kreise. ungeimpfte: blaue Kreise.) Ohne schnelle Aktion wird sich das Virus rasch ausbreiten.

Woran also hakt’s? Bei den Pocken hat es doch auch geklappt. Es gibt aber einen entscheidenden Unterschied zwischen den beiden Viren. Paradoxerweise hat es auch damit zu tun, dass die Pocken noch gefährlicher waren als Polio. Damit es keine Missverständnisse gibt: Kinderlähmung ist ein grausame Krankheit. Lebenslange Lähmungen, auch Todesfälle.

Aber nicht jeder, der sich mit dem Polio-Virus infiziert, zeigt auch die typischen Lähmungssymptome. Etwa einer von 200 Virus-Trägern erkrankt, aber alle Infizierten können das Virus weitergeben. Ganz anders die Pocken: Die Zahl der Erkrankten war quasi identisch mit der Zahl der Infizierten.

Damals, beim Pocken-Endgame, sah die Taktik etwa so aus: Ärzte weltweit waren sensibilisiert für die typischen Symptome und meldeten jeden einzelnen Fall sofort. Impfteams und WHO-Experten flogen ein und stellten sicher, dass möglichst jeder in der unmittelbaren Umgebung des Patienten geimpft ist, angefangen bei den engen Familien-Mitgliedern, Kollegen, Schulkameraden und so weiter. „Ringimpfung“ heißt die Methode. Die Infektionskette war damit meist wirksam durchbrochen.

Im Fall der Pocken ist die Ring-Impfung sehr erfolgversprechend. Impft man alle Kontaktpersonen aller Erkrankten (im roten Kreis), so gibt es keine Ansteckungen mehr.

Bei Polio gibt es für jeden Erkrankten eine Vielzahl weitere Infizierte, die das Virus weitergeben  (gelbe Kreise). Nur im engen Umfeld der Erkrankten zu impfen reicht nicht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bei Polio kommen aber auf jeden Ungeimpften 200 Überträger. Es reicht nicht, nur in der unmittelbaren Umgebung zu impfen. Der Kreis muss sehr viel weiter gezogen werden. Wie der Fall in Syrien zeigt: Sobald sich irgendwo auf der Welt Impflücken zeigen, besteht die Gefahr, dass das Virus die Schwachstelle findet.

Deshalb gibt es  wohl nur eine  Chance, Polio loszuwerden: Wirklich überall auf der Welt gleichzeitig muss man dafür sorgen, dass mehr als 95% der Menschen geimpft sind. Wir haben es fast geschafft. Aber eben nur fast.

 

 

PS: Es gibt noch andere Gründe, die das Ausrotten der Polio-Viren erschweren, die mit den verschiedenen Impfstoffen (Lebend- und Tot-Vakkzin) zu tun haben. Aber das ist eine kompliziertere Sache, über die ich vielleicht ein anderes Mal berichte.