Polio: Endlich ein Ende in Sicht? 1

Erlaubt ihr mir einen kurzen Ausflug ins ScienceFiction – Genre?  Die Welt im Jahr 2067:  Ein 200 Meter großer Asteroid ist im Anflug auf die Erde. Zum Glück hatten aufmerksame Astronomen den gefährlichen Brocken früh entdeckt; Wissenschaftler und Ingenieure planen, das Geschoss aus dem All mit einer Rakete vom Kollisionskurs abzubringen. Regierungen aller Staaten stellen in seltener Einmütigkeit ihre Ressourcen zur Verfügung, Raumfahrtzentren  bereiten sich auf den großen Wumms vor. Die rettende Rakete steigt gerade noch rechtzeitig in den Himmel.

Eine Explosion im All später atmet die Welt auf: es ist geschafft, der Asteroid ist vom Kollisionskurs abgebracht, Hunderttausende Menschenleben gerettet; Konfetti-Paraden in allen Großstädten, der UN-Generalsekretär ruft einen weltweiten Feiertag aus, und die beteiligten Wissenschaftler und Ingenieure sind die Helden des Tages.

Soweit die Science Fiction. In der Realität ist die Menschheit wirklich gerade dabei,  einen Killer von globalem Ausmaß zu besiegen – aber kaum jemand interessiert sich dafür. Nicht eine Rakete gegen einen fiktiven Asteroiden, sondern das Impfprogramm gegen Kinderlähmung (Polio) steht kurz vor dem entscheidenden Durchbruch. Bald werden hoffentlich die allerletzten Polio-Herde ausgerottet sein. Regelmässige Meldungen neuer Polio-Fälle kommen derzeit quasi nur noch aus Pakistan, Nigeria, Afghanistan, Somalia und Kenia.

Sicher dank Mütze und Impfung
Foto: Bundesarchiv cc3

Im Unterschied zum Einschlag eines Asteroiden fällt Polio nicht schlagartig an einem Ort aus dem Himmel, das Virus wütete global und über Jahrzehnte hinweg. Das ist aber eher ein Unterschied der psychologischen Wahrnehmung, nicht im Ausmaß der Katastrophe. Und auch der  absehbare Erfolg der weltweiten Impfkampagne wird nicht ein medienwirksamer Wumms, sondern das Resultat hartnäckiger, langjähriger Sisyphusarbeit. Wir werden nie genau auf den Tag festlegen können „Heute haben wir Polio besiegt“, es besteht noch lange die Gefahr, dass doch noch irgendwo ein neuer Herd aufflammt. Grund zum Feiern werden wir trotzdem hoffentlich bald haben.

Aber seltsam: In Westeuropa, wo es dank der Impfung schon lange keine „nicht-importierten“ Fälle der Kinderlähmung mehr gibt, interessiert sich kaum einer dafür; schlimmer noch, offene Ablehnung erfährt das Impfprogramm ausgerechnet in den Ländern, in denen UNICEF und WHO die letzten Gefechte gegen das Kinderkillervirus führen. Taliban in Pakistan haben kürzlich Polio-Impfungen in ihren Stammesgebieten verboten, Impfteams benötigen dort mittlerweile Polizeischutz – gestern erst wurde wieder ein Polizist erschossen, der ein Impfteam begleitet hatte. Auch in Nigeria sind Anfang Februar neun Mitglieder eines Impfteams erschossen worden. Fundamentalisten hatten das Gerücht gestreut, die Polioimpfung mache Männer unfruchtbar, und die Impfkampagne diene als Vorwand, den Islam zurückzudrängen.

Neben diesen unsinnien Gerüchten gab es leider noch die idiotische Entscheidung der CIA aus dem Jahr 2011, ausgerechnet eine Polio-Impfkampagne vorzutäuschen, um an Informationen über den Aufenthaltsort Bin Ladens zu kommen. Wie Hedi Larson damals im Guardian schrieb: es hätte eine ethischeren Weg für die CIA geben müssen; diese hirnverbrannte Aktion hat das Vertrauen der Menschen in die Impfkampagne massiv untergraben, wie kürzlich auch Vertreter amerikanischer  Universitäten , darunter Columbia, Harvard und John Hopkins, in einem offenen Brief an Präsident Obama beklagten.

Polio ist nach den Pocken erst die zweite Viruskrankheit, die bald endgültig ausgerottet sein wird – wenn es nicht  noch zu Rückschlägen kommt. Kinderlähmung ist eine heimtückische Krankheit. Hochansteckend, nicht heilbar, oft auch mit Todesfolge. Erste Epidemien traten ab ca. 1880 auf auf und erreichten ihren Höhepunkt Mitte des 20. Jahrhunderts. Nach Einführung der Impfung in Amerika und Europa ab den 50er Jahren strömten die Eltern in großer Zahl zu den Impfzentren, um ihre Kindern so schnell wie möglich vor der gefürchteten Krankheit zu schützen.

Auch wenn die Gefahr einer Polio-Ansteckung in Deutschland heute äusserst gering ist: für das Ziel der weltweiten Ausrottung der Krankheit ist jetzt wichtig, dass weltweit „Herdenschutz“ besteht, das heisst, dass mehr als 95 Prozent der Menschen Impfschutz haben. Sollte sich doch noch ein Polio-Fall nach Europa verirren, so werden die Viren hoffentlich keine Opfer für eine Übertragung finden. Gelingt die weltweite Ausrottung jetzt nicht, besteht die Gefahr , dass Polio “mit Macht zurückkommt”, wie Bill Gates im Gespräch mit der FAZ sagte.

Sicher, Deutschland ist poliofrei, aber ein einziger Fernreisender, der das Virus zurück nach Hause bringt, könnte diesen beruhigenden Status gefährden, falls das Virus auf ein große Zahl Ungeimpfter träfe. Hysterischen Impfgegnern bei uns muss klar sein, dass sie auf der gleichen aufklärungsfeindlichen Welle schwimmen wie die Verschwörungstheoretiker in Pakistan. Die ganzheitliche Talibanisierung vieler Impfgegner, die Vergötterung eines ideologisch aufgeladenen Lebensstils, riskiert die Gesundheit der eigenen Kinder und die der Mitmenschen.

Wenn die Welt hoffentlich bald poliofrei sein wird, haben wir das vielen Faktoren zu verdanken: Jonas Salk, der den ersten wirksamen Impfstoff entwickelte und 1954 die erste große Impfkampagne einleitete – über 1,8 Millionen Kinder nahmen an dieser größten klinischen Studie der Geschichte teil. Den vielen Helfern der Weltgesundheitsorganisation und der UNICEF, die Impfstoffe in die entlegensten Ecken der Welt brachten und die lokale Bevölkerung über das Impfprogramm aufklärten.

Aber besonders erwähnen will ich Randall Kerr und seine Eltern: Am 26. April 1954 bekam der damals 6-jährige Randy als erstes Kind den neuen Polio-Impfstoff – und dazu eine coole Anstecknadel mit der Aufschrift „Polio Pioneer No.1  “. Es gab damals noch keine verlässlichen Daten zu Risiken und Nebenwirkungen. „Unverantwortliche Rabeneltern“ würden ganzheitlich-naturheilende deutsche Eltern des Jahres 2013 den Kerrs zurufen.

Schon wahr: Auch Impf-Totalverweigerer müssen sich kaum Sorgen machen, dass die Kinderlähmung ihr nicht geschütztes Kind aus heiterem Himmel niederstrecken könnte. Aber nur deshalb, weil Randy und seine Eltern mutig die Chancen der Impfung ergriffen haben, und weil Millionen andere Eltern in aller Welt es ihnen gleichgetan haben.

PS: Randy Kerr’s Impfung wird am Anfang dieser historischen Dokumentation gezeigt (Der Rest der Doku ist dann eher für Nerds interessant, die sich für Pharmaziegeschichte interessieren…)

 

 

PPS:

Details zur Polioimpfung und aktuelle Impfempfehlungen sind auf den Seiten des Robert Koch Instituts beschrieben. Dort finden sich auch Informationen zum Unterschied zwischen „Oralimpfung mit abgeschwächten Lebendviren“ (nach Sabin) und „Injektion mit toten Viren“ (nach Salk) . Die Impfung nach Sabin – ein Impfstoff auf einem Zuckerstück, an das sich noch viele von der Schulzeit erinnern werden – wurde in Deutschland bis in die 90er Jahre praktiziert. Die Oralimpfung bietet effektiven Schutz vor Ansteckung, aber in äusserst seltenen Fällen können die Impfviren selbst eine Polio-Erkrankung auslösen.

Die Methode nach Salk arbeitet nicht mit lebenden Viren und hat dieses Risiko nicht, zur Aufrechterhaltung der Herdenimmunität in Deutschland ist die Salk-Methode (via Injektion) deshalb heute die Impfung der Wahl.

 

 

One comment on “Polio: Endlich ein Ende in Sicht?

  1. HansZ Feb 28, 2013 17:13

    Der “Erfinder” der Polio-Schluckimpfung heißt “Sabin”, nicht “Sabner”, wie in der früheren Version fälschlich stand.
    Vielen Dank an @UlrikeGebhardt für den Hinweis.

    Und noch ein Hinweis: BR-Wissen brachte heute (1.3.) einen sehr hörenswerten Beitrag zum Thema:
    http://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/radiowissen/kinderlaehmung-polio-schluckimpfung-100.html

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