Placebo-Politik: Eine Schlammschlacht mit Zuckerkugeln

Diejenigen meiner Leser, die sich nicht für Naturkundemuseen interessieren, kommen diesen Sommer zu kurz bei Panagrellus. Das tut mir Leid, aber das Projekt hält mich ganz schön in Atem. Trotzdem verfolge ich natürlich auch noch andere Themen. Als kleine Abwechslung zu all den Dinosauriern und Neanderthalern heute mal wieder ein kurzer Beitrag über evidenzbasierte Medizin (EBM).

Dieser sperrige Begriff bedeutet eigentlich etwas ganz Einfaches: Behandlungsmethoden sollen mit den jeweils besten wissenschaftlichen Methoden daraufhin untersucht werden, ob sie wirken und ob der etwaige Nutzen in einem angemessenen Verhältnis zu Risiken und Kosten steht.

Wichtig ist in der EBM nicht die subjektive Erfahrung von Patient oder Arzt, sondern die Auswertung unabhängig erhobener Daten. Diese Daten kommen zum Beispiel aus doppelblinden, placebo-kontrollierten Studien – also solchen, bei denen ein Teil der Patienten ein Medikament bekommt und ein anderer ein Teil eine wirkstoff-freie Pille (das Placebo). Weder Arzt noch Patient wissen dabei, wer in welcher Gruppe ist; subjektive Eindrücke und Heileffekte durch das Arztgespräch selbst fließen so nicht in die Beurteilung des Wirkstoffs ein.

(Was nicht bedeutet, dass das Arztgespräch unwichtig für die Heilung wäre – aber wenn es um die Beurteilung der Wirksamkeit einer Arzneisubstanz geht, muss man die Aspekte sauber trennen.)

Kurioserweise ist ein an objektiven und nachprüfbaren Belegen orientierter Zugang zur Medizin in Deutschland umstritten. So umstritten offenbar, dass sich keine der großen Parteien zutraut, in ihren Wahlprogrammen klipp und klar zur EBM Stellung zu beziehen. Meist schwafeln Gesundheitspolitiker von einem „Nebeneinander verschiedener Ansätze“ (siehe dazu auch Sebastian Bartoscheks informative Serie „Wie esoterisch ist mein Gesundheitsminister).

Ein Grund für das Herumlavieren der Politiker ist sicher der Boom esoterischer Verfahren wie Homöopathie und Akupunktur im Wahlvolk. Sich gegen die heißgeliebten Globuli auszusprechen, ist politisch ungefähr so klug wie kurz vor der Wahl ein Tempolimit auf Autobahnen zu fordern: Beides ist sinnvoll und zeugte von verantwortungsbewusstem Handeln, vergrault aber Wähler.

Und wenn sich ein Politiker oder eine Ministerin zur EBM bekennt, sagt er oder sie eben auch: Für homöopathische Behandlung darf es vom Staat oder den gesetzlichen Krankenkassen keine finanzielle Beteiligung oder sonstige Förderung geben. Denn nach der Auswertung zahlloser Studien steht fest: Die Heil-Effekte der Homöopathie sind Placebo-Effekte.

Den empirischen Beweis dafür, dass evidenzbasierte Medizin einen schweren Stand beim Wähler hat, treten gerade die Piraten an, die einen Fragebogen der Homöopathen-Lobby erfrischend undiplomatisch beantworteten – nämlich ganz im Sinne einer EBM-basierten Gesundheitspolitik.

Die Koordinatorin der AG Gesundheitspolitik der Partei hat auf ihrem privaten Blog schon vor einem Monat die Hintergründe der partei-internen Diskussion aus ihrer persönlichen Sicht erläutert und auch klar macht, wieso die Piraten NICHT vorhaben, den Menschen den Gang zum Heilpraktiker zu verbieten. Man hat auch NICHT vor, den Beruf des Heilpraktikers zu verbieten, auch wenn das offenbar durchaus andiskutiert wurde.

Die Freiheit des Bürgers geht eben vor. Schliesslich verbietet der Staat auch nicht, dass die Bürger Horoskope lesen oder mit einem Pendel durch ihren Garten gehen, auf der Suche nach den ach so gefährlichen Wasseradern.

Es geht wie gesagt nur darum, wie der Staat das immer zu knappe Gesundheitsbudget sinnvoll einsetzt.

Trotzdem: Das Heer der Heilpraktiker  ist empört; zumindest einer entfernte umgehend Piraten-Wahlplakate aus seinem Wartezimmer. Globuli-Nutzer äussern ihr Unverständnis auf Blogs und im Facebook-Forum der Partei, meist mit Varianten des Arguments „Bei mir und meiner Katze wirkt’s aber doch! Bin ich ganz sicher! Wieso wollt ihr das VERBIETEN“. (Nochmal: Ums verbieten geht’s nicht.)

Auch die Homöopathen-Lobby heizt den Piraten kräftig ein; schliesslich kann es der Zuckerkugel-Industrie nicht recht sein, wenn EBM viele neue Fürsprecher im nächsten Bundestag hätte.

Bartoschek hat auch dazu einen Beitrag bei den Ruhrbaronen geschrieben. Aber in diese Schlammschlacht will ich mich eigentlich gar nicht weiter einmischen. Nur soviel: Ich bin weder Mitglied noch Sympathisant der Piratenpartei, aber ihre Haltung zur EBM  finde ich beachtenswert. Es ist sicher nicht mein Ziel, hier Wahlwerbung für eine Partei zu machen –und  insgesamt ist das Thema sowieso nicht wahlentscheidend.

Worauf ich eigentlich hinaus will: Viele der Globuli-Enthusiasten machen sich ein völlig falsches Bild davon, was sie da eigentlich einwerfen. Man lese nur Kommentare unter Bartoscheks und Julitschkas Artikeln , die so ähnlich immer auftauchen, wenn es um Homöopathie geht (und bitte nicht hier bei mir in den Kommentaren noch einmal wiederholt werden müssen. )

Die Assoziationskette geht ungefähr so:

Homöopathie = Naturheilkunde & Pflanzenextrakte = sanft und ohne Nebenwirkungen = selbstlose Heilpraktiker und Menschenfreunde

Andersrum:

sogenannte „Schulmedizin“ = Chemie = giftig = skrupellose, geldgeile Pharmakonzerne

Ganz weit unten in Bartoscheks Artikel hat ein Leser (ich vermute, ein Arzt? ) diese Kette an Missverständnissen sehr schön  richtiggestellt. Mit Erlaubnis der Ruhrbarone gebe ich den Beitrag hier (gekürzt) wieder. Sehr beachtenswert auch der letzte Absatz!

Leserbeitrag bei den Ruhrbaronen:

“Es gibt also keine pflanzlichen homöopathischen Mittel?”

Genau so ist es. Es gibt keine pflanzlichen Homöopathischen Mittel.

Bei uns in Deutschland ist alles recht eindeutig per Gesetz geregelt. In diesem Fall dem Arzneimittelgesetz (AMG) auf nationaler bzw. der Richtlinie 2001/83/EG auf europäischer Ebene.

Hat ein Arzneimittel eine wissenschaftlich fassbare medizinisch/therapeutische Wirkung – egal ob sie pflanzlich ist oder synthetischen Ursprungs – dann ist es ein klassisches Arzneimittel, wie wir es aus der Schulmedizin kennen. Hat es diese Wirkung nicht, dann ist es ein Placebo.

Anders ausgedrückt: Homöopathische Arzneimittel sind wirkungslos, denn wenn sie eine empirisch fassbare Wirkung hätten, dann dürften sie nicht als Homöopathisches Arzneimittel auf den Markt gebracht werden.

Die Assoziation pflanzliches Mittel = Homöopathie und klassisches Arzneimittel = Chemie ist absoluter Nonsens. Die Schulmedizin hat sich immer schon an der Natur orientiert und da, wo die Pharmakologie nicht in der Lage ist ein Mittel synthetisch und relativ kostengünstig herzustellen, greift sie heute noch auf das zurück, was Mutter Natur zu bieten hat.

Ein Beispiel ist der Fingerhut. Diese Pflanze, die auch bei uns zu Hause ist, ist hochgiftig und hat aufgrund ihrer toxischen Wirkung ein relativ schmales Wirkungsband. Wenige Blüten oder Blätter reichen aus, um sich die Seele aus dem Leib zu kotzen. Bei Verzehr kommt es zu Kreislauf- und Herzrhythmusstörungen, die in einem tödlichen Herzstillstand enden können. Alleine die Nebenwirkungen disqualifizieren diese Pflanze für Homöopathen, denn deren Tinkturen enthalten keine Nebenwirkungen (aber auch keine Wirkungen). Für die klassische Schulmedizin ist der rote Fingerhut immer noch die erste Wahl, wenn es um die Behandlung von Herzinsuffizienz geht. Natürlich könnte man das Zeug auch als Tee trinken, aber einen Mensch, ob nun Arzt oder Homöopath, der das empfehlen würde, würde man in den Knast stecken.

Anderes Beispiel:

Opiate. Ursprünglich wurden so mal Arzneimittel bezeichnet, die Opium enthielten. Opium wurde früher aus der Milch des Schlafmohns gewonnen. Schlafmohn kennt man von Mohnbrötchen, Mohnkuchen und Germknödeln und von Berichten über Afghanistan. Der Milchsaft dieser Pflanze enthält unzählige Alkaloide wie Morphin und Codein. Morphin ist das beste Schmerzmittel, das es gibt. Überall auf der Welt findet es bei starken und stärksten Schmerzen Verwendung, beispielsweise bei Tumoren. [..]

Das Beispiel der Opiate führe ich deshalb an, weil es sich bei Morphin historisch betrachtet um ein Naturprodukt handelt, welches heutzutage allerdings überwiegend synthetisch hergestellt wird.

Abschließend noch etwas zu Placebos: Placebos sind Scheinarzneien, weil sie keine pharmakologischen Wirkungen haben. Eigentlich sind alle homöopathischen Mittel Placebos. Keine Pharmakologische Wirkung ist nicht gleichbedeutend mit keiner Wirkung [..].  Der Placeboeffekt ist eine positive Veränderung des subjektiven Befindens. Die Veränderung ist  nicht auf einen speziellen Wirkstoff zurückzuführen, sondern auf den psychosozialen Zusammenhang, in dem die Behandlung steht. [..]

Wenn wir uns über Ärzte unterhalten, dann reden wir nicht nur über selbstlose Götter in Weiß, die sich ausschließlich dem Hypokrates verpflichtet fühlen, sondern oft auch über selbständige Kleinunternehmer, die 12 Semester Medizin studiert haben,  noch ihren Facharzt draufpacken, zwischendrin noch ihren Doktor machen und dann irgendwann endlich gutes Geld verdienen wollen. Neben einer Arztpraxis, die man nicht mal eben bei Ikea günstig einkaufen und selber zusammenschrauben kann, muss man nicht nur sich und seine Familie, sondern meist auch ein bis zwei Sprechstundenhilfen oder MTAs am Kacken halten, was auch nicht immer einfach ist. Der eine versucht sein Glück nebenbei als Homöopath und macht in Globuli, der andere lässt sich von Ratiopharm, Hexal oder einem anderen Pharmaunternehmen schmieren, völlig legal und mit dem Segen deutscher Gerichte. Medizin ist irgendwo auch immer ein Drecksgeschäft. So oder so.  ( Beitrag von Johannes Fischer)