Peinlich: Kreationisten bejubeln ENCODE 6

 

DNA-Sequenz
via Wikimedia

Neulich habe ich über ENCODE geschrieben, ein Projekt, das DNA-Elemente katagolisiert. Ich habe versucht zu erklären, warum viele Forscher sich so über den Medienhype ärgern, den die ENCODE-Macher veranstaltet hatten, mit der zweifelhaften Meldung, es gäbe kaum „Junk-DNA“ im menschlichen Genom. Leser Sparc hat mich auf einen Aspekt aufmerksam gemacht, den ich übersehen hatte: Kreationisten haben die ENCODE-Propaganda enthusiastisch aufgenommen, noch ein bißchen verdreht und für ihre ganz eigenen Zwecke ausgeschlachtet. Dan Graur, der Autor des ENCODE-kritischen Artikels, den ich besprochen hatte, hat sich dazu auch in einem hörenswerten Podcast geäussert.

Was hat denn Kreationismus mit Bioinformatik am Hut? Und warum ärgern sich besonders die Evolutionsbiologen so über die irreführenden Aussagen von ENCODE und die unsinnige Definition von „Funktion“, die der Hauptgrund für die Verwirrung ist? Um das zu ergründen, muß ich etwas ausholen und einen Klassiker der evolutionsbiologischen Literatur ins Spiel bringen, Francois Jacobs Artikel „Evolution and Tinkering“ aus dem Jahr 1977.

Das Wort „Tinkerer“ beschreibt einen Bastler, eine Tüfter, man könnte auch sagen ein kreativen Pfuscher. Er findet eine Lösung für den Augenblick, denkt aber keine zwei Sekunden voraus und geht auch nicht ordentlich mit Werkzeugen und Baumaterialien um. In der Werkstatt des Tinkerers finden wir einen chaotischen Haufen voller vollendeter und angefangener Maschinen – oft ist nicht ganz klar, was die wunderlichen Gerätschaften überhaupt anstellen. Er arbeitet mit selbstgebastelten Werkzeugen, die er genau da fallen lässt, wo er sie zuletzt benutzt hat. Die Machwerke des Tinkerers funktionieren ganz gut, seine Dienste sind gefragt. Er ist flexibel und ideenreich, aber optimal ist es nicht nicht, was aus seiner Garage kommt. Aus Teilen von alten Kaffeemaschinen und Fernsehern baut er Kühlschränke, mit denen man auch telefonieren kann. Seine Kunden wundern sich schon gar nicht mehr, wieso sie die Kühlschranktür aufmachen müssen, wenn sie die Oma anrufen wollen. Funktioniert, aber logisch ist es nicht gerade. Außerdem hat er einen Schraubendreher im Eisfach vergessen, der jetzt dort festgefroren ist.

Ganz anders ein Designer, zum Beispiel in einer Autofirma: Der Autodesigner macht sich erst eine detaillierten Plan, was sein Auto alles können muß, er berechnet die Aerodynamik, er skizziert jedes Einzelteil und überlegt, auf welche zukünftigen Einsatzzwecke das Auto ausgerichtet sein muß. Der Designer denkt voraus, macht Pläne für Ersatzteile und Folgemodelle und berücksichtigt auch, wie das Produkt in die zukünftige Ausrichtung der Firma passt.

Für die effektive, planvolle Produktion beschafft der sorgfältige Designer passgenaue Werkzeuge. Alles im Herstellungsprozess und am fertigen Produkt hat einen definierten Sinn und Zweck. Werkzeuge haben einen festen Platz und Abfälle werden umgehend entsorgt.

Ist die Evolution nun eher ein „Tinkerer“ oder ein Designer? Wie Jacobs deutlich gemacht hat, und wie es schon Darwin selbst angedeutet hatte, ist die Evolution eindeutig ein einfallsreicher Tinkerer – Evolution ist blind und wird geleitet vom Zusammenspiel von zufälligen Mutationen und Auslese durch Fortpflanzungserfolg. Mutationen können quasi folgenlos sein (häufig), einen Nachteil für den Fortpflanzungserfolg des Organismus bringen (auch häufig) oder eine bessere Anpassung bewirken (sehr selten). Wichtig dabei aber: Erfolg bezieht sich immer auf die augenblickliche Situation, auf die Zahl der fortpflanzungsfähigen Nachkommen. Eine vorgegebene Richtung oder Vorausplanung gibt es nicht in der Evolution.

Ist die Evolution also ein Tinkerer, so erwarten wir dass das Genom aussieht wie die Garage des Tüftlers: Die Werkstatt brummt zwar, aber es herrschen chaotische Zustände. Zwischen den funktionierenden Genen und regulierenden DNA-Elementen finden wir inaktive, funktionslose DNA, sinnlos herumspringende DNA-Abschnitte und „Pseudogene“ (also Gene, die nicht mehr in funktionale Genprodukte übersetzt werden). Und genau so ist es auch, der überwiegende Teil des menschlichen Genoms ist „Junk“  und die Aussage der ENCODE-Leute, dass 80% „funktional“  seien, ist biologisch gesehen einfach Unsinn, sofern wir eine sinnvolle Definition von “Funktion” anwenden (siehe den vorigen Beitrag zum Thema).

Nebenbei bemerkt: Bakterien haben ein sehr viel „aufgeräumteres“ Genom. Funktionslosen Junk in der DNA mitzuschleppen, hat gewisse „Fitness-Kosten“. DNA muß bei jeder Zellteilung kopiert werden, das kostet Zeit und Ressourcen, aber einen entscheidenden Unterschied für den Fortpflanzungserfolg macht das beim Menschen und anderen Tieren und Pflanzen offenbar nicht.

Kreationisten, z.B. die Betreiber der Seite Answers in Genesis, bezeichnen das Konzept der „Junk“-DNA gerne als „Neo-Darwinistische Propaganda“:

“Junk DNA is a myth”.

“Every bit of DNA has function, even if we don’t know what it is.”

Der Grund für diese Haltung der Kreationisten dürfte nach dem oben gesagten klar sein: Die Existenz der Junk-DNA ist ein starkes Argument für darwinische Evolution, den Prozeß der blinden Tinkerer. Anhänger der Schöpfungslehre wollen aber aus ideologischen Gründen einen Bauplan Gottes oder Spuren eines intelligenten Designers sehen. Die ENCODE-Meldungen vom vermeintlichen Ende der Junk-DNA kommen da gerade recht und werden entsprechend ausgeschlachtet.

Einer der Macher von ENCODE soll angeblich zu einem Kritiker gesagt haben, er interessiere sich nicht für Theorie, er wolle Krebs heilen*. Bei aller Datensammelei und Hochdurchsatzmethodik ist es aber die Aufgabe des Wissenschaftlers, darüber nachzudenken, was uns die Daten sagen, wie sie bestehende Theorien festigen oder auch infrage stellen.  Wissenschaftler müssen klar sagen, was die Begriffe bedeuten, die sie verwenden.  Drücken sich die Forscher um diese Aufgaben, so springen eben andere ein. Was dabei herauskommt, ist  bei  ”Answers in Genesis”  zu bewundern.

 

 

*Disclaimer: hab das wo gelesen, finde jetzt aber den Link nicht mehr…wenn jemand die Quelle dafür weiß, würde ich sie gerne anfügen.

UPDATE: Das Zitat stammt aus einer Konfrontation auf BBC zwischen Dan Graur und John Stamatoyannopoulos.
Laut Graur: “ Stamatoyannopoulos stated in a BBC confrontation with me that he is not interested in being ‘politically and evolutionarily correct,’ he strives to ‘cure cancer.’ ”

 

 

 

 

6 thoughts on “Peinlich: Kreationisten bejubeln ENCODE

  1. Christian - Alles Evolution Mar 21, 2013 10:46

    Es gibt ja wirklich genug Beispiele dafür, dass wir nicht “intelligent entworfen” sind, von Umwegen für einen Hörnerv über das Herz bis zu Beckendurchleitungen.

    Allerdings ist die “Herzlosigkeit” der Evolution ja auch in anderen Bereichen noch nicht wirklich angekommen. In Diskussionen wird oft mit Gruppenselektion argumentiert und es wird nicht verstanden, dass die Gruppe den egoistischen Genen relativ egal ist. Und auch beim Gehirn wird nicht verstanden, dass es ein Organ ist wie jedes andere und damit evolutionären Prozessen unterliegt, die auf Weitergabe von Genen ausgerichtet sind. Diese Form des antievolutionären Denkens finde ich viel gefährlicher als die ja erkennbar außerhalb der Wissenschaft lebenden Kreationisten

    • HansZ Mar 21, 2013 12:00

      Diese Form des antievolutionären Denkens finde ich viel gefährlicher als die ja erkennbar außerhalb der Wissenschaft lebenden Kreationisten

      Da ist viel Wahres dran. So einen richtig schrägen Kreationisten US-amerikanischer Prägung findet man in Deutschland ja kaum, zumindest halten sie sich in der Öffentlichkeit sehr zurück.
      Aber dafür gibt es bei uns weit verbreitete diffuse Vorstellungen darüber, wie Evolution funktioniert. Da mischt sich dann schon mal reichlich Esogeschwurbel mit Schlagworten aus der Biologie. Man nehme als Beispiel nur diesen Kommentar meiner Leserin Susanne, den Dietmar dankenswerterweise recht eindeutig beantwortet hat:

      http://panagrellus.de/?p=103#comment-248

      Gegen diffuses Geschwurbel zu argumentieren ist auch weit schwieriger, und macht weniger Spaß, als einen lauten Junge-Erde-Kreationisten auseinanderzunehmen…

  2. Gerrit Mar 21, 2013 11:17

    Hans, das ENCODE Konsortium lässt zum Beispiel in diesem “public outreach” Video verkünden, wozu ihre Arbeit nützlich sein wird. Bei 3:33 heisst es eher zurückhaltend: “… understanding, of how genetic disorders such as cancers happen, so that one day, they’ll be fixable”. Das Zitat konnte ich aber auch nicht finden.

    http://www.youtube.com/watch?v=TwXXgEz9o4w

  3. Benjamin Schlager Mar 21, 2013 11:30

    Hoi Hans

    Das Zitat zu “cure cancer” hast du von mir. Ich habe, im Anschluss an die Lektuere seines Artikels, an ihn eine e-mail geschrieben in der ich ihm zu seinem Artikel gratuliert habe. Er hat dir seine Antwort weitergeschickt. Ich zitiere hier aus seiner Antwort:

    Unfortunately, one of the leaders of ENCODE, John Stamatoyannopoulos,
    does not agree about the necessity of rigorous evolutionary studies,
    and stated in a BBC confrontation with me that he is not interested in
    being “politically and evolutionarily correct,” he strives to “cure
    cancer.” I was rendered
    speechless.

    -ben

  4. Benjamin Schlager Mar 21, 2013 11:32

    Ah ! Man sollte die eigenen Posts lesen bevor man sie abschickt. ICH habe dir seine Antwort weitergeschickt. Nicht Dan Graur selbst.

    Sorry…

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