Leihmutteragentur für Neanderbabys sucht Geschäftsmodell 2

Neandertaler mit Sonnenbrand.
Foto Credtits: Stefan Scheer via Wikimedia

George Church, Harvardprofessor, sucht per Spiegel-Interview Frauen, die bereit sind ein Neandertalerbaby auszutragen – so die Daily Mail. Dass wir kurz davor stünden, den Neandertaler zu klonen, ist aber Unsinn. Church hat mittlerweile richtiggestellt, dass er selbst an ganz anderen Fragen arbeitet und keineswegs daran interessiert ist, Kontakt zu abenteuerlustigen Leihmüttern aufzunehmen. Wie kam es zu dieser Falschmeldung? Die entsprechende Passage im Spiegel ist irritierend, aber dass Church nicht über konkrete Pläne spricht, sondern ins Blaue hinein spekuliert, wird meiner Meinung nach zwischen den Zeilen schon klar. Eine redaktionelle Glanzleistung des Spiegel war die Story aber nicht. Hastig hingehauene Blogs und angelsächsische Zeitungsmeldungen bliesen die rückübersetzte Version der Geschichte weiter auf und am Ende der digitalen Metamorphose hörte der erstaunte Leser von einem renommierten Professor, der kurz davor steht, einen 30.000 Jahre alten Homo neanderthalensis zu klonen. Dass die Daily Mail keine verlässliche Quelle ist, das weiß der Brite. Aber interessant ist, dass nicht nur Blogger und Leser, sondern auch große Zeitungen mit Wissenschaftsredaktionen es für möglich hielten, dass demnächst geklonte Frühmenschen unter uns leben werden; oder sie hielten es nicht für möglich, brachten die Meldung aber trotzdem.

Ein Medienblog könnte jetzt Wichtiges schreiben über den Niedergang der unabhängigen Recherche, das personelle Ausbluten der Fachredaktionen und den Beschleunigungswahn im Nachrichtengeschäft. Ich bleibe aber lieber bei der Wissenschaft. Weil bei solchen Meldungen auch nach dem Dementi immer etwas hängenbleibt und weil es nur eine Frage der Zeit ist, bis die nächste Falschmeldung zum gleichen Thema durch die Medien geht, sage ich es ganz deutlich: wir werden keinen Baby-Neandertaler in unserer Mitte begrüßen, nicht in zehn Jahren und auch nicht in fünfzig. Gehen wir die Geschichte der Reihe nach durch:

Homo neanderthalensis war uns äusserlich ähnlich, er hat Tote bestattet, er war unser Nachbar. Über seine geistigen Fähigkeiten kann man nur spekulieren, aber viel dümmer als Homo sapiens war er jedenfalls nicht. Die Neandertaler sind keine direkten Vorfahren des modernen Menschen, wir haben eine Weile nebeneinander gelebt, bis die Neandertaler vor etwa 30.000 Jahren ausstarben.

Würde ein Neandertaler in unserer Welt zurechtkommen? Wie erginge es ihm oder ihr in Kindergarten und Schule? Könnten wir uns einen Neandertaler als Bundeskanzler vorstellen? Interessante Fragen, die auf Parties und am Stammtisch für Unterhaltungsstoff sorgen, mehr nicht. Aber Wissenschaftler haben doch Schafe und eine Reihe anderer Säugetiere geklont, die Forscher haben große Teile des Neandertaler-Genoms entschlüsselt, wo ist denn der technische Haken  - und werden skrupellose Forscher es nicht doch bald versuchen?

Einen Säugetier klonen bedeutet, ein Genom ohne den Umweg der sexuellen Reproduktion in eine Eizelle einzubringen und den so entstandenen Embryo in einer Leihmutter auszutragen. Da beim Klonen die Rekombination des Erbguts von Mutter und Vater entfällt, ist der Organismus genetisch quasi identisch mit dem Spender des Genoms. Ein hypothetischer Neandertalerklon wäre das Abbild eines prähistorischen Menschen, der vor mehr als 30.000 Jahren lebte (nur genetisch allerdings – eine wichtige Einschränkung, wie wir noch sehen werden).

Das menschliche Erbgut (gleich ob modern oder Neandertaler) besteht aus über 3 Milliarden DNA-Bausteinen. Die DNA selbst ist in der Zelle von Proteinen umgeben, die teilweise „Verpackungsmaterial“ des Chromosoms sind, teilweise aber wichtige Rollen in der Regulation der Genaktivität haben. Zusätzlich sind die Bausteine der DNA oft chemisch modifiziert (zum Beispiel durch angehängte Methylgruppen), was wiederum Auswirkungen auf die Aktivität der Gene hat. Diese erblichen Eigenschaften, die nicht direkt in der Abfolge der DNA-Bausteine kodiert sind, fallen unter den Sammelbegriff „Epigenetik“.

Sie war die erste: geklontes Schaf.
Foto: Mike Pennington via Wikimedia CC

Wenn wir einen Neandertaler klonen wollten, bräuchten wir zuerst ein vollständiges, möglichst fehlerfrei abgelesenes Neandertaler-Genom. Nicht nur als Datei im Computer, sondern in Form von Chromosomen, mit allem was dazugehört. Die Paläogenetiker können 30.000 Jahre alte DNA aus Knochen extrahieren und entschlüsseln. Aber eben nicht am Stück, sondern in kleinen Fragmenten, die dann am Computer zusammengesetzt werden. Wie oft bei Genomprojekten, bleiben wahrscheinlich am Ende einige knifflige Regionen über. Ich nehme an, dass zumindest teilweise auf „moderne“ DNA zurückgegriffen werden müsste, um Lücken zu füllen. Wollen wir mal nicht so sein und nehmen wir an, es gelingt, 99% des Neandertalergenoms zu entschlüsseln und in fehlerfreier, lückenloser Abfolge am Computer einzulesen.

Da das extrahierte fossile Erbgut bruchstückhaft ist und zudem nur in kleinsten Mengen vorkommt, könnten die Forscher  die DNA nicht direkt in eine Eizelle einbringen. Das heisst, die verwegenen Wissenschaftler müssten das Genom aus neusynthetisierten Stücken biotechnisch zusammensetzen, zum Beispiel indem sie nach und nach die DNA einer existierenden humanen Zelllinie durch Fragmente der neu hergestellten Neandertaler-DNA ersetzen. Die synthetische Biologie macht Fortschritte, wenn es um Bakterien und Hefen geht, aber ein menschliches Genom aus kleinen Fragmenten zusammenzuflicken wäre eine enorme Aufgabe. Nun gut, ich will den Optimisten zugestehen, dass es für die meisten technischen Hürden irgendwann eine Lösung gibt, wenn man nur genug Aufwand betreibt.

Aber ein anderes Problem ist nicht technisch zu lösen: Wo nehmen wir die Eizelle einer Neandertalerin her? Jeweils arttypisch für ein Genom ist nicht nur die Abfolge der DNA-Bausteine, sondern auch das Muster der epigenetischen Merkmale, also der Art und Weise, wie die DNA mit chemischen Markierungen versehen ist und von regulatorischen und strukturellen Proteinen umgeben wird. Wenn Neandertaler-DNA  in eine modern-menschliche Zelllinie eingebracht wäre, ersetzte sie dort die DNA eines modernen Menschen und die Zelle wäre unter der Kontrolle der “fossilen” DNA. Wie gesagt, technisch eine enorme Herausforderung, aber selbst wenn es klappt, kann man jetzt schon sagen, dass niemals ein Neandertaler dabei herauskommt. Die Spender-DNA würde nämlich von der epigenetischen Maschinerie der Empfänger-Eizelle so behandelt wie  modern-menschliche DNA. Was auch immer die Forscher da kreieren wollten, es wäre kein echtes Abbild des Homo neanderthalensis, sondern ein Mischwesen aus einem 30.000 Jahre alten Genom, abgelesen und installiert von der Eizelle eines heutigen Menschen. Aber vielleicht sind auch das Spitzfindigkeiten.

Das nächste Problem würde dem Projekt aber das Genick brechen: Eine passende Leihmutter müsste den Embryo austragen. Die Kreisläufe von Säugerembryo und Mutter sind über Nabelschnur und Plazenta verbunden. Wie reagiert das “fossile” Genom auf den Hormoncocktail einer schwangeren Homo sapiens – Frau? Und wie reagiert das Immunsystem einer heutigen Frau auf die Proteine, die das Neandertalergenom erzeugt? Niemand weiß das, aber dass sich der Fötus normal entwickeln würde, halte ich fast für ausgeschlossen („normal“ hiesse hier wahrscheinlich: so wie in einer Homo neanderthalensis – Frau). Schon bei den existierenden Klonversuchen innerhalb einer Säugetierart ist die Erfolgsrate miserabel. Die grossen Durchbrüche an der Front der Genomdaten und der Hochdurchsatzmethoden verstellen vielleicht den Blick auf die Schwierigkeiten in der Entwicklungsphysiologie.

Aber es gibt doch genetische Hinweise, dass sich Neandertaler und moderne Menschen gekreuzt haben, wieso sollte es dann nicht möglich sein, dass eine heutige Frau einen Neandertaler austrägt? Zwei Dinge dazu:

1. In der Tat gibt es Regionen in den Genomen von Neandertaler und nicht-afrikanischen Linien von Homo sapiens, die sich auffallend ähnlich sind. Viele Forscher schliessen daraus, dass die beiden Linien gelegentlich Nachkommen miteinander hatten. Andere Forscher aber verweisen auf den Effekt des „lineage sorting“: Demnach sieht man in den Daten nur Spuren der komplizierten Aufspaltung der Abstammungslinien, und  nicht eine sekundäre Vermischung.

2. Auch wenn Neandertaler und unsere direkten Vorfahren Sex miteinander hatten und dabei gelegentlich Nachkommen entstanden – wie gesagt, die molekulare Daten legen das schon nahe – so heisst das noch lange nicht, dass heutige Frauen Neandertaler-Babys austragen könnten. Ein aus einer Paarung hervorgegangener Embryo bekommt die Hälfte der Gene von der Mutter, im Gegensatz zum Klon, der nur die “fossilen” Gene hätte.

Soweit einige Argumente, wieso ich nicht an die Wiederauferstehung unserer ausgestorbenen Verwandten glauben kann. Aber auch wenn eine technische Meisterleistung in ferner Zukunft uns ein Baby mit dem Genom eines Homo neanderthalensis bescheren könnte: Es wäre trotzdem kein Abbild eines Neandertalers. Einerseits wegen der angesprochenen Erbfolge der epigenetischen Markierungen in den Eizellen, die unweigerlich verloren sind. Aber auch, weil der Neandertaler nicht nur eine biologische Größe war, sondern auch eine kulturelle. Der unter uns aufgewachsene Klon wäre kulturell gesehen eben kein Neandertaler, sondern ein moderner Mensch mit einem ungewöhnlichen Genom. Wir würden wenig bis nichts über das Leben unserer ausgestorbenen Verwandten erfahren.

Manche Leser werden sich mittlerweile ärgern, weil ich über all den technischen Kram schreibe, wo doch der wichtigste Einwand ein ethischer sei: Egal ob wir es können, wir dürfen keine prähistorischen Menschen klonen.  Als eine Art ethisches Schattenboxen mag die Frage interessant sein, ob wir es dürften, aber ernsthaft auseinandersetzen müssen wir uns nicht damit, egal was die Daily Mail oder andere Medien in Zukunft noch dazu schreiben werden.

Wie Patienten, Ärzte, Versicherungen mit individuellen Genominformationen umgehen (mit unserer, nicht der unserer prähistorischen Verwandtschaft): Das ist eine Frage um die wir uns kümmern sollten. Auch zu Themen wie Genomscreening in der Pränataldiagnostik und therapeutischem Klonen sollten wir uns schleunigst eine Meinung bilden. Aber wie wir mit Neandertalern in unsere Mitte umgehen wollen, können wir ganz ruhig aussitzen.

 

 

Update:

Johann Grolle schreibt auf dem Spiegelblog über die Hintergründe des Interviews mit Prof. Church.

 

2 thoughts on “Leihmutteragentur für Neanderbabys sucht Geschäftsmodell

  1. Matthias Jan 24, 2013 00:30

    Ahh! :D Ok, danke für den Hinweis, habe mir den Artikel Ihres Blog’s durchgelesen. Kann Ihren Blog nur weiterempfehlen!

  2. Bellfrell Jan 24, 2013 11:12

    Danke für den Hinweis und Ihren Artikel.
    Ich habe das heute gleich in einem update geposted.

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