Krebsforschung mit Borsten 2

Ein Sommer im Naturkundemuseum, Teil V:

Museum für Naturkunde Berlin  – Besuch beim Kustos für Krebstiere.

Flohkrebs
Foto: Bruno Danis, WoRMS cc3

Muss ein Museumskustos auch ein wenig Pessimist sein? Das zumindest könnte eine Erklärung sein für die Transportboxen, die bei Dr. Charles Oliver Coleman in den Magazinregalen stehen. Kustos  ist der „Hüter“ – an dieser Stelle gibt es Punkte für Leser mit dem kleinem Latinum. Coleman hütet also die umfangreiche Krebstier-Sammlung des Berliner Museums für Naturkunde: er sorgt für eine gut gepflegte Inventarliste;  er kommuniziert mit Gastwissenschaftlern, die gerne Objekte aus seiner Sammlung unter die Lupe nehmen wollen; er erweitert die Sammlung;  kurz, er kümmert sich um alles an Logistik und Planung, was so dazugehört, wenn man verantwortlich ist für 27.000 Objekte in der Krebstiersammlung des Museums für Naturkunde in Berlin.

Hier kommen die Transportboxen ins Spiel – darin sind nämlich die Gläser mit den wissenschaftlich wertvollsten Exemplaren aus Colemans Magazin untergebracht. Sollte jemals Feuer, ein Erdbeben, ein Bombenangriff oder sonst eine Katastrophe über das Museum hereinbrechen, Coleman wäre vorbereitet.  Er wird  dafür sorgen, dass die transportbereiten Kisten und ihr kostbarer Inhalt schleunigst in Sicherheit gebracht werden.

Sammlungen in Gefahr: Feuer, Bomben, Erdbeben

Ist das übertriebene Fürsorge für ein paar tote Tiere, die teilweise schon seit vielen Jahrzehnten  in Alkohol schwimmen? Oder hat da jemand aus der Geschichte gelernt? Denn gleich ob im naturhistorischen Museum in Berlin oder zuvor im Natural History Museum in London: Kriegsbomben haben im zweiten Weltkrieg hier wie dort wichtige Objekte zerstört und ein gigantisches Chaos angerichtet. Forscher in den Nachkriegsjahren waren jahrelang beschäftigt, die Objekte wieder in Stand zu setzen, die Sammlungen wieder aufzubauen. Auch in Friedenszeiten ist eine Sammlung immer in Gefahr: So hat im Mai 2010 ein Feuer  am Instituto Butantan in Sao Paulo (Brasilien) eine weltweit bedeutende Sammlung von 80.000 Tieren zerstört – vor allem Schlangen, aber auch Skorpione und Spinnen. „Ein Verlust für die ganze Menschheit“, sagte damals der am Boden zerstörte Kurator  (http://news.bbc.co.uk/2/hi/8685921.stm).

Foto: Stefano Schiaparelli, WoRMS cc3

Flohkrebse im Steinbruch

Neben dem Hüten der Sammlung ist die Forschung die andere Kernaufgabe eines jeden Kustos. Coleman interessiert sich besonders für die Flohkrebse, oder Amphipoda, wie die Tiere wissenschaftlich korrekt heissen. Flohkrebse sind nah mit den Asseln verwandt.  Wie alle Krebse atmen sie über Kiemen, die ein Teil ihrer Extremitäten sind. Manche leben an Land, aber die meisten findet man im Meer; auch in arktischen und antarktischen Gewässern, wo sie eine wichtige Nahrungsgrundlage für viele der dort lebenden Arten sind. Etwa 6000 Flohkrebsarten sind der Wissenschaft bekannt, man vermutet aber sehr viel mehr  bisher unentdeckte Vertreter. Genug zu tun also für einen Forscher, der sich ganz den Amphipoden verschrieben hat.

Ganz hinten im Magazin führt mich Coleman zu einem Regal, das er liebevoll seinen „Steinbruch“ nennt: Flohkrebse, die teils schon Jahrzehnte darauf warten, nach allen Regeln der Zoologie beschrieben und verglichen zu werden. „Es wird viel gesammelt, aber zu wenig geforscht“, meint er. Allein mit dem Regal, vor dem wir jetzt stehen, könnte er sich jahrelang beschäftigen, ohne das Museum jemals verlassen zu müssen.

Der Job als Taxonom ist sicher nicht jedermanns Sache. Coleman kommt dabei eine Fähigkeit zugute: genau beobachten, Strukturen erkennen, wesentliche Unterschiede herausarbeiten – all dies liegt ihm. Beim Flohkrebs-Bestimmen kommt es oft auf knifflige Einzelheiten an, Muster und Art der Borsten etwa, die ein ungeübter Beobachter vielleicht gar nicht registriert.

Digitale Borsten

Alle wichtigen Details fliessen nach wie vor auch in Bleistift-Zeichnungen ein – keine Fotografie kann Details so pointiert wiedergeben. Die meisten Zoologen zeichnen die endgültige Version nach wie vor mit Tusche, aber Coleman bevorzugt für die publikationsreifen Zeichnungen das digitale Zeichenbrett. Mit Hilfe einer selbst entwickelten Erweiterung für ein Grafik-Programm kann er beispielsweise per Mausklick zwischen verschiedenen, wissenschaftlich akkuraten Borstentypen wählen.

Foto: Bruno Danis, WoRMS cc3

Beobachten, Zeichnen, Fotografieren, Literatur vergleichen. Über Wochen kann das so gehen, bis der Forscher weiß, ob er es mit einer neuen Art zu tun hat. Dem Erstbeschreiber einer neuen Art kommt dann die Ehre zu, in einer Fachveröffentlichung einen Namen für den Neuzugang festzulegen. Oft wählen die Taxonomen andere Forscher als Namenspaten, die sich beispielsweise besonders um die Tiergruppe verdient gemacht hatten.

Fliege mit goldenem Promi-Hintern

Aber erlaubt ist in der Namensgebung im Prinzip, was gefällt. Wir hatten hier in dieser Serie ja schon von der Spinne „Heteropoda davidbowie“ gehört („groß, haarig, gelb“). Auch die Fliege Scaptia beyonceae (Markenzeichen: goldenes Polster am Hintern) hat eine leicht zu erratende Patin.

Als aber ein Forschungsschiff vor der Küste Neuseelands und aus der Antarktischen Ross See wieder einmal  neue Flohkrebs-Arten aus dem Meer gezogen hatte, wollte Coleman in seinen Beschreibungen Menschen ehren, die seine Arbeit am Museum unterstützen: So sind die Namen von Petra Ebber und Monika Neumann, zwei hilfreichen Sekretärinnen des Museums, jetzt in die Annalen der Zoologie eingegangen,  mit den Neuentdeckungen Syrrhoites ebberae und Ileraustroe neumannae. Gleichfalls zu zoologischen Ehren kamen der Generaldirektor Johannes Vogel und der kaufmännische Geschäftsführer Stephan Junker. Eine  Anerkennung für Mitarbeiter, die dafür sorgen, dass sich Forscher und Kuratoren ganz auf ihre Arbeit konzentrieren können.

Taxonomen – ein bedrohte Spezies?

Anerkennung – das ist ein gutes Stichwort. Denn zurück im Büro unterhalten wir uns noch etwas über die Sorgen, die sich die Taxonomen über ihr Fachgebiet machen. Denn auch das höre ich überall, wo ich diesen Sommer in den Büros der Museumsleute sitze: Die Taxonomie gilt oft als unsexy, wenn Forschungsgelder verteilt oder neue Forscher-Stellen geschaffen werden.

Folge: Expertise geht verloren, nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Ausgerechnet jetzt, könnte man sagen, denn im Prinzip hat ja die internationale Politik schon erkannt, dass das Aussterben der Arten, der Schutz der Biodiversität ein drängendes globales Problem ersten Ranges ist. Schützen kann man aber nur, was man kennt – und zum Kennen der bekannten und Kennenlernen der vielen unbekannten Arten braucht man professionelle Systematiker.

Ist die Taxonomie also nicht „interessant“ genug, um Forschungsgelder anzuziehen? Zumindest schaffen es Taxonomen selten, ihre Fachaufsätze in den Renommierjournals der Wissenschaftsgeschäfts unterzubringen, Science oder Nature etwa.  Solche Publikationen spielen bei der Bewertung von Forscherleistung aber eine enorm wichtige Rolle. Die Besonderheiten der taxonomischen Forschung fallen da schon mal unter den Tisch.

Nicht jede Entdeckung einer neuen  Art stoppt den Klimawandel

Die Taxonomen führen das Inventar-Buch des Lebendigen – Was lebt(e) wann und wo. Sie finden Verwandtschaftsbeziehungen und geben Anleitung darin, ähnliche Arten auseinanderzuhalten. Andere Biologen können dann auf diese Serviceleistung der Systematiker aufbauen und spezielle Hypothesen testen, die dann vielleicht eine ‘spannende’ Geschichte hergeben.

Oder, anders gesagt: Nicht jede Beschreibung einer neuen Art, nicht jede Revision einer Gattung trägt direkt und sofort zum Verständnis des Klimawandels bei oder hilft beim Kampf gegen Krankheiten. Wichtig ist diese Art der Forschung trotzdem – echte Grundlagenforschung eben.

Coleman und viele seiner Kollegen sind beispeilsweise enttäuscht, wenn manche Ökologen sich bei ihren Feldstudien nicht die Mühe machen (oder eben nicht die entsprechende Expertise haben), ihre Funde  genau zu bestimmen. Und australische Krebse schon mal mit einem Bestimmungsschlüssel bearbeiten, der eigentlich für die Fauna Norwegens gedacht ist. Ob man mit solchen Ergebnissen viel anfangen kann?

Science Slam

Verständnis für Sinn und Ziel der systematischen Museumsforschung zu wecken, ist oft nicht leicht – Einen dritten Aspekt der Kustos-Arbeit will ich deshalb auch nicht unterschlagen: Wer an einem Museum arbeitet, kommt um Öffentlichkeitsarbeit nicht herum. Um auch einem breiteren Publikum zu vermitteln, was die Forscher so treiben und wieso ihre Arbeit wichtig ist, hat Coleman beispielsweise an einem Science Slam teilgenommen und dort über sein Arbeit an Flohkrebsen erzählt (http://www.youtube.com/watch?v=AhpWq-OH5P4).

Naturkundliches Stendhal-Syndrom

Mit einem Besuch und zwei, drei  Blog-Artikel diesem beeindruckendem Berliner Museum , den Forschern und den Objekten gerecht zu werden, ist natürlich völlig unmöglich – selbst ein dickes Buch müsste viele interessante Geschichten weglassen. Aber ich hoffe, die Eindrücke von meinem Tag in Berlin vermitteln ein wenig vom Spirit des Museums – und damit meine ich nicht den Weingeist in der Flüssigsammlung.

Beim Gang durch die Ausstellungsräume und Magazine, beim Blick in die Arbeitsplätze der Wissenschaftler des Museum habe ich eine ungefähre Ahnung davon bekommen, was für eine enorme Sammlung hier zusammengetragen wurde: Erst die 80.000 Alkoholgläser voller Schlangen und Fische in der öffentlichen Ausstellung. Dann weiter in Jason Dunlops Spinnenreich mit mehr als 60.000 katagolisierten Objekten. Gleich darauf Colemans Krebstiere, nochmal so eine Halle voller Alkoholgläser. Im Vorbeigehen noch ein fabrikhallengroßer Magazin-Raum mit Vogelpräparaten, dicht an dicht in gläsernen Vitrinen. Auch nur im Vorbeigehen, habe ich in weitere Räume voller Holzschränke gespäht, jeder davon mit Ausziehschubladen – wieviele Organismen sich jeweils darin verstecken?

Ich glaube, beim Verlassen des Berliner Museums bin ich nahe dran an einem naturkundlichen Äquivalent des „Stendhal-Syndroms“ -  eine merkwürdige psychosomatische Störung, die kunstsinnige Touristen gelegentlich in Florenz befällt: Physische und psychische Überwältigung angesichts der allgegenwärtigen Kunsteindrücke der italienischen Stadt. Ganz so schlimm ist es nicht, als ich zurück zum Bahnhof gehe, aber ich bin schon ein wenig perplex angesichts der Eindrücke, die bei meinem Besuch im Naturkundemuseum Berlin auf mich einströmten. Und dazu die verstörende Erkenntnis: Derart vielfältig sind die Formen des Lebens, die 4 Milliarden Jahre Evolution hervorgebracht haben, dass selbst dieses große Haus bei Weitem nicht ausreicht, um alles davon zu erfassen.

 

Teil 1:  Jura-Museum Eichstätt –   Bayerische Unterwasserwelten

Teil 2: Naturkundemuseum Görlitz – Unter Milben und Wölfen

Teil 3: Naturkundemuseum Erfurt – Thüringer Eichen und nepalesische Ohrwürmer

Teil 4: Naturkundemuseum Berlin I:  Die Ausstellungen  – Saurier vom Tendaguru, 80.000 Gläser Alkohol und eine verwirrte Fliege

 

 

2 thoughts on “Krebsforschung mit Borsten

  1. Juliane /@MfNBerlin Aug 19, 2013 10:39

    Vielen Dank für den Besuch bei uns und diese tollen Artikel! Vielleicht sehen wir uns bald mal wieder. Wie schon gesagt: es gäbe noch zahlreiche weitere Schubladen zu öffnen :-) Viel Spaß in den anderen Museen: wir freuen uns auf weitere interessante Einblicke und tolle Artikel!

    • HansZ Aug 19, 2013 12:19

      Ich sage Danke für die Gastfreundschaft! Ja, es gäbe in der Tat noch viel zu sagen.

      Ich habe ja in der historischen Forschungsstelle von den Tagebüchern Friedrich Sellows erfahren, dazu plane ich auf jeden Fall noch einen Artikel; wahrscheinlich kombiniert mit einer Geschichte über einen Truthahn, den ich in Wiesbaden gesehen habe. Mehr wird noch nicht verraten…

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