Krasse Kresse! Keimtötende WLAN-Strahlen? 2

DIESE Kresse wächst trotz WLAN.
Foto by wetwebwork via wikimedia cc2

Fünf dänische Schülerinnen haben einen Preis bekommen für ein Forschungsprojekt mit Gartenkresse; sogar News-Netzwerke wie ABC berichten über die Ergebnisse. Das klingt erst mal nach einer prima Nachricht für alle Freunde der Forschung, aber leider kann man das Projekt nicht loben. Das ist nicht die Schuld der Schülerinnen, sondern deren Lehrer hat offensichtlich nicht aufgepasst, als im Studium wissenschaftliche Methodik dran war.

Die dänischen Jungforscherinnen haben Kressekeimlinge unter zwei verschiedenen Bedingungen aufgezogen, einmal neben Laptops und Routern mit aktiviertem WLAN und als Kontrolle ohne Technik in der Umgebung.

Das scheinbar eindeutige, ja gar „statistisch signifikante“ , also wohl sensationelle Resultat: Unter dem Einfluss der elektromagnetischen (EM-) Strahlung  keimt Kresse scheinbar schlechter aus als in der Kontrollgruppe.

EM-Strahlen-Kritiker in aller Welt sind natürlich elektrisiert, man verzeihe das Wortspiel. Olle Johansson, Träger des eher wenig schmeichelhaften Preises „Misleader of the Year“ der schwedischen Skeptiker, hat schon angekündigt, das Experiment nachmachen zu wollen. Viel sollte man sich von einer ordentlich gemachten Wiederholung dieses Versuchs aber nicht erwarten.

Denn haben die Schülerinnen wirklich mit einem simplen Experiment den klaren Beweis für die Schädlichkeit der EM-Strahlung gefunden? Haben die Profis 60 Jahre lang die falschen Experimente gemacht? Nach ca 1300 Fachpublikationen kann man sagen, dass nach heutiger Datenlage keine ernsthafte Gefahr von alltäglicher EM-Strahlung aller Art (Radio, Handy, WLAN etc. ) ausgeht; haben fünf Schülerinnen diesen Stand der Forschung mit einer Handvoll Kressesamen und ein paar Laptops über den Haufen geworfen?

Oder ist es gar so, wie Verschwörungstheoretiker sofort mutmassen werden, dass die Mainstream – Forscher eh von der Industrie gekauft sind und unbequeme Ergebnisse unter Verschluss halten?

Die Antwort zu all diesen Fragen ist ein klares Nein – denn der Versuchsaufbau und die Datenanalyse dieses Versuchs waren höchst zweifelhaft.

Wie gesagt, das muss man dem Lehrer ankreiden, nicht den engagierten Schülerinnen. Das Projekt hat aber trotz – oder gerade wegen – des fehlerhaften Aufbaus einige lehrreiche Aspekte, und das ist auch schon fast der einzige Grund, warum ich heute darüber schreiben will.

Dieser Versuch eines Versuchs zeigt nämlich beispielhaft, worauf Forscher achten müssen, wollen sie ein ordentlich kontrolliertes Experiment machen. Denn auch wenn der Versuchsaufbau noch so einfach scheint, lauern doch überall Fallstricke. Und man muss es deutlich sagen: Selbst Profis scheitern gar nicht selten an einem vermurksten experimentellen Design. „Hinterher ist man schlauer“ sagt man dann aber am besten, während im Fall der dänischen Kressezüchter die Resultate leider vielerorts für bare Münze genommen werden – nicht zuletzt in den Reihen der esoterisch angehauchten „Strahlenkritiker“.

Was genau haben die Schülerinnen unter den Augen ihres Lehrers alles falsch gemacht? Im Folgenden zitiere ich im Wesentlichen die Recherchen und den Blogpost von Pepijn van Erp – mit Dank für die ausführlichen Infos dort.

Es fängt damit an, dass bei einem ordentlichen Experiment die Kontrollgruppe mit Ausnahme der zu testenden Größe genau gleich beschaffen sein sollte wie die „Interventionsgruppe“, also in diesem Fall die Kressesamen unter “WLAN-Einfluss”. Die Schülerinnen hatten aber nur neben die Interventionsgruppe Router und Laptops aufgebaut, die Kontrollpflanzen standen frei, so zumindest legen es Bilder des Versuchs nahe.

Nehmen die Geräte den Keimlingen vielleicht Licht weg, beeinflussen sie die Luftzirkulation um die Pflanzen, stört die Abwärme des Laptop-Lüfters das Auskeimen? Kritikern, die das bemäkeln, hätte man leicht den Wind aus den Segeln nehmen können: Einfach exakt gleicher Aufbau in Interventions- und Kontrollgruppe, die Laptops und Router sind an und brummen, aber das WLAN-Netzwerk bleibt aus.

Auch wichtig, wann immer möglich: Der Experimentator selbst sollte nicht wissen, was Kontroll- und was Interventionsgruppe ist. Im Kresse-Experiment war aber immer klar, wo ein Effekt sichtbar werden könnte – unbewußte Selbsttäuschung und Beeinflussung der Ergebnisse (z.B. beim Ansäen, dann beim eventuellen Giessen und der „Pflege“ der Keimlinge, schliesslich beim Auszählen der Resultate) sind da nicht unwahrscheinlich.

Und schliesslich die Statistik:

Die News-Seiten zeigen dramatische Bilder von einem saftig grünen Kressetopf (Kontrolle) und völlig unausgekeimten Samen (unter „WLAN-Einfluss“). Das sind aber nicht die Daten: Im tatsächlichen Experiment sind in den Kontrollgruppen durchschnittlich 332 Samen ausgekeimt, in der WLAN-Gruppe 252. Das ist wohl statistisch signifikant, aber schon gar nicht mehr so sensationell.

Zudem lauert noch ein andere Statistik-Falle: Ein gut geplantes Experiment braucht einen definierten Endpunkt – d.h. die Schülerinnen hätten vorher festlegen müssen: „Wir vergleichen die Töpfe am Tag X nach dem Ausbringen der Samen“. Das benutzte Kriterium war stattdessen offensichtlich, genau dann auszuzählen, wenn die Kontrollgruppe ‘voll ausgewachsen’ war – das Stop-Kriterium ist also zugunsten der Kontrollgruppe verschoben.

Und dann noch eine statistische Todsünde: Saubere Praxis ist es, ALLE Daten offenzulegen – einzelne Daten rauspflücken führt jede statistische Analyse ad absurdum. Und ja, gerade in diesem Punkt pfuschen auch die Profiwissenschaftler, „negative“ Daten bleiben allzu oft in der Schublade liegen. Ich sollte bei Gelegenheit mal darüber schreiben!

Konkret gab es im dänischen Kresse-Experiment offensichtlich noch ein zweites, paralleles Experiment, in dem sich die Laptops gegenseitig „angepingt“ hatten. Dieser Versuch zeigte aber keinen dramatischen Unterschied in der Kressekeimung (dieser Punkt ist nicht ganz klar, es gab da wohl einige widersprüchliche Aussagen des Lehrers).

Selbst wenn das Experiment perfekt geplant gewesen wäre und dieses Ergebnis brachte (332 zu 252 ausgekeimte Samen), müsste man nicht gleich alle WLAN-Router auf den Müll werfen. Der Zufall schafft auch Muster, und „statistisch signifikant“ heisst eben nicht, dass so ein Einzelergebnis nicht doch durch Zufall zustande kommen kann.

Und äusserst skeptisch sein darf man bei solchen Experimenten schon deshalb, weil noch niemand einen glaubwürdigen Mechanismus gezeigt hat, wie genau denn EM-Strahlung die Keimung beeinflusst. Und von nicht-keimenden Kressesamen zu einer Gesundheitsgefahr für den Menschen ist es noch mal ein großer Sprung.

Schade, dass eine an sich gute Idee für ein Schülerforschungsprojekt so in die Hose gegangen ist. Aber immerhin wissen meine Leser jetzt in groben Zügen, wie man ein gutes Experiment plant. Falls ihr Lust habt, kauft euch doch ein Tütchen Kresse und macht Versuche damit, benutzt Handys, Laptops, Kaffeemaschinen, Kühlschränke, was auch immer, aber macht es ordentlich! Ich werde hier gerne über eure Ergebnisse berichten…

 

 

 

2 thoughts on “Krasse Kresse! Keimtötende WLAN-Strahlen?

  1. IgnazPS Jun 17, 2013 15:16

    Super Artikel! Ich glaube auch, dass jeder, der (wenn auch unbewusst)einem Paradigma folgt Weichen in Richtung “eindeutiger” Testergebnisse stellen muss, wenn er dabei nicht höllisch aufpasst. Eine Frage an den Biologen noch zum obigen Thema: Ich habe gelesen, dass gepulste Mikrowellen – Handy-, WLAN- und DECT-Strahlung gehören da ja auch dazu – bei der Genmanipulation dazu benutzt werden, die Zellmembran zu öffnen und dann fremde Gene in die Zelle einzuschleusen. Stimmt das und wenn ja, ist die Sache dann wirklich so harmlos?

    • HansZ Jun 18, 2013 21:15

      Danke für den Besuch auf meiner Seite!

      Ich habe gelesen, dass gepulste Mikrowellen – Handy-, WLAN- und DECT-Strahlung gehören da ja auch dazu – bei der Genmanipulation dazu benutzt werden, die Zellmembran zu öffnen

      Um DNA in Zellen zu bringen gibt es Dutzende Verfahren , Mikrowellen sind da sicher nicht die Standard-Methode und war mir aus meiner Laborpraxis nicht bekannt. Häufiger sind Hitze-Schock oder Viren als Transportvehikel oder Elektroporation (http://de.wikipedia.org/wiki/Elektroporation) etc. Meine damaligen Kollegen haben auch mal mit einer kleinen Kanone auf Würmer geschossen, um mit DNA überzogene Goldkügelchen in die Zellen zu bringen… klingt jetzt beinahe esoterisch, aber funktioniert!

      Hab jetzt aber mal nachgeguckt, es stimmt, man kann auch mit Mikrowellen die DNA-Einschleusung in Bakterienzellen erleichtern – aber nur wenn die Zellen vorher chemisch behandelt werden. Die Methode ist im Prinzip die gleiche wie beim Hitzeschock-Verfahren, d.h. die Zellen werden zuerst durch Baden in einer Calcium-Chlorid-Lösung kompetent gemacht. dann werden die Zellen nicht einfach erhitzt, sondern in den Mikrowellenherd gepackt, z.B eine Minute bei 180 Watt (entspricht etwa der niedrigsten Stufe im Inneren eines Mikrowellenherds.)

      Stellt man die Zellen auf Eis und dann in die Mikrowelle, klappt der DNA-Transfer aber nicht.

      Der Effekt ist also wohl hauptsächlich durch die leichte Erwärmung im Mikrowellenofen zu erklären: Erwärmt man die kompetenten Zellen im 42°C Wasserbad, so nehmen sie DNA auf, erwärmt man sie in der Mikrowelle, nehmen sie auch DNA auf… eigentlich nicht sehr spannend.

      Hier der Link:

      http://onlinelibrary.wiley.com/store/10.1111/j.1472-765X.2008.02333.x/asset/j.1472-765X.2008.02333.x.pdf;jsessionid=11B7AE81A5A7EFFF3A23738BEA0BA6E7.d01t02?v=1&t=hi3iep5s&s=bfb9cc426bc910d0dc9783877b0203843b6fe2a7

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