Haeckels Quallen und Goethes Auerochs 2

Ein Sommer im Naturkundemuseum, Teil VIII: Phyletisches Museum Jena.

Toreuma bellagemma Haeckel, 1881
Foto (c) Phyletisches Museum Jena

Schon vom ICE aus, kurz vor dem Bahnhof Jena Paradies, entdecke ich, wo die Reise heute hingeht: „Ontogenie“ und „Phylogenie“ steht über dem Eingang eines hübschen Jugendstilgebäudes. Phyletisches Museum also. So mancher unvorbereitete Jena-Besucher dürfte sich fragen, was denn unter diesem gelehrten Motto eigentlich ausgestellt wird. Antike Statuen? Zahnimplantate? Wohl um das Kassenpersonal vor ständigen Nachfragen zu schützen, hat die Museumsleitung gleich am Eingang eine Tafel angebracht, die diese und andere Fachbegriffe klärt.

So wird auch gleich klar: Hier geht es evolutionsbiologisch heftig zur Sache. Anders als bei fürstlichen Naturalienkabinetten, die weit in vor-Darwinische Zeit zurückreichen, hatte das 1908 eröffnete Phyletische Museum von Anfang an ein großes Anliegen: die gemeinsame Abstammung alles Lebendigen anschaulich und verständlich zu machen.

Phylogenie, die Stammesgeschichte des Lebens auf der Erde, und Ontogenie, die Entwicklung des Individuums vom Ei zum ausgewachsenen Organismus: das waren auch die Lebensthemen des Museumsgründers, des Jenaer Zoologen Ernst Haeckel (1834 – 1919).

Haeckel: Zoologe mit Risiken und Nebenwirkungen

Haeckel ist ein schwieriger Charakter der Wissenschaftsgeschichte: Ein enthusiastischer Popularisierer der Evolutionsbiologie, ein begnadeter Zuspitzer, ein hochproduktiver Zoologe – einerseits. Wir verdanken ihm Konzepte und Forschungsfelder, die die moderne Biologie bis heute prägen, die Ökologie beispielsweise. Er war ein ausdauernder Taxonom und beschrieb tausende neue Arten; besonders die Radiolaren und Medusen (Quallen) hatten es ihm dabei angetan.

Ernst Heinrich Philipp August Haeckel
Foto: public domain via wikimedia

Andererseits muss man beim Thema Haeckel sofort drei Warnschilder aufstellen, zumindest in aller Kürze:

Erstes Warnschild: Da ist einmal ein wissenschaftliches Problem mit einer seiner Lieblingsideen, der „Rekapitulation“. „Ontogenese ist Rekapitulation der Phylogenese“ – Gemeint ist: die Embryonalentwicklung vollziehe das Evolutionsgeschehen nach. Ein Säugerembryo durchlaufe also beispielsweise “fischartige” und “amphibienartige” Stadien. Das ist so aber nicht richtig, wie wir heute wissen.

Zweites Warnschild: der schon von den Zeitgenossen vorgebrachte Vorwurf, er hätte Abbildungen verfälscht und Plagiate begangen, beispielsweise mehrmals die gleichen Druckplatten zur Darstellung von Embryonalstadien verschiedener Tiere verwendet. Betroffen sind zwar nicht die wissenschaftlichen Monographien, sondern seine eher populärwissenschaftlichen Werke; ganz sauber war die Geschichte aber wirklich nicht. Folge: Noch heute verweisen Kreationisten gerne auf Haeckels „Fälschungen“, um die Evolutionstheorie insgesamt zu diskreditieren.

Drittes Warnschild: Haeckel starb 1919 und konnte sich nicht mehr  wehren, aber Fakt ist: Die Nazis waren begeisterte Haeckelianer. Seine Klassifizierung der „12 Menschenrassen“, seine populärwissenschaftlich-überspitzten Auslegungen der Darwinschen Ideen vom „Überleben des Stärkeren“ und „Kampf ums Überleben“ – kein Zweifel, viele von Haeckels Schriften fügten sich allzu gut ein in die nationalsozialistische Ideologie – oder konnten zumindest entsprechend umgedeutet werden. Nicht wenige Historiker ziehen deshalb eine direkte, kausale Linie von Haeckel zur „Völkischen Biologie“ und der „Rassenhygiene“ der Nazis.

Ich hoffe, ich komme mal dazu, etwas ausführlicher über Haeckel zu bloggen (Wer darauf nicht warten will, dem empfehle ich „The Tragic Sense of Life“ von Robert J. Richards als ausgewogene Lektüre zum Thema).

Ein Tempel für die Evolutionstheorie

Eigentlich soll es hier ja um einen Museumsrundgang gehen, aber das Phyletische Museum Jena kann man ohne seinen Gründer nicht recht verstehen. Lohnenswert ist deshalb sicher auch einen Abstecher zum Ernst-Haeckel-Haus (das allerdings bei meinem Besuch in Jena gerade geschlossen hatte – Montag!).

Haeckels ursprüngliche Pläne für das Museum haben allerdings nicht mehr viel mit der heutigen Ausstellung zu tun. „Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, hat auch Religion“. Soweit ein Goethe -Zitat, das damals noch einen Querbalken in der Eingangshalle zierte. Gleich daneben: Die „Statue der Wahrheit.“  Ernst Haeckel wollte einen Tempel errichten, der die Naturwissenschaft ins quasi-religiöse überhöht (ganz auf der Linie des von ihm begründeten Monisten-Bundes). Nebenbei sollte im Museum auch den vier wichtigsten Persönlichkeiten der Abstammungslehre gehuldigt werden: Goethe, Lamarck, Darwin – und ja, Haeckel zählte sich selbst natürlich auch zu diesem erlauchten Vierer-Kreis. Bescheidenheit war ganz sicher nicht seine Stärke.

Personenkult und monistische Philosophie findet man nicht in der heutigen Ausstellung. Was aber bis heute das zentrale Anliegen des Museums geblieben ist, ganz nach dem Willen des Gründers: Die Mechanismen der Evolution zu erklären und die Abstammungslinien der Organismen anschaulich zu machen.

Rinderschädel konnte er auch: JWG
(Abb: public domain)

Das Universalgenie mal wieder

Mein erster Weg führt in den „Medusensaal“. Dort steht ein Star des Museums, ein Skelett des Ur-Rinds (“Auerochse”, Bos primigenius)– der wilde Vorläufer des Hausrinds. Der Erstbeschreiber der Knochen war ein anderer wortgewaltiger Mann, den man zwar in Jena, aber nicht unbedingt mit einem Stierschädel in der Hand vermuten würde: Johann Wolfgang von Goethe. Ja, unser aller Universalgenie war auch Naturwissenschaftler, philosophierte über die „Urpflanze“ und liess auch bei Gelegenheit  uralte Rinderknochen aus einem Moor bei Haßleben ziehen.

Was Goethe an den Hörnern des Bos primigenius auffiel: Das Urrind trug die Hörner noch bedrohlich mit den Spitzen nach vorne gereckt, dem Hausrind wächst dagegen  ein weniger gefährlich nach oben gerichtetes Gehörn. Veränderung durch Domestikation und Zuchtwahl – einige Jahrzehnte später sind ganz ähnliche Beobachtungen an Tauben der Ausgangspunkt für Darwins Überlegungen in „The Origin of Species“.

Aber wieso der Raum „Medusensaal“ heisst, erschliesst sich erst beim Blick nach oben. Zehn überlebensgroße Gemälde von Quallen (Medusen) verzieren die Decke – alles Exemplare, die Haeckel selbst beschrieben hatte. Zu DDR-Zeiten lagen diese Ornamente teils unter knallbunten Farbschichten. Erst 1996 hatte man die Medusen wieder freigelegt und restauriert und so dem Museum eine Teil seines historischen Gesichts wiedergegeben.

Gegenüber des Medusensaals geht es um die Darwinschen Mechanismen, also Mutation und Selektion, Anpassung, Artbildung, „Survival of the Fittest“. Die abstrakten Bausteine der wichtigsten Theorie der Biologie werden illustriert an Beispielpräparaten wie den Zuchtvarianten der Tauben, die Darwin so faszinierten, oder der Artenvielfalt der Buntbarsche im Tanganijka-See.

Atolla wyvillei Haeckel, 1880
(c) Phyletisches Museum Jena

Priapswürmer und Korsetttierchen

Unten die evolutionären Mechanismen, im Obergeschoss die konkreten Produkte der Evolution: Verschiedene Stämme der Metazoa, der vielzelligen Tiere also, sind dort in stammesgeschichtlichen Zusammenhängen ausgestellt. Man bekommt dort auch Vertreter von Organismen zu sehen, die in anderen Museen etwas kurz kommen: Schwämme etwa, oder Priapswürmer, oder auch die winzigen Loricifera (Korsetttierchen), dargestellt als überdimensionale 3D- Glasgravur.

Das scheint überhaupt ein Anspruch des Museum zu sein, wie ich im Gespräch mit  Dr. Gunnar Brehm, einem Mitarbeiter des Museums,  heraushöre: nicht zuviel Wert auf die Rekordhalter unter den Tieren  legen, auf das Herausstellen der größten, bizarrsten und buntesten Tiere; stattdessen: Biodiversität so repräsentativ wie möglich zeigen – und deutlich machen, wie die Organismen und Gruppen miteinander verwandt sind.

Phylogenie kann aber schon kompliziert sein. Zumindest habe ich auf meiner Reise kein anderes Museum gesehen, das es wagt, dem Besucher ausführlich den Unterschied zwischen Lophotrochozoa und  Ecdysozoa erklären zu wollen. Dabei geht es um eine noch ein wenig umstrittene Sicht auf taxonomische Verwandtschaftsverhältnisse bei den Wirbellosen. Anders als früher ordnen die Forscher heute etwa alle „Häutungstiere“ einer gemeinsamen Abstammungsgruppe zu, eben den „Ecdysozoa“. Fadenwurm und Stubenfliege sind daher beispielsweise näher miteinander verwandt als Fadenwurm und Regenwurm. Für Spezialisten ist das ungemein spannend, aber dem gewöhnlichen Besucher sind die Details dieser Debatte sicher eher schwer vermittelbar. (Aber vielleicht versuche ich ja mal, darüber zu bloggen – das wird aber dann eine echte Herausforderung!)

Ungewöhnliche Leinwand

Das Museum ist aber gleichzeitig die Lehrsammlung der Universität und diese Doppelrolle als öffentliches Museum und als Lernort für die Bio-Studenten ist manchmal ein weiter Spagat. Denn auch wenn der nicht-professionelle Besucher nicht alle Tafeln lesen muss: ein wenig vor den Kopf gestossen fühlt sich der eine oder andere vielleicht schon von den vielen Fachbegriffen und den teils langen Texten.

Auch im Wirbeltiersaal stehen stammesgeschichtliche Themen im Mittelpunkt, wie etwa die Evolution der Wale. Ein kurioses Exponat aber, das kulturhistorisch sehr interessant ist, hatte ebenfalls schon Goethe erwähnt: Das Schulterblatt eines Grönland-Wals, das ein Künstler 1646 mit einer Walfangszene bemalt hatte, versehen mit dem alt-niederländischen Schriftzug „door gods zorggende hangt vangtmen de walfisch ande noortkant“ . („Durch Gottes sorgende Hand fängt man den Walfisch an der Nordkante“). – Ja, das alles hat leicht Platz auf einem Wal-Schulterblatt!

Aber wie eigentlich bei allen naturkundlichen Sammlungen, so gilt auch in Jena: die Besucher sehen nur einen kleinen Ausschnitt der Sammlung, die eigentliche Forschungssammlung mit etwa 500.000 Objekten befindet sich hinter den Kulissen. Genauer gesagt, in Jena befindet sich ein Teil davon im ehemaligen Kohlenkeller, wo die Flüssigsammlung aufbewahrt wird, also all die Gläaser mit in Alkohol eingelegten Tieren. Darunter auch noch Gläser, die Haeckel persönlich beschriftet hatte, wie mir Gunnar Brehm beim Öffnen einiger Stahlschränke zeigt. Seitdem haben Generationen von Kuratoren die Sammlung geprägt, mit ihren je eigenen Sammlungsschwerpunkten und Vorlieben.

 Weitersammeln, aber flott!

Fertig ist so eine Sammlung ja nie – oder ist doch irgendwann ausgesammelt? Brehm zieht eine der zahllosen Holzschuber aus einem Schrank im Obergeschoß – tropische Schmetterlinge wie man sie sich vorstellt: Groß, farbig, auffallend. Ja, von denen hat man eigentlich fast alles aufgesammelt. Aber dann öffnet er eine Schublade daneben. Auch Schmetterlinge, aber nicht auffallend bunt, sondern unscheinbar grau-braun. In den Tropen gibt es auch davon noch eine unüberschaubare, unerforschte Vielfalt. Für die Wissenschaft und für den Erhalt der Ökosysteme sind aber die kleinen, unscheinbaren Tiere nicht weniger wichtig.

Und wie ich schon mehrmals in dieser Reihe geschrieben hatte: Auch Brehm weist darauf hin, dass die Zeit drängt; Ökosysteme weltweit sind bedroht, Arten drohen auszusterben, bevor wir sie richtig kennengelernt haben. Auch deshalb ist die Forschungsarbeit an den Naturkundemuseen so wichtig.

Der heilige Eifer scheint noch durch

Das Phylogenetische Museum hat erkennbar kein großes Budget für effekthaschende und spektakuläre Präsentation, die beim Besucher einen Wow-Effekt auslösen würde – verglichen etwa (ganz unfairer Vergleich jetzt!) mit der Biodiversitäts-Wand im Naturkundemuseum Berlin. In Jena gibt es sehenswerte Exponate und fundierte Erklärungen zur Stammesgeschichte – nicht mehr und nicht weniger, informativ und sachlich.

Aber darüber hinaus hat das Museum einen einzigartigen Charme, einen unverwechselbaren Charakter, der wohl doch mit Ernst Haeckel zusammenhängt: Die Architektur des Gebäudes, die Medusen an der Decke; Exponate, die schon Haeckel selbst (und der von ihm verehrte Goethe) in den Händen hatten. Die Persönlichkeit und auch der  heilige Eifer des charismatischen Jenaer Zoologen scheint noch ein wenig durch.  Denn es ist ja so: In jedem Naturkundemuseum geht es direkt oder indirekt auch um Phylogenie und Evolution. Aber nur Haeckel hatte die Idee, in Jena das bis heute weltweit einzige „Phyletische Museum“ zu bauen.

 

Bisher in dieser Serie erschienen:

Teil 1:  Jura-Museum Eichstätt –   Bayerische Unterwasserwelten

Teil 2: Naturkundemuseum Görlitz – Unter Milben und Wölfen

Teil 3: Naturkundemuseum Erfurt – Thüringer Eichen und nepalesische Ohrwürmer

Teil 4: Naturkundemuseum Berlin I:  Die Ausstellungen  – Saurier vom Tendaguru, 80.000 Gläser Alkohol und eine verwirrte Fliege

Teil 5: Naturkundemuseum Berlin II:  Beim Kustos  – Krebsforschung mit Borsten 

Teil 6: Neanderthalermuseum Mettmann: Die Ausstellung – Bei den Steinzeitmenschen an der Dussel

Teil 7: Neanderthalmuseum Mettmann: Digitale Archäologie – den Steinzeitmenschen auf der Spur

 

 

 

2 thoughts on “Haeckels Quallen und Goethes Auerochs

  1. Brynja Sep 12, 2013 21:59

    Super Artikel zu Jena. Auch so ne Station, die ich mal einplanen sollte. Schon allein wegen der Wissenschaftsgeschichte. Bin übrigens auch sehr gespannt auf deine ausführliche (und vor allem allgemeinverständliche!) Analyse zu den Verwandtschaftsverhältnissen von Lophotrochozoa und Ecdysozoa demnächst im Blog … :-D … Aber im Ernst, es ist schon ne Herausforderung, Wissen so aufzubereiten, dass Laien davon genauso angesprochen werden wie Leute die Bio studieren oder schon studiert haben. Kann die Laien verstehen, die nicht so tief einsteigen wollen. Auch wenn ich die meisten biologischen Paper ohne Ermüdungserscheinungen lesen kann – in anderen Wissensbereichen geht es mir ja auch so. Wenn mir jemand bei Astronomie mit zu vielen Details kommt oder mir juristischen Feinheiten nahe bringen will, werden mir nach kurzer Zeit die Lider auch so dermaßen schwer… ;-)

    • HansZ Sep 13, 2013 09:14

      Oh je.. Irgendwann muss ich mal anfangen, all das einzulösen, was ich meinen Lesern so verspreche. Mir fällt gerade ein, dass ich in einem meiner allerersten Artikel (http://panagrellus.de/wenn-walnasen-blasen/) versprochen hatte, die Geschiche mit Haeckels Rekapitulation genauer zu erklären; wieso er zwar nicht recht hatte, aber trotzdem etwas Interessantes entdeckt hatte.

      Und jetzt auch noch die Lophotrochozoa… na, dann muss ich mich ranhalten! (;

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