Gräbt ein Jesuit ein Ameisennest um… 3

Ameise! Nein, Käfer!
Photo: J. Richfield via wikimedia cc3

Ihr wartet sicher schon gespannt auf den ersten Teil meiner Serie „Sommer im Museum“. Wie meine Follower auf Twitter wissen: Ich habe schon zwei Stationen besucht, das Jura-Museum Eichstätt und gestern das Phylogenetische Museum Jena. Ich halte euch mit den Artikeln darüber aber noch ein wenig hin, dann habe ich genug Material, um möglichst regelmässig jede Woche ein neues Museum vorstellen zu können. Nächsten Mittwoch geht’s dann los.

Heute gibt es zur Einstimmung eine kurze Geschichte darüber, wie eine Gruppe ungewöhnlicher Käfer den Jesuiten Erich Wasmann von der Evolutionstheorie überzeugte.

Eigentlich hätte Erich Wasmann (1859-1931) nach seiner Ausbildung in die Mission gehen sollen, wie es üblich ist für einen Jesuiten. Aber es ging ihm gesundheitlich nicht gut, deshalb erlaubten seine Oberen, dass er sich neben der Tätigkeit als Redakteur einer jesuitischen Zeitschrift ganz seiner Leidenschaft widmete: Der Zoologie, speziell der Erforschung der Käfer. Bald hatte er auch ein Spezialgebiet gefunden, auf dem er weltweit Anerkennung fand – die „Myrmecophilen“. Das sind Käfer, die als Untermieter in Nestern der Ameisen und Termiten hausen. Ein Ameisennest ist eine schwierige ökologische Nische, denn die Ameisen haben ja erst mal nichts davon, wenn Käfer in ihrem Bau rumlungern. Und Ameisen sind auch wehrhaft und ziemlich gut darin, unerwünschte Gäste rauszuwerfen. Wasmann stellte fest, dass sich verschiedene Käferarten auf drei verschiedene Arten in den Nestern einrichten:

 Der “Trutztypus“

Aggressiv und mit dickem Schutzpanzer, wehren sie sich gegen etwaige Rauswurfversuche der Ameisen. Wasmann fand verschiedene Varianten dieses Typus und erkannte, dass auch Größe und Färbung der Käferarten jeweils  darauf abgestimmt ist, welche Ameisenart der unfreiwillige Gastgeber ist.

Der “symphilische” Typus

Während der „Trutzkäfer“  auf Konflikt gebürstet ist, verfolgt der symphilische Käfertyp eine kooperative Strategie. Er sondert ein süßliches Sekret ab, das die Ameisen fressen. Dieser Typus ist also nicht nur geduldet, sondern ein gern gesehener Gast, den die Ameisen hegen und pflegen.

Der “mimetische” Typus

Am erstaunlichsten ist aber der dritte Typus, der „mimetische“. Diese Käfer sehen den Ameisen zum Verwechseln ähnlich.  Die Käfer mischen sich unter die Menge und werden in Ruhe gelassen. In manchen Nestern gibt es sogar Vertreter mehrerer Käfergattungen, die alle jeweils so aussehen wie ihre gastgebenden Ameisen – obwohl andere Mitglieder dieser Gattungen eher wenig Ähnlichkeit miteinander haben.

Seine Beobachtungen und Experimente liessen für Wasmann nur einen Schluss zu. Die Käferformen, die er in den Ameisennestern fand, waren Ergebnisse von Darwins Mechanismus aus erblicher Variation und natürlicher Selektion. Verschiedene Gattungen haben unabhängig voneinander Anpassungen an die sehr spezielle Nische „Ameisennest“ erworben („ konvergent“ sagt der Fachmann dazu).

Darwins Buch “The Origin of Species” war zwar Angang des 20. Jahrhunderts nicht mehr neu, aber für Wasmann persönlich bedeutete seine Einsicht ein radikales Umdenken. Denn er war ursprünglich ein strikter Gegner der Evolutionstheorie – wie so viele Kleriker damals. Die neuen, eigenen Erkenntnisse überzeugten ihn zwar nicht ganz von der allumfassenden Geltung von Darwins Theorie. Die Konsequenzen der Evolutionstheorie für den Ursprung des Menschen wollte oder konnte der jesuitische Ordensmann nicht teilen. Aber immerhin: In Wasmann begegnet uns ein  Forscher, der sein Weltbild radikal umgeworfen hat, eben weil es nicht mehr mit seinen Forschungsergebnissen und Einsichten zusammenpasste.

Fortan hielt er Vorträge und schrieb Artikel, in denen er, mit aller Vorsicht und theologisch inspirierten Einschränkungen, auf dem  schwierigen Grat zwischen Evolutionstheorie und Theologie wandert.

Der bekannteste deutsche Verfechter der Evolutionstheorie zu Wasmanns Zeit, Ernst Haeckel, vertrat dagegen Darwinismus in Reinform – oder das, was er dafür hielt. Aus heutiger Sicht muss man sagen, dass Haeckel in mancher Hinsicht über das Ziel hinausgeschossen ist. Manche sahen und sehen ihn gar als (unfreiwilligen) Wegbereiter des nationalsozialistischen Sozialdarwinismus, der dann mit Darwins ursprünglichen Ideen wirklich nichts mehr zu tun hatte; aber das ist ein schwieriges Thema für einen anderen Beitrag.

Jedenfalls konnten Haeckel und seine Anhänger, als Fundamentalkritiker der etablierten Religionen, gar nichts mit Wasmanns zaghaften Versuchen eines Brückenbaus zwischen Glaube und Evolution anfangen. Erich Wasmann musste sich vor allem die Frage stellen lassen, wieso er die menschliche Psyche /Seele aus dem naturalistischen Evolutionsgeschehen heraushalten wolle. Der Jesuit konterte, dass die Haeckelianer die Evolutionstheorie zu sehr für ihre eigene Weltanschauung (den „Monismus“) vereinnahmten – damit hatte er wohl recht, wird der Beobachter in der Rückschau aus dem Jahr 2013 einwerfen.

Es kam damals jedenfalls zu einer spektakulären Debatte in Berlin, bei der Wasmann vor mehr als zweitausend Zuhörern seine Position darlegte und  kritische Einwürfe der Anhänger Haeckels beantwortete. Seine Widersacher gingen dabei recht ruppig vor. Wasmann aber blieb sachlich und argumentierte im Wesentlichen naturwissenschaftlich-rational. Es scheint als habe er die Audienz aus seiner Underdog-Position heraus auf seine Seite gezogen. Die Veranstaltung endete jedenfalls spät in der Nacht unter stehenden Ovationen für den Jesuiten.

Man wünscht sich fast, im Deutschland des Jahres 2013 würde auch noch so großes Interesse an der Evolutionsbiologie bestehen, dass man damit Säle füllen könnte!

Damit kein Zweifel aufkommt: Zurückblickend, also von heutiger Datenlage aus gesehen, hatten Wasmanns Gegner die besseren Argumente.  Wenn die Evolutionsbiologie für Käfer und ihr Verhalten gilt, wieso dann nicht für den Menschen und seine Psyche? Wozu da noch göttliche Interventionen annehmen und die klaren, belegbaren Thesen Darwins mit theologischer Scholastik verrühren?

Aber Wasmann war mit seinem zaghaften, aber aufrichtigen und wissenschaftlich fundierten Schritt in Richtung Naturalismus ein früher Pionier in seiner Kirche.  1996 wurde es dann mit einer Erklärung von Johannes Paul II. offizielle Position des Vatikans: Evolution ist spätestens seit dieser Erklärung  für Katholiken „mehr als eine Hypothese“ .

(Nur nebenbei:Nach wie vor erscheint mir die Haltung auch der katholischen Kirche verworren und irrational-dogmatisch, wenn es um die Evolution des Menschen geht: Die kirchliche Akzeptanz der gemeinsamen Abstammung von Tieren und Menschen ist schön und gut, aber die Seele, dieses a-wissenschaftliche Konstrukt, das direkt von Gott käme – die will und kann die katholische Theologie wohl  nicht aufgeben. Da kommt dann doch wieder göttliche Intervention ins Spiel, die ja irgendwann mal ganz konkret  stattgefunden haben muss, irgendwo in der Abstammungslinie des Menschen. Für  Naturwissenschaftler wie mich eine reichlich absurde Idee. Aber das aufzudröseln, schaffe ich heute nicht mehr.)

Was mir aber an der Geschichte so gefällt ist sowieso etwas viel Einfacheres: Da fängt ein unvoreingenommener, intelligenter Mensch mit einem Käfer-Spleen an, Ameisennester umzugraben. Die obskuren Viecher, die er darin findet, stellen sein Weltbild in Frage und führen ihn direkt zur fundamentalen Theorie der Biologie – und nicht nur ihn, tausende Bürger nehmen in seinen Vorträgen  an der Debatte teil. So soll Wissenschaft sein, wenn ihr mich fragt.

Und was das Ganze mit meiner Museumsreise zu tun hat? Nun, neulich war ich an einem Ort, an dem ausgerechnet ein katholisches Priesterseminar einen Kronzeugen der Evolutionstheorie hütet. Ihr dürft schon mal raten, welches Tier gemeint ist.

 

 

Quelle:

Die Darstellung folgt dem Kapitel über Wasmann in “The Tragic Sense of Life: Ernst Haeckel and the Struggle Over Evolutionary Thought”, Robert J. Richards, University of Chicago Press 978-0226712161

 


3 thoughts on “Gräbt ein Jesuit ein Ameisennest um…

  1. Andy Kohlhepp-Loriaux Jul 17, 2013 11:23

    In den USA gibt es eine neu aufgekommene Begeisterung für Wissenschaft im Allgemeinen. Vor allem getragen von herausragenden Persönlichkeiten wie Lawrence Krauss, Neil deGrass Tyson, Bill Nye u.v.m.. Aber auch die Popularität der Facebook-Seite “I fucking love science” (www.facebook.com/IFeakingLoveScience) mit aktuell ca. 6,1 Mio. Likes und sicherlich auch die Serie “The Big Bang Theorie” zeigen deutlich ein breites Interesse an wissenschaftlichen Themen.
    Worauf ich aber eigentlich hinaus wollte ist, dass der berühmteste, derzeitige Evolutionsbiologe, Richard Dawkins, es auch heute noch schafft, z.B. mit einer Rede über die Evolution des parasitären Verhaltens der Kuckucke, tausende von Zuhörern in einem großen Saal zu begeistern: http://www.youtube.com/watch?v=_J4QPz52Sfo (ab 0:55)!
    Viele Grüße,
    Andy (@Kein_Gott)

    • HansZ Jul 18, 2013 09:27

      In den USA gibt es eine neu aufgekommene Begeisterung für Wissenschaft im Allgemeinen.

      Es gibt in den USA aber auch die andere Seite, eine ganz massive anti-aufklärerische Bewegung. Die Gesellschaft dort ist extrem gespalten, schön an der Kreationismus vs. Evolution-Debatte zu verfolgen. Ich glaube nicht, dass wir solche Verhältnisse bei uns haben wollen – obwohl es z.B bei der Eso-Medizin auch bei uns in diese Richtung geht, dass anti-wissenschaftliche Dumpfbacken immer mehr Zulauf bekommen.

      In Bezug auf die Evolutionsbiologie hat der Streit der Amerikaner aber auch einen positiven Effekt: Immerhin sind sich da alle bewusst, auch die Kreationisten auf ihre Weise, dass die Evolutionstheorie kein Orchideenzüchter-Fach ist, sondern eine ganz zentrale Bedeutung für die Gesellschaft hat – z.B. weil sie uns sagt, wo wir als Art Homo sapiens herkommen.

      Bei uns in Deutschlabnd dagegen kommt die Evolutionstheorie in der öffentlichen Diskussion kaum vor, und entsprechend wenig wissen die meisten Leute darüber. Dass das zu Haeckels Zeit anders war, finde ich sehr spannend.

  2. Andy Kohlhepp-Loriaux Jul 19, 2013 08:52

    Ich befürchte, die neue Begeisterung für Wissenschaft in den USA war überhaupt nur eine Gegenreaktion auf den stärker werdenden Einfluss der Kreationisten und auf stark anti-wissenschaftliche, erzkonservative Bewegungen wie die Tea Party.

    Wie das zahlenmäßige Verhältnis der Anhänger der beiden Richtungen tatsächlich aktuell aussieht lässt sich schwer sagen, aber es ist wohl wirklich so, dass im englischsprachigen Raum dadurch das Thema Evolution (oder auch Atheismus) in der Öffentlichkeit viel präsenter ist.

    Es wäre in der Tat wünschenswert, wir könnten hierzulande auch ohne Vernunft-Allergiker wie die Kreationisten ein solches Pro-Wissenschaft und Pro-Evolutions-Bewusstsein stärken! (Jüngste Äußerungen von Erika Steinbach, MdB, stimmen mich allerdings eher pessimistisch was das angeht.)

    Was für eine zentrale Rolle die Evolutionsbiologie in der Gesellschaft (wieder) spielen könnte, und meiner Meinung nach auch sollte, zeigt Richard Dawkins eindrucksvoll in einer seiner besten und brillantesten Reden, die ich von ihm kenne: http://www.youtube.com/watch?v=BkPoDnLgdco

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