Gesundheitspolitische Geisterfahrt in NRW 4

Die Zahnfee verschreibt Globuli
Grafik: J. Bauer via Wikimedia (PD)

Frau Steffens glaubt an Geister. Nicht alles, was im menschlichen Körper geschieht, sei wissenschaftlich zu erklären, behauptet sie. Solche Leute gibt’s, Glaube ist Privatsache. Barbara Steffens ist aber Gesundheitsministerin in Nordrhein-Westfalen und da wird’s interessant – vertritt eine verantwortliche Politikerin eine Gesundheitspolitik, in der sich Wunderglaube und Heilgeister breitmachen?

Über das Portal Abgeordnetenwatch fragten einige Bürger die Ministerin, wie sie zu esoterischen Heilmethoden steht, insbesondere zur Homöopathie. Ob Frau Steffens die großen Studien und Übersichtsarbeiten kenne, die keinerlei Wirkung für homöopathische Mittelchen zeigen konnten. Ob sie es richtig finde, dass Krankenkassen für Homöopathie aufkommen. Ob ihr bewusst sei, dass die sogenannte „Alternativmedizin“ auch Schaden anrichtet, dass es aber gerade für die Homöopathie keine adäquaten ethischen Standards zur Zulassungsprüfung gebe.

In der Antwort der Ministerin trifft esoterisches Geschwurbel auf politischen Opportunismus – eine toxische Kombination, die eigentlich nur in homöopathischer Dosierung zu ertragen ist. Frau Steffens will es sich nicht mit ihren Wählern verderben, deshalb vertritt sie ein entschiedenes „sowohl-als-auch“ . Ein „ideologiefreies Miteinander“ verschiedener Heilmethoden stellt sie sich vor, Vielfalt könne nur hilfreich sein (wieso Vielfalt an sich hilfreich sein soll, sagt sie nicht, aber das nur nebenbei).

Ideologiefreie Homöopathie ist ein Konzept das ähnlich sinnvoll ist wie „fleischloses Chili con Carne“. Homöopathie und mit ihr die meisten anderen alternativen Heilhypothesen haben keinen nachvollziehbaren Wirkmechanismus, sie können sich auf keine empirische Datenbasis stützen und lassen keinerlei Raum für Logik und Vernunft. Der einzige Grund für ihren Erfolg ist die diffuse Ideologie der „Ganzheitlichkeit“ und „Natürlichkeit“, die in Deutschland so beliebt und erfolgreich ist.

Zugegeben: auch die evidenzbasierte Medizin beruht auf einer Weltanschauung, wenn man so will. Nämlich der, dass es möglich ist, durch Beobachtung und Vernunft zwischen wirksamen und unwirksamen Behandlungen zu unterscheiden. Wer die Vernunft über Bord wirft, wird in der Tat nichts mit evidenzbasierter Medizin anfangen können.

Die Gegensätze zwischen Schul- und Alternativmedizin sind also nicht „konstruiert“ wie Frau Steffens behauptet, sie sind vielmehr schon in den jeweiligen Grundannahmen angelegt. Die Ministerin wird die Gegensätze deshalb nicht „auf allen Ebenen ausräumen“ können.

Es ist vorstellbar, dass ein neues oder traditionelles Verfahren, das ursprünglich aus der alternativen Ecke kommt, sich in klinischen Studien als wirksam erweist. Bravo, dann ist dieses Verfahren aber keine Alternativmedizin mehr, sondern eben Schulmedizin. Das einzig „Alternative“ an detailliert untersuchten Methoden wie der Homöopathie ist, dass sie Vernunft und Empirie nicht standgehalten haben.

Auch die konventionelle Medizin benutzt oft Verfahren, deren Wirksamkeit noch nicht nach allen Regeln der evidenzbasierten Medizin belegt ist, da hat Frau Steffens recht. Oft werden zum Beispiel neue Impfstoffe für die saisonale Grippe nicht in großen Placebo-kontrollierten Studien getestet – das ist auch gar nicht möglich, denn bis die Studienergebnisse vorliegen, ist die Grippesaison vorüber. In diesen Fällen haben die Mediziner aber zum Beispiel Vergleichsdaten des ähnlichen Impfstoffs der Vorjahre, sie können abschätzen, ob der neue Impfstoff gegen die gerade zirkulierenden Virusvarianten wirken wird. Falls es doch Überraschungen gibt, kann man reagieren. Was aber soll man von Heilverfahren halten, die sich der empirischen Beurteilung von vornherein und aus Prinzip verschliessen?

Dass die Ministerin selbst, entgegen ihrer Kuschelrhetorik des sowohl-als-auch, kein Verständnis für wissenschaftliche Methodik hat, zeigt ihre Antwort bei Abgeordnetenwatch:

„Und dennoch liefert auch die evidenzbasierte Medizin nicht immer Ergebnisse, denen alle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler uneingeschränkt zustimmen, wie die Diskussion um Statine vor einigen Jahren beispielhaft gezeigt hat.“

Gemeint ist die Aussage als Kritik an der evidenzbasierten Medizin – die Wissenschaftler streiten doch über ihre eigenen Ergebnisse, wieso sollten wir denen glauben!

Streit um die Beurteilung der Datenlage ist aber gerade die Stärke der wissenschaftlichen Methode: Forscher erheben Daten in mehreren unabhängigen Studien, sie analysieren und diskutieren die Ergebnisse aus verschiedenen Blickrichtungen. Daraus ergibt sich nach einiger Zeit ein zuverlässiges Bild, ob und wie ein Verfahren wirkt.

Dass sich die alternativen Heiler nicht auf diese Methode einlassen wollen, hat offensichtliche Gründe – ideologische und ökonomische. Aber dass eine Ministerin für Gesundheit sich von der Esoterik-Lobby einspannen lässt, ist ein ungewöhnlicher und erklärungsbedürftiger Vorgang.

 

 

4 thoughts on “Gesundheitspolitische Geisterfahrt in NRW

  1. Gerrit Mar 8, 2013 10:56

    Auch mir wird ganz schwurbelig, wenn ich mir die Antworten der Ministerin auf kritische Fragen zur Homöopathie bei abgeordnetenwatch.de anschaue. Ausserdem scheint ihre Qualifikation für das verantwortungsvolle Amt einer Gesundheitsministerin eine Ausbildung zur biologisch-technischen Assistentin zu sein, sowie ein abgebrochenes Chemiestudium. Gab es denn wirklich keine qualifizierteren KandidatInnen für die Leitung des Ministeriums?

    Interessant finde ich den Eintrag zu ihrer Person bei Wikipedia, der sehr kritisch und tendenziell schon nicht mehr objektiv ist. Frau Steffens war mir bisher nicht bekannt – sie ist nicht “meine” Ministerin – aber man weiss ja nie, wen die nächste Bundestagswahl in Staatsämter spült. Und wer weiss, vielleicht schafft sie es ja, Bundesgesundheits-, oder noch schlimmer, Bundesbildungs- und Forschungsministerin zu werden. Dann schlucke ich zur Stärkung ein paar Globuli und verlege mich suche mir ein neues Forschungsthema aus dieser Liste.

  2. HansZ Mar 22, 2013 10:59

    Kurzer Nachtrag:
    Frau Steffens hat gestern in einer ansonsten sehr informativen 3Sat-Sendung über Homöopathie gesagt, es sei “anmassend, Genesungsprozeße naturwissenschaftlich erklären zu wollen.”

    Zumindest bleibt sie sich treu…

    Die ganze Sendung ist in der Mediathek abrufbar.:
    http://www.3sat.de/mediathek/index.php?display=1&mode=play&obj=35076

  3. HansZ Mar 22, 2013 12:56

    @Gerrit:
    Crispian Jago hat die Daten nochmal anders angeordnet: “The Venn Diagram of Irrational Nonsense”
    http://crispian-jago.blogspot.co.uk/2013/03/the-venn-diagram-of-irrational-nonsense.html

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