Forschungsmeldungen auf den Zahn fühlen! 7

Barium – findet sich auch in Muttermilch
(nicht in dieser Menge)
Abb. via Wikimedia PD

Gestern konnte man wieder besichtigen, warum es so schwer ist, Naturwissenschaft in den Massenmedien zu vermitteln – als mal die Süddeutsche Zeitung, sonst eigentlich eine gute Quelle, ausnahmsweise knapp daneben lag.

Wieder ging es um den Neandertaler, offensichtlich ein bevorzugtes Thema für nicht-ganz-exakte Nachrichten, wie ich schon in einem vorigen Blogpost gezeigt habe.

Neue Forschung belege, so die SZ, dass Neandertalermütter ihre Kinder nur ein Jahr lang gestillt hätten, damit deutlich kürzer als manche Naturvölker des heutigen Menschen.

Stillen ist ein wunderbares Thema für Journalisten auf der Suche nach Aufreger-Themen, weil es so schön polarisiert – man muss nur mal in Mama-Foren nachlesen: die einen rücken jede Entscheidung gegen das Stillen in die Nähe von Körperverletzung, andere wiederum sehen Langzeit-stillende Mütter als absonderliche Milchfabriken.

Und nun gab es da letzte Woche diese Forschungsmeldung über Stillgewohnheiten der Neandertalerinnen. Na prima, das interessiert die Leser doch, wie unsere ausgestorbenen Verwandten ihre Kinder aufgezogen haben – vielleicht kann man ja von den Neandertalerfrauen noch was lernen für die Debatte unter den Homo sapiens sapiens – Müttern?

„Neandertalermütter haben ihre Babys ungefähr ein Jahr lang gestillt. Erst in der zweiten Hälfte dieser Zeit haben sie begonnen, feste Nahrung zuzufüttern“ – so berichtet die SZ.

Das Problem nur: Schaut man sich die Original-Arbeit an, dann behaupten die Autoren dort mitnichten, dass „die Neandertaler“ genau diese Stillgewohnheiten hatten. Es geht bei der Arbeit eher um die raffinierte neue Methode der Forscher, um vom fossilen Zahn eines Neandertaler-Jungen auf die Ernährung dieses einen Säuglings zu schliessen. Anhand der Barium-Konzentration in EINEM EINZIGEN fossilen Zahn eines bei seinem Tod etwa 7-jährigen Neandertaler-Jungen konnten die Forscher dann tatsächlich schliessen, dass DIESER EINE Junge etwa bis zu seinem 1. Lebensjahr gestillt wurde.

Kinder nehmen über die Muttermilch mehr Barium auf als durch feste Nahrung. Da der Zahnschmelz, ähnlich wie Jahresringe der Bäume, nach und nach wächst und so “Wachstumslinien” erzeugt, konnten die Wissenschaftler anhand des unterschiedlichen Barium-Gehalts in verschiedenen Zahnschmelzschichten abschätzen, wann die Mutter feste Nahrung zugefüttert hatte (nach ca. 6 Monaten), und wann die unbekannte Neandertalerfrau ihren Sohn ganz abgestillt hatte (nach ca. 14 Monaten).

Kein Zweifel, das ist eine ganz erstaunliche Arbeit und schon alleine deshalb interessant, weil wir nun einen kleinen Zugang haben zum Sozialverhalten der Neandertaler – naturgemäss ein schwer zu erforschendes Gebiet. Aber bisher kennen wir eben nur das Barium-Muster aus diesem einen Milchzahn.

Aber wie nun verkauft man diese doch eher technische Nachricht an Leser, die sich nicht unbedingt für detailreiche Wissensthemen interessieren?

Forschungsmeldungen in den Massenmedien funktionieren dann, wenn sie eine klare Aussage haben; am besten eine Aussage, die der Leser in Beziehung setzen kann zu seinem eigenen Leben – kurz gesagt, je mehr es menschelt, um so besser.

Ansonsten klappen vielleicht noch Ekel-Grusel-Schmunzel-Sachen, niedliche Tierchen oder andere Kuriositäten-Geschichten für die Klatsch-Seiten. Aber technische und abstrakte akademische Traktate interessieren den Durchschnittsleser einfach nicht – das macht das Leben so schwer für den Wissenschaftsjournalisten.

Man kann sich regelrecht vorstellen, wie der SZ-Redakteur nun vor der Pressemeldung über die Neandertaler-Arbeit sass und überlegte, wie wohl die Botschaft an seine Leser lauten solle?

Methode zur Stillzeitbestimmung anhand fossilem Backenzahn entwickelt“

Liest so etwas die stillende deutsche Mutter oder der vom Säugling wachgehaltene Vater mit Ringen unter den Augen?

Aber: „Auch die Neandertaler stillten nur ein Jahr“ – das ist ein wirklich guter Aufhänger, da bleibt das Auge dran hängen (und nur deshalb bin ich auch selbst auf diesen Artikel aufmerksam geworden). Dumm nur, dass die Nachricht in dieser Form eben einfach nur falsch ist.

Man kann annehmen, dass auch Neandertalermütter nicht alle gleich waren und manche länger, manche kürzer gestillt haben. Vielleicht ist die unbekannte Mutter dieses einen Jungen auch nach einem Jahr erkrankt oder verstorben, oder sie hat aus anderen Gründen aufgehört zu stillen?

Wirklich verlässliche Antworten über die Stillgewohnheiten der Neandertaler könnte man, wenn überhaupt, nur durch Vergleich vieler Kinderzähne an verschiedenen Fundorten gewinnen. Es würde mich jedenfalls nicht überraschen, wenn „die Neandertalerin“ je nach Region, Ära oder Sippe ganz unterschiedlich lange gestillt hatte.

Und so ähnlich geht es eben oft mit Meldungen auf den Wissensseiten: Fortschritt und Erkenntnis entsteht durch viele kleine Schritte, die jeweils für sich wenig Neuigkeitswert haben, zumindest mit einem großen ABER versehen werden müssten.

Der Journalist, zumindest wenn er für ein Massenmedium arbeitet, will und muss aber eine klare Botschaft, einen Neuigkeitswert aus dem Forschungschinesisch extrahieren, sonst liest seinen Artikel ja ausser ein paar Nerds niemand. Und er will eine Nachricht bringen, die seine Leser auf ihr eigenes Leben beziehen können.

Dumm nur, dass die Wissenschaftler in ihren Neuveröffentlichungen meist nur kleine abstrakte Häppchen liefern, ein kleiner technischer Fortschritt hier, ein neues Ergebnis mit viel „Sowohl-als-auch“ und statistischen Unklarheiten dort.

Ausweg aus diesem Dilemma? Keine Ahnung. Aber interessante, jedoch vorläufige Forschungsergebnisse zu Sensationen aufblasen, das ist sicher keine gute Idee. Dumm ist er nämlich auch nicht, der Leser.

7 thoughts on “Forschungsmeldungen auf den Zahn fühlen!

  1. Buddler May 28, 2013 11:48

    Das erinnert ein bisschen an einem Witz aus der Titanic: “Eine amerikanische Studie hat jetzt herausgefunden, dass amerikanische Studien immer irgendwas herausfinden.” Eine Lösung könnte etwa in besserer Wissenschaftskommunikation liegen – so wie hier im Pangrellus-Blog! Aber natürlich auch durch die jeweiligen Wissenschaftler selbst. Mehr Mut zum Blog!

    • HansZ May 28, 2013 15:23

      Danke für den Kommentar!

      @Buddler sagt: “Aber natürlich auch durch die jeweiligen Wissenschaftler selbst. Mehr Mut zum Blog!”

      Interessantes Thema – wieso gibt es relativ wenige Wissenschaftler, vor allem sehr wenige deutschsprachige, die direkt über Blogs (oder auch weniger aufwendige Wege) Kontakt zur Öffentlichkeit aufnehmen?

      Die einfache Antwort ist wohl: Es macht sehr viel Arbeit, erfordert wirklich etwas Mut , aber es dankt ihnen im gegenwärtigen Belohnungssystem niemand. Damals, als ich noch selbst aktiver Forscher war (als Doktorand) wäre ich ehrlich gesagt auch nie auf die Idee gekommen, nebenher einen Blog zu betreiben – und ich weiss nicht, ob meine Promotion dann jemals fertig geworden wäre…

      Was für Forscher nach wie vor zählt, sind in erster Linie Fachpublikationen in Zeitschriften mit hohem Impact Factor. Ich habe gerade drüben im Laborjournal darüber geschrieben, dass es vielen Forschern damit aber jetzt langsam reicht, dass sie es gerne sähen, wenn auch anderes Engagement stärker gewürdigt werden könnte.

      http://www.laborjournal.de/editorials/737.lasso

      Interessant fand ich da auch diesen Artikel in PLOS Biol. -Anleitung für Social media für Forscher:

      http://www.plosbiology.org/article/info%3Adoi%2F10.1371%2Fjournal.pbio.1001535

      “so wie hier im Panagrellus-Blog”:
      Danke für das Lob, aber ich mach mir da auch keine Illusionen: Meine Leser hier haben schon von Hause aus ein überdurchschnittliches Interesse an Wissensthemen.
      Die Herausforderung für Wissensseiten in großen Tageszeitungen und Fernsehmagazinen besteht wohl darin, ihre Stammleser zu bedienen, und da haben die Wissensredaktionen wirklich eine fast unlösbare Aufgabe, angesichts der wahnsinnig kompliziert und kleinteilig gewordenen Forschungslandschaft einerseits und der sehr kurzen Aufmerksamkeitsspanne der Leser/Seher andererseits.

  2. Dietmar May 29, 2013 07:50

    Einer der Gründe, warum ich meine wissenschaftlichen Informationen aus dem Netz, in der Regel von Bloggern meines Vertrauens, ziehe: Die erklären anschaulich, ohne wissenschaftlich interessierte Laien zu Deppen zu erklären.

    Allerdings kenne ich nur wenige Journalisten oder “Schreiber” für Zeitungen, die ein Interesse haben, sachlich aufzuklären. Ein knackig “witziger” Text ist da wichtiger als sachliche Richtigkeit. Dass viele mit wissenschaftlicher Aussagekraft nichts anfangen können, ist noch ein weiteres Problem.

    • HansZ May 29, 2013 08:37

      Allerdings kenne ich nur wenige Journalisten oder “Schreiber” für Zeitungen, die ein Interesse haben, sachlich aufzuklären. Ein knackig “witziger” Text ist da wichtiger als sachliche Richtigkeit.

      Aber das Problem ist doch: Was nützt ein sachlich korrekter Text, wenn ihn niemand liest? Die Chance der “Großen” (FAZ, SZ , SPON etc.) liegt ja gerade darin, Leute mit Wissensthemen zu erreichen, die sich sonst nie auf Spezial-Blogs verirren würden oder gar “Spektrum der Wissenschaft” kaufen. Da muss der Jounalist schon an seine Leser denken, denke ich, und auch mal ganz radikal vereinfachen. Das Problem ist aber: Wann wird aus “Vereinfachen” eine glatte Falschmeldung?

  3. Martin Neukamm Jun 6, 2013 17:08

    “Ausweg aus diesem Dilemma? Keine Ahnung.” – Zum Beispiel, indem man den Sachverhalt zwar nicht unzulässig verkürzt, sich gleichwohl einer dramatischen Sprache bedient. Etwa so:

    “Neandertaler-Kind wurde jäh abgestillt”

    http://www.scienceticker.info/2013/05/22/neandertaler-kind-wurde-jah-abgestillt/

    Also, hektisch abgestillt, dann kurzerhand ab in den Orkus verfrachtet. Um Gottes Willen, diese Barbaren!!!

  4. Martin Neukamm Jun 6, 2013 17:13

    Solche Meldungen sind natürlich auch krass:

    http://www.geburtskanal.de/Wissen/Stillen/Stillen6Jahre.php

    Ginge das nach Volljährigkeit des Kindes auch noch? :-)

  5. HansZ Jun 6, 2013 19:19

    @Martin Neukamm

    “Neandertaler-Kind wurde jäh abgestillt” stimmt aber auch nicht. Nach den Daten in der Veröffentlichung hat die Neandertaler-Mutter nach ca. 6 Monaten feste Nahrung zugefüttert und dann nach 14 Monaten ganz abgestillt – also eben nicht jäh, sondern nach und nach, genau so wie es heutigen Müttern empfohlen wird.

    Der Junge ist dann mit 7 Jahren gestorben, wieso weiss man wohl nicht, aber es hatte nichts mit dem Abstillen zu tun.

    Zu “Stillen-bis-der-Schulbus-kommt” fällt mir noch dieser “Little Britain” Sketch ein:

    http://www.youtube.com/watch?v=AOfI48IWESo

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