Dinosaurier in London gesichtet 2

NHM London
Foto: Tuuraan78 CC3, via Wikimedia

Das Naturhistorische Museum London (NHM) ist kein Zweckbau zur Aufbewahrung toter Tiere und Pflanzen. Vielmehr betritt der Besucher eine Kathedrale der Naturforschung: Tierköpfe an der Fassade statt steinerner Engel, Marmordarwin statt Heiligenfigur und Deckenfresken mit Pflanzenranken dort, wo in einer Kirche das Paradies aufgemalt wäre.

Aber der Besucher kommt natürlich, um die Exponate zu sehen. Von der kleinsten Laus bis zum Blauwalskelett ist alles vertreten (Wal inklusive der rudimentären Beckenknochen – meine treuen Leser erinnern sich); Dinosaurier und andere Fossilien aller Formen und Größen, Botanisches, Molekularbiologisches und Erdgeschichtliches. 70 Millionen Stücke umfasst die Sammlung, darunter neben Objekten aus der belebten Welt auch Mineralien und Meteoritengestein; nur ein kleiner Teil der Sammlung ist öffentlich ausgestellt.

Die Highlights der Sammlung erzählen dramatische Geschichten. Da sind zum Beispiel ein paar Kästen mit leuchtend bunten Schmetterlingen und anderen Insekten. Schön anzuschauen, aber noch beindruckender, wenn man die Geschichte dieser Sammlung kennt. Sie gehörte einmal Alfred Russel Wallace, der die Tiere im 19. Jahrhundert auf abenteuerlichen Reisen gefangen hat. Wallace hat das Prinzip der natürlichen Selektion unabhängig und zeitgleich mit Charles Darwin entdeckt – was Darwin selbst auch anerkannte, aber in den Geschichtsbüchern war dann nur Platz für einen. Anders als der privilegierte Darwin war Wallace Zeit seines Lebens nahe am Bankrott und regelmäßig von Pech verfolgt. Als er nach mehrjähriger Sammelreise von Brasilien nach England zurücksegelte, fing das Schiff Feuer, ging unter und ein großer Teil seiner Insektensammlung war verloren. Finanzielle Schwierigkeiten waren sein ständiger Begleiter, eine Anstellung als Kurator fand er nicht und gewagte Finanzinvestments gingen grandios schief. Er ernährte seine Familie durch Einnahmen aus seinen Büchern – und durch den Verkauf seiner wertvollen Insektensammlungen. Nur einige wenige Insekten waren ihm zu lieb und zu teuer um sie zu verkaufen, sie erinnerten ihn an seine Reisen und er trennte sich zeitlebens nicht von ihnen – und genau diese Privatsammlung kann man im NHM sehen, teilweise sind selbst die Nadeln und Beschriftungen noch original von Alfred Russel Wallace.

Aber auch Gegenwart und Zukunft der Biodiversitätsforschung haben einen Platz im Museum in South Kensington: Das 2009 eröffnete Darwin-Center ist ein architektonisch kühn in Form eines riesigen Kokons gestaltetes Gebäude. In der „äusseren Schicht“ des eiförmigen Baus erzählen Ausstellungsstücke über Biodiversitätsforschung und die Arbeit der Museumsmitarbeiter, während im Herz des Kokons Forschungssammlungen lagern. Besucher können Molekularbiologen durch Glasscheiben bei der Arbeit zusehen und Bioinformatikern über die Schulter schauen, wie sie ihre DNA-Sequenzen am Computer hin-und herbewegen. An einer Stelle kann man Kuratoren zu ihren Projekten befragen (falls gerade einer da ist und Zeit hat, sich löchern zu lassen). Die Aufgaben des Museum – Wissensvermittlung und Forschung – verschmelzen quasi vor den Augen des Besuchers.

Kritischer Besucher macht mal Pause
Foto: Patche99z CC via Wikimedia

Im Darwin-Centre des NHM wird klar: Naturwissenschaftliche Museen sind nicht nur und nicht hauptsächlich Besucherattraktionen. Im NHM ist weniger als die Hälfte der Fläche öffentlich zugänglich. Hinter den Kulissen arbeiten die Kuratoren, sie beschreiben und katalogisieren Arten, Gastwissenschaftler aus aller Welt vergleichen ihre Funde mit den Museumsbeständen oder arbeiten an der Beschreibung einer Tier-oder Pflanzengruppe.

Die Arbeit der Kuratoren klingt erst mal langweilig und einsam. Ohne Frage, Ausdauer und anhaltende Begeisterung sind gefragt, aber die Taxonomie ist keineswegs ein teures, vom Steuerzahler finanziertes Hobby verschrobener Freaks. Wir wissen nicht, wie viele Tier- und Pflanzenarten es gibt, aber es könnten um die 10 Millionen sein – vielleicht auch zehnmal so viele, so genau weiß das niemand. Davon sind bisher erst etwas mehr als eine Million Arten beschrieben. Viele Arten sind bedroht, durch Klimawandel, Flächenverbrauch, Überfischung und Umweltverschmutzung. Um die Folgen der menschengemachten Umweltveränderungen abschätzen zu können, müssen wir die Bewohner der Lebensräume kennen, Zoologen und Botaniker müssen ihnen Namen geben und ihre Rolle im Ökosystem beschreiben. Und ein Großteil der taxonomischen Expertise ballt sich in den international bedeutenden naturhistorischen Museen. Immer wichtiger wird dabei auch die weltweite digitale Vernetzung von Biodiversitäts-Daten („Biodiversity Informatics“). Die Museen sind wichtige Knotenpunkte in diesem globalen Netzwerk.

Die Taxonomie ist eine unterfinanzierte, an Universitäten und in der öffentlichen Wahrnehmung vernachlässigte Wissenschaft. Aufsehen erregen Taxonomen immer dann, wenn sie kuriose neue Arten entdecken, wie Swima bombiviridis, ein mariner Borstenwurm, der bei Berührung mit grün leuchtenden Bomben um sich wirft. Oder wenn sie ihren Funden wenigstens lustige Namen geben. Quentin Wheeler, amerikanischer Entomologe und früher Kurator am NHM, benannte eine Gruppe eher wenig ansehnlicher, Schleimpilz-fressender Käfer nach prominenten Vertretern der George W. Bush – Ära: Agathidium bushi, Agathidium cheneyi und Agathidium rumsfeldi (Wobei es vielleicht Einiges aussagt über die Welt der Museumskuratoren, dass diese Namenswahl vollkommen un-ironisch als Hommage gemeint war – Wheeler ist überzeugter Republikaner).

Aber im Zeitalter der DNA-Analyse muss man die Arten doch nicht mehr mühsam morphologisch auseinanderhalten und in Einmachgläsern und Käferkisten aufbewahren, die Gene reichen doch? Falsch. Denn die DNA-Daten müssen ja an detailliert beschriebenen „Beispielorganismen“ festgemacht werden. Biologen können aus den DNA-Unterschieden alleine nicht ablesen, ab wann zwei Organismen „unterschiedlich genug“ sind, um sie getrennten Arten zuzuordnen. Auch sagt die DNA alleine nicht aus, was ein Tier oder eine Pflanze mit einem bestimmen Organ anfängt und erst recht nicht, wie Morphologie, Stammesgeschichte und Ökologie zusammenspielen.

Sir Hans Sloane (1660 – 1753)
Seine Sammlung war der Anfang des NHM

Heute sehen naturwissenschaftliche Museen die Erforschung und Vermittlung von Biodiversität, Evolution und Erdgeschichte als Hauptaufgabe an. Das war nicht immer so. Viele Sammlungen begannen als Kuriostätenkabinett und Trophäenschau. In der Zeit vor Fernsehen und billigen Flugreisen war ein ausgestopftes Nashorn noch eine einmalige Attraktion. Die Gründer naturhistorischer Sammlungen waren oft Großwildjäger und Abenteurer, die unter afrikanischer oder indischer Sonne alles niederschossen, was ihnen vor die Flinte kam. Auch der britische Staat unter Königin Victoria, der den grandiosen Museumsbau des NHM finanzierte, hatte wohl zumindest den Hintergedanken, die weltumspannende Macht des Empires zu demonstrieren, indem die wunderlichen Naturschätze aus dem Kolonialreich im Stammland präsentiert wurden – ähnlich wie im British Museum, aus dem das NHM hervorgegangen ist, hellenische und ägyptische Kulturgüter „brittisiert“ werden (noch heute streitet Griechenland mit dem British Museum um die Marmorfresken der Akropolis, die auf zweifelhaften Wegen nach London gekommen sind.)

Mit Video und interaktiven Displays zogen (jetzt schon nicht mehr) „neue Medien“ in die Museen ein. Die unbewegten Schaukästen traten in den Hintergrund. Selbst in kleinen und kleinsten Museen gibt es heute professionelle Videos und Audiokumente auf Abruf und allerlei lehrreiche Computerspielchen. Die Ironie dabei: Wer im Jahr 2013 das Bedürfnis hat, auf Abruf einen Film über Elefanten in natürlicher Umgebung zu sehen, wird dafür nicht ins Museum gehen, sondern von zu Hause aus bei Youtube suchen. Mit Webcam und Drucker kann man sich hier sogar einen Neandertaler ins Wohnzimmer holen.

Was können Museen heute also noch bieten? Kurioserweise könnte die Antwort sein, dass die Exponate selbst wieder mehr in den Mittelpunkt rücken. Meine Hypothese: Gerade weil wir immer mehr am Tropf der digitalen Bilder und Filme hängen, gewinnen die „echten“ Exponate an Faszination – vor allem dann, wenn sie Geschichten erzählen wie Wallaces Schmetterlinge. Trotz Videoinstallationen, interaktiven Leinwänden und anderer technischer Spielzeuge, die beliebteste Abteilung des NHM ist nach wie vor die Dinosaurier-Galerie. Und ja, ein lebensgroßes, animiertes Modell eines Tyrannosaurus rex darf dort auch nicht fehlen. Kinder und Dinos klappt halt immer!

Wieso erzähle ich euch über das NHM und die Bedeutung der naturhistorischen Museen? Einerseits aus reiner Sentimentalität – ich habe 4 Jahre in London gelebt und an grauen Februartagen wie diesem spazierte ich gern mal eine Stunde durchs Museum, vielleicht um nachzusehen, ob Darwins Finken noch alle Federn haben. Mittlerweile müsste ich dazu einen Flug buchen.

Aber dann gibt es da noch eine Nachricht für alle Bayern und Besucher Münchens: alles sieht danach aus, dass München bald ein naturhistorisches Museum von internationalem Rang bekommt – 2,6 Millionen staatliche Euro stehen schon bereit für den Ausbau der (jetzt schon hervorragenden) Ausstellung „Mensch und Natur“ in Schloss Nymphenburg. Ich bin gespannt!

 

Lesetipp:

Richard Fortey: „Dry Store Room No. 1. The Secret Life of the Natural History Museum“  (HarperPerennial)

2 thoughts on “Dinosaurier in London gesichtet

  1. Gerrit Feb 7, 2013 12:36

    Deinen Lesetipp kann ich nur unterstützen. Richard Fortey schildert darin die Macken und Marotten seiner Kollegen und deren Vorgängern. Es scheint, als müsste man denen auch ein Museum bauen, so absonderlich kam manch ein Kurator daher (Kuratorinnen gab es, glaube ich, lange überhaupt nicht, und wenn, wurden sie nicht als solche behandelt). Aber das hat Fortey hier geschafft, ein Kuriositätenkabinett von Kuriositätensortierern. Ein unterhaltsames und kurzweiliges Buch.

    Übrigens, wenn dir das NHM zu voll ist, solltest du beim nächsten Besuch ins Oxford University Museum of National History gehen! Die Architektur ist eleganter und nicht so spektakulär wie in London, aber die Exponate stehen denen in London kaum nach. Dafür ist es hell, ruhig, geräumig, und es gibt täuschend-echte Dinos.

  2. Dietmar Feb 22, 2013 12:04

    Wieder etwas gelernt: Ich werde jetzt Evolutions-Theorie mit Darwin und Wallace verbinden. Einen Namen zu nennen, der allgemein nicht so bekannt ist, wirkt nämlich wahnsinnig gebildet und elitär :-) . Und es ist wohl das Einzige, was man für den armen Wallace tun kann.

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