Die vielen Geschichten der Würzburger Lügensteine

Eine Tafel aus Beringers Werk
via Wikimedia , pd

Vor einiger Zeit war ich zu Besuch im Naturkundemuseum in Bamberg; ein eher kleines Museum, aber mit einer Besonderheit: Der Bamberger Vogelsaal ist ein Museum im Museum, seit mehr als 200 Jahren ist der Raum quasi unverändert – ein Gegenentwurf zum modernen Museum mit Touchscreens und Videoinstallationen: weiße Holzvertäfelungen, Steinfiguren und Büsten und – die Hauptsache – edle Vitrinen voller ausgestopfter Vögel.

In einer der Ecken der Galerie des Vogelsaals sind ein paar Steine ausgestellt, die so gar nicht zu den anderen Exponaten passen wollen. Es sind Exemplare der „Würzburger Lügensteine“, von denen es insgesamt mehr als 500 gibt, verteilt auf verschiedene Sammlungen. Die Brocken sind eine Kuriosität aus der Geschichte der Paläontologie und ein aussergewöhnlicher Fall von Fälschung und Betrug in der Wissenschaft. Gesammelt und in einem ausführlichen Band mit wertvollen Drucken beschrieben hat die Steine der Würzburger Gelehrte Johann Barholomäus Adam Beringer am Anfang des 18. Jahrhunderts.

Beringers „Fossilien“ zeigen reliefartige Tierabbildungen in ganz ‘lebendigen’ Szenen: kleine Frösche bei der Paarung zum Beispiel, eine Spinne samt Spinnennetz oder eine Biene im Anflug auf eine Blüte. Immer fantastischer wurden Beringers Entdeckungen, darunter sogar ein Komet mit Schweif, nachgebildet in Stein. Für den heutigen Betrachter, ob Laie oder Experte, ist sofort klar: das sind keine Fossilien, sondern menschengemachte Kunstwerke, die wie ‘überperfekte’ Fossilien aussehen sollen. Professor Beringer beschreibt sie jedoch nicht als Kunstwerke oder Fälschungen, sondern ernsthaft als Produkte der Natur, und alles spricht dafür, dass er selbst lange daran geglaubt hatte, tatsächlich ganz aussergewöhnliche Fossilien gefunden zu haben.

Wer hat diese Objekte damals um 1725 herum gemacht, und zu welchem Zweck? Wer wollte wen an der Nase herumführen? Ging es um Ruhm, Rachsucht, ein Beziehungsdrama oder einfach Geld? Oder begann das Ganze gar einfach als rüder Spaß von Studenten oder konkurrierenden Forschern, der aus dem Ruder gelaufen ist?

Beim Betrachten der Steine im Bamberger Museum fiel mir dann ein, dass ich vor Jahren schon mal über diese Brocken und die mysteriösen Begleitumstände ihrer Entstehung gelesen habe, in einem Essay des Evolutionsbiologen Stephen J. Gould. Goulds Essays zeigen oft in meisterhafter Weise, dass Geschichten nicht so sind, wie sie scheinen oder wie sie gemeinhin erzählt werden. So kann auch die Erzählung der Würzburger Lügensteine auf sehr verschiedene Art dargestellt werden werden.

Die simple Version geht etwa so: Ein geistig etwas unterbelichteter Gelehrter aus Würzburg, eben unser Beringer, ist auf der Suche nach Fossilien in der Gegend um Würzburg, seine Studenten spielen ihm einen Streich und verstecken präparierte, handgefertigte ‘Fossilien’ im Steinbruch. Beringer, geblendet von Ruhmsucht und alle wissenschaftlich gebotene Skepsis in den Wind schlagend, hält die Funde für echt und tritt mit einem aufwendigem Buch an die Öffentlichkeit, mitsamt liebevoll erstellten lithografischen Abbildungen der Steine. Als der Schwindel schliesslich auffliegt, ist Beringer der düpierte, verzweifelte Professor, der fortan keinen Fuss mehr auf den Boden bekommt.

Aber: So einfach kann es nicht gewesen sein. Zwar kam es damals zu Verhören, in dessen Verlauf drei  Jugendliche aus Eibelstadt  die Tat gestanden; aber allein wenn man sich die abgebildeten Tiere anschaut, wird klar, dass Leute am Werk waren, die sich in der Zoologie auskannten. Einige der Steine zeigen Tiere, die ein Eiblestädter Jugendlicher im Jahr 1725 niemals zu Gesicht bekommen haben dürfte.

Und hier kommen zwei Kollegen Beringers ins Spiel, Ignatz Roderick, Professor für Geologie in Würzburg, und Geheimrat Georg von Eckhart, Bibliothekar der Universität. Die beiden haben ganz offensichtlich die Jugendlichen für ihre Zwecke benutzt – und wohl selbst tatkräftig bei der Anfertigung der Fälschungen mitgeholfen. Aber aus welchem Motiv?

Ab hier wird die Lage unübersichtlich. Hat etwa Roderick aus Eifersucht gehandelt, weil er was von Beringers Frau wollte – so manche gewagte Mutmassungen? Oder waren die ersten Steine tatsächlich eigene Fälschungen der Jugendlichen, und die hinterhältigen Kollegen Eckhart und Roderick haben nur weitere, immer fantastischere Steine platzieren lassen, um dem starrsinnigen Beringer die Augen zu öffnen für seinen Irrtum (und dabei den arroganten und verhassten Beringer nach Kräften  zu blamieren)? Für die letzte These spricht, dass ein Stein angeblich Beringers Namen auf hebräisch zeigte – und da ist es wohl sogar dem nicht von Selbstzweifeln geplagten Gelehrten aufgegangen, dass etwas nicht stimmen konnte. Zumindest sah er von der eigentlich geplanten Publikation eines zweiten Bandes über seine Funde ab.

Wie gesagt, herausfinden werden wir die Details dieses Dramas wohl nie. Aber worum es Gould in seinem Essay ging: Wir sollten nicht den Fehler machen, vorschnell den alten Beringer als leichtgläubigen Volltrottel hinzustellen. Sicher, er war arrogant und selbstherrlich, er war auch nicht offen für andere Theorien als seine und seine wissenschaftliche Kompetenz war nicht berauschend.

Aber, so Gould, wir wissen etwas, was Beringer und seine Zeitgenossne eben nicht sicher wissen konnten: Dass Fossilien Überbleibsel tatsächlicher, oft heute ausgestorbener Tiere sind und damit Aufschluss über die Erdgeschichte geben.

Die Möglichkeit, dass Tiere aussterben, und überhaupt die Idee einer veränderlichen Erde – das passte nicht ins damalige Weltbild, das eine Erschaffung der Welt und aller Geschöpfe in einer ganz wörtlich verstandenen Schöpfungswoche annahm. Beringer – und viele andere Gelehrte im 17. und auch noch im 18. Jahrhundert – glaubten deshalb, dass Fossilien nicht Überbleibsel organischen Materials von ausgestorbenenLebewesen sein konnten, sondern durch mysteriöse Prozesse im gestein de novo entstehen, quasi als Abbild immaterieller „Ideen“ des Lebendigen .

Da wird auch verständlich,dass auch Weichteile, und nicht-Lebendiges wie Kometen in Stein abgebildet sein könnten. Aus Beringers Zeit heraus betrachtet, sind die Würzburger Lügensteine also bei Weitem nicht so absurd und lächerlich, wie es uns Heutigen scheint. Dass Fossilien auf tatsächliche Lebewesen zurückgehen war damals eben eine recht neue Hypothese, die auch noch das ganze 18. Jahrhundert hindurch heiß diskutiert wurde. Wirklich überzeugende, systematische Belege für die Theorie, dass Arten aussterben und fossile Spuren hinterlassen, legte erst viel später ein andere Forscher vor, der Franzose Cuvier im Jahr 1796.

Hier passt mal ausnahmsweise ein zu oft benutzter Begriff der Wissenschaftsphilosophie: Zwischen Johann Barholomäus Beringer und den heutigen Paläontologen liegt ein Paradigmenwechsel – vom neuen Paradigma aus betrachtet ist die Idee einer Stein gewordenen Abbildung einer Art Lebenskraft absurd. Aber durch die Augen des im 17. Jahrhundert sozialisierten Gelehrten erscheint es genauso absurd, sich eine Welt vorzustellen, die anders ist als es in der Bibel steht. Selbst die eindeutigen Bearbeitungsspuren, die die Würzburger Funde zeigen, konnten Beringer da nicht weiter irritierten – das seien dann eben Spuren der Hand Gottes.

So gesehen hatte Beringer also in erster Linie das Pech, gerade dann sturköpfig am alten Paradigma festzuhalten, als anderen schon klar geworden war, dass damit etwas nicht stimmen konnte, und Kollegen wie Eckhart und Roderick den Schritt zum neuen Paradigma schon vollzogen hatten. Lebhafter Streit zwischen den Anhängern der alten und der neuen Sicht war damit quasi vorprogrammiert, „Schmutzeleien“ inklusive (um einmal, ganz anachronistisch, ein Wort aus der Politiklandschaft des Jahres 2013 heranzuziehen).

Denn auch das wissen wir seit Kuhn: Forschung ist kein idealer Prozess, der geradlinig und kontinuierlich auf die Wahrheit zuführt. Wissenschaftler sind Menschen, und das spiegelt sich auch in ihren Arbeiten und Theorien wider.

Welchen der vielen Abgründe des Umgangs zwischen Forschermenschen wir im Drama um die Würzburger Lügensteine begegnen, wer Übeltäter und wer leichtgläubiges Opfer war, ist 300 Jahre später vielleicht nicht mehr zu rekonstruieren. Aber man darf annehmen, dass es die Johann Bartholomäus Beringers und Geheimrat-Eckharts auch in der heutigen Wissenschaft gibt. Ob ihre Auseinandersetzungen interessant genug sind, dass man auch in dreihundert Jahren darüber schreiben wird, ist aber eine andere Frage.

 

Quellen:

Stephen Jay Gould, The Lying Stones of Marrakech, Harmony Books,

0-609-60142-3

 

Birgit Niebuhr: Wer hat hier gelogen? Die Würzburger Lügenstein-Affäre