Der Wurm 2

 

Panagrellus, der Wurm im Bierfilz

Johannes Govertus de Man (1850 – 1930) war ein eigenwilliger Mensch. Nach seiner Doktorarbeit über Nerven und Muskeln in Wirbeltieren – klingt ja ganz vernünftig ! – entschloss er sich, den Rest seines Lebens an mikroskopisch kleinen Würmern und Krebsen zu forschen, zunächst als Kurator für Wirbellose am naturhistorischen Museum in Leiden.

Der neue Direktor des Museums, ein pompöser Vertreter der Wirbeltier-Zunft, hatte nicht viel übrig für den schüchternen, arbeitswütigen Jan de Man und seine Würmer. Es dauerte nicht lange, bis der Direktor seinen Kurator aus dem Job gemobbt hatte. Nun ohne Anstellung, macht de Man einfach zu Hause weiter, er erforscht Würmer und Krebse, fertigt Zeichnungen der Tiere an und beschreibt ihr Habitat.

Wenn ich hier „Wurm“ sage, rede ich nicht vom fetten Regenwurm, sondern von Fadenwürmern (Nematoden), mit blossem Auge kaum sichtbare, winzige Tierchen von wenigen Millimetern Länge. Selbst unter dem Mikroskop muss man genau hinsehen, will man verschiedene Gattungen und Arten auseinanderhalten. Kleinste Unterschiede der Mundformen und der Geschlechtsorgane hat de Man erkannt und in exakten Zeichnungen festgehalten. Die Stunden vor dem Mikroskop müssen dabei schier endlos und einsam gewesen sein – de Man hat nie geheiratet. Zwischen handlichen Wirbeltierknochen und mit dem Prestige und Gehalt als Museumskurator hätte er es leichter haben können, aber heute gilt er als Pionier der Nematologie.

De Man suchte an ungewöhnlichen Orten nach Nematoden, was dann zu eigenwilligen Publikationstiteln wie diesem führte:

Beiträge zur Kenntnis der in dem weißen Schleimfluß der Eichen lebenden Anguilluliden, nebst Untersuchungen über den Bau des Essigälchens“ (  Zool. Jahrb. System. 1910 , 29: 359-394 ).

Wie er wohl auf die Idee kam, ausgerechnet in einem feuchten Bierfilz nach Würmern zu suchen, also dem Pappuntersetzer unter dem Glas, den der Bayer „Fuizl“ nennt? Ich werde das bei Gelegenheit recherchieren, aber in meiner Fantasie stelle ich mir die Szene so vor: De Man sitzt in einer Kneipe vor seinem Bier, die Augen brennen vom Mikroskopieren, und beim Blick in das fast leere Glas hadert er mit seinem Schicksal. Gedankenverloren und melancholisch spielt er mit alten schimmligen Bierfilzen, die auf den Tischen der muffigen Kneipe ausliegen.. Plötzlich ist er wieder hellwach, jeder Selbstzweifel ist verflogen: Dieser Bierfilz ist ja richtig feucht und schon ganz gammlig, sollte etwa auch hier… das wäre doch zu fantastisch…Nichts wie heim ans Mikroskop!

Er findet tatsächlich eine neue Nematoden-Art, die sich in der feuchten Pappe von Bierhefe ernährt. Stolz teilt er seine Erkenntnis der Welt mit:

 De Man, J.G. 1913 ; „Anguillula silusiae n.sp., eine neue in den sogenannten „Bierfilzen“ lebende Art der Gattung Anguillula“  ( Centralblatt für Bakteriologie, Parasitenkunde und Infektionskrankheiten, II, 39: 73-74. )

 Was hat das nun alles mit Panagrellus zu tun?

Wie immer in der zoologischen Taxonomie kam es später zu Umbenennungen und Neuklassifizierungen. Heute scheint es wahrscheinlich, dass schon Carl von Linnee 1767 eine zumindest sehr ähnliche Art beschrieb, die De Man später in diesem sehr speziellen Habitat wiederentdeckte. Heute gehört dieses Tier zur Gattung Panagrellus.

Jan de Man und seinem Fund zu Ehren nenne ich diesen Blog „Panagrellus“. Wie der Wurm im Bierfilz habe ich mir ein recht spezielles Habitat in der Blogosphere gesucht und obwohl ich als Blogger ein kleiner Wurm bin, hoffe ich, dass es Leute gibt, die wie Jan de Man genau hinschauen und sich auch für Wissenschaftsthemen abseits des Mainstreams interessieren.

Referenzen:

In der englischen Wikipedia ist ein kurzer Eintrag über J.G de Man mit weiteren links:

Hans G. Hansson “Johannes (Jan) Govertus de Man”. Biographical Etymology of Marine Organism Names.  Göteborgs Universitet

“Dr. Johannes Govertus de Man (1850-1930), a Dutch pioneer of nematode taxonomy”. Role Models in Nematology International Federation of Nematology Societies. 2010.

Erwähnen sollte ich auch ein Buch über de Man, ich bin aber selbst noch nicht an den Text drangekommen:

Gerrit Karssen (2006). Life and Work of Dr. J. G. de Man, a Crustacea and Nematoda Specialist. Leiden, Netherlands: Brill. ISBN 978-90-04-14969-4.

De Man’s Zeichnungen , aus Karssen’s Buch, sind hier abrufbar: http://www.brill.com/uploadedFiles/637.pdf

Wer holländisch kann, erfährt hier mehr über de Man: http://www.historici.nl/Onderzoek/Projecten/BWN/lemmata/bwn1/man

 Wer’s wirklich wissen will: Die taxonomischen Verwicklungen rund um den „beer mat nematode“ werden hier aufgedröselt:

H. Ferris, 2009: The beer mat nematode, Panagrellus redivivus: A study of the connectedness of scientific discovery. J. Nematode Morphol. Syst., 12 (1): 19-25