Der Weltuntergang in der Retrospektive 2

Apokalypse von Saint-Sever,
Beatus von Liébana 1150

Mit dem obligatorischen Rückblick auf die Blog-Highlights des Jahres kann ich noch nicht dienen, mein Blog ist ja erst wenige Tage alt, aber immerhin erlebte mein Blog in dieser kurzen Zeit schon mal keinen Weltuntergang. Gebannt verfolgte ich bei Astrodicticum wie am 21.12. überall auf der Welt nichts geschah. Das absurde Theater hat mich amüsiert, dann aber doch nachdenklich gemacht, denn es gibt schon apokalyptische Vorhersagen, die ich ernst nehme.

Den Klimawandel zum Beispiel. Ich habe keine Ahnung von Klimawissenschaft, ich kann viel zu wenig Mathematik um ein Klimamodell zu verstehen, ja, ich kenne keinen einzigen dieser Forscher persönlich; dennoch nehme ich deren Erkenntnisse ernst, während die 2012-Apokalypse am Ende nur noch nervig war. Wieso vertraue ich den Vorhersagen der Klimaforscher, nicht aber den Maya-Apokalyptikern? Zwei andere Beispiele: Wieso schätze ich Schulmedizin und Evolutionstheorie und lehne Homöopathie und Kreationismus ab? Und warum sehen es so viele Menschen genau andersherum?

Szenenwechsel: Galileos Observatorium. Galileo steht an seinem Fernrohr und erklärt gerade, was er durch genau dokumentierte Beobachtungen festgestellt hat: dass Jupiter von Monden umkreist wird, dass sich also nicht alle Himmelskörper um die Erde drehen. Kommentar eines Zuhörers: wenn Galileo etwas zu sehen glaube, was dem biblischen Weltbild widerspricht, dann stimme eben etwas mit seinem Fernrohr nicht. In der damaligen Denkweise war das eine legitime Erwiderung – immerhin waren Galileos Entdeckungen erst der Anfang der Neuzeit. Sicher, heute würde sich niemand mehr Vernunft und Tatsachen verschliessen, um sein Lieblingsweltbild zu retten? Falsch, wie die folgenden drei Beispiele zeigen.

Die beste Zusammenfassung der Maya-Geschichte die ich gesehen habe, ist diese Infografik. Man kann an dieser Grafik schön nachvollziehen, wie die „Skeptiker“ eine Story nach der anderen widerlegten und die „Apokalyptiker“ in der Folge neue abenteuerliche „Fakten“ zu Tage brachten. Die Freunde des Weltuntergangs hatten nun mal den 21.12 als Ende der Welt festgelegt und waren wild entschlossen, entsprechende Tatsachen zu schaffen. Zugegeben, von wenigen ernsthaft besorgten Mitmenschen abgesehen war die ganze Weltuntergangsgeschichte eher ein vorweihnachtliches Vergnügen für Journalisten, inklusive Ausflug in die französische Provinz und der minimalen Chance, dort mit einem Ausserirdischen auf das Ende anzustossen. Mal was anderes als Wichteln bei der Redaktionsweihnachtsfeier.

Gruseliger als jede Maya-Apokalypse ist die Homöopathie, weil sie sich so hartnäckig hält und in Deutschland gar so viele Anhänger hat. Auch hier ist kreative Tatsachenverdrängung am Werk: Es gibt keine vernünftigen Belege für die Wirksamkeit der Homöopathie? Keine vertretbare Hypothese, wie sie wirken sollte? Klinische Studien taugen nicht zur Bewertung der Homöopathie, behaupten ihre Verfechter dann – und sind damit keinen Schritt weiter als der Mann, der die Tauglichkeit von Galileos optischen Linsen in Frage stellte. Biophotonen und Wassergedächtnis werden aus dem Hut gezaubert, um den absurden Potenzierungseffekt durch Verdünnen und Schütteln zu „erklären“ und schon muss man sich um Fakten nicht mehr kümmern (Die in der Tat interessante Wirkung des Placebo-Effekts durch das ausführliche Patientengespräch vieler Naturheiler will ich hier nicht weiter ausführen).

Auch Kreationisten lassen nichts unversucht, das eigene Weltbild gegen die Zumutungen der Wirklichkeit zu verteidigen.

Kreationist: „Alles Leben wurde zu Beginn der Welt separat geschaffen und hat sich seither nicht mehr verändert. Der Mensch ist nicht mit Affen verwandt.“

Wissenschaftler: „Ich habe hier ein paar interessante Fossilien, die wir auch ganz gut datieren können…“

Kreationist: „Die hat dann wohl der Schöpfer gemacht, um uns irrezuführen. Und ausserdem, wo sind denn die fossilen Übergangsformen. Zeig mir fossile Übergangsformen!“

Wissenschaftler: “Archaeopteryx. Australopithecus.Tiktaalik. Amphistium. Ichthyostega…. “

Kreationist: „Ich will noch mehr Übergangsformen und Übergangsformen zwischen den Übergangsformen!“

Wissenschaftler: „Der Fossilienfunde sind zwangsläufig unvollständig – nicht alle Arten hinterlassen Fossilien. Aber hier sind noch ein Dutzend andere Argumente für die Richtigkeit der Evolutionstheorie…“ [ Der Wissenschaftler erzählt nun ausführlich über vergleichende Morphologie, Datierungsmethoden, Embryologie, Populationsgenetik, DNA-Stammbäume, Mutationen, die Bedeutung geologischer Zeiträume, etc. etc.)

Kreationist: „Kann ich alles nicht glauben. Das 2. Gesetz der Thermodynamik beweist doch, dass Evolution unmöglich ist.“

Der Wissenschaftler murmelt noch, dass dieses Gesetz nur für geschlossene Systeme gilt, also nicht für die Erde, und sinkt dann erschöpft zu Boden, noch bevor der Kreationist „Irreducible Complexity“ rufen kann.

Maya-Apokalyptiker, Homöopathen und Kreationisten: Ich nehme sie nicht ernst, weil sie die Realität nicht ernst nehmen. Aber andersrum gefragt, was hat die Wissenschaft denn anzubieten, das Vertrauen in mir weckt, und warum genau sticht sie die Pseudowissenschaft aus?

Vernunft, keine gefühlte Wahrheit

Wenn mich jemand von einer Idee , einer Theorie oder einer Vorhersage überzeugen will, sollte das Konzept logisch nachvollziehbar sein. Appelle an höhere Autoritäten oder Geistkräfte sind nicht erlaubt.

Schulmedizinische Chemotherapie ist nachvollziehbar: Krebs entsteht dadurch, dass sich Zellen unkontrolliert teilen. Bestimmte Gifte halten die Zellteilung auf, in der Petrischale und im lebenden Menschen – das kann man beobachten und auszählen. Diese Gifte haben schwere Nebenwirkungen, weil eben auch gesunde Zellen an der Zellteilung gehindert werden, aber mit dieser drastischen Therapie hat man eine gewisse Chance, Krebszellen an der Teilung zu hindern und die Krankheit so in den Griff zu bekommen.

Das homöopathische Simile-Prinzip „Gleiches mit Gleichem Heilen“ ist dagegen nicht nachvollziehbar – klingt gut, fühlt sich „sanft“ an, ist aber aus der Luft gegriffen. Wieso genau sollte eine Substanz, die in hoher Dosierung Kopfweh auslöst, in minimaler Dosierung Schädelweh heilen? (Nein, ich spreche hier nicht vom Konterbier gegen den Neujahrskater, dieses Konzept habe ich selbst in mehrjähriger Versuchsreihe getestet, mit unklarem Ergebnis).

 Daten, keine Anekdoten

Daten zum Klimawandel.
Grafik: R.Rohde, nach Mehl et al. 2004

Die Vorhersagen der Klimaforscher beruhen auf grossen Datensätzen und auf Modellen, die sie anhand der bestehenden Klimaaufzeichnungen auf Plausibilität testen können. Das ist ein schwieriges Geschäft, gerade weil so viele Daten zur Verfügung stehen und viele Parameter zu beachten sind. Irrtümer, Meinungsverschiedenheiten und Korrekturen der Vorhersagen sind nicht ausgeschlossen, ja sogar wahrscheinlich. Aber man darf sich Sorgen machen, wenn angesichts einer enormen Datenfülle eine Mehrzahl unabhängig arbeitender Forscher zu ähnlichen, alarmierenden Ergebnissen kommt.

Die Maya-Apokalyptiker dagegen hatten keine Daten, sondern nur zusammengeklaubte Anekdoten – ein Kalender, der endet, eine astronomische Konstellation, ein getürktes Youtube-Video, eine französische Kleinstadt, die Ausserirdische erwartet (warum auch immer).

 

 Ergebnisoffene Experimente, keine vorgefasste Ideologie

Ein Forscher in der Tradition Karl Poppers entwirft eine Hypothese und denkt sich dann Experimente aus, die zeigen könnten, dass seine eigene Hypothese falsch ist. Die Hypothese ist nur dann tauglich, wenn alle diese Versuche auf Dauer fehlschlagen. Wenn nur ein Experiment die Hypothese eindeutig widerlegt, ist sie tot.

Ganz so, wie Popper sich das vorgestellt hat, geht es in der real existierenden Forschung nicht zu. Nicht alle guten Ideen sind durch Experimente zu widerlegen und die meisten Forscher wurschteln in ihrer Nische vor sich hin, meist ohne die Ambition, die Grundfesten ihrer Disziplin zu erschüttern. Mancher Wissenschaftler hat sich auch in ideologische Schützengräben verbuddelt und ist schwer daraus hervorzulocken. Aber wie Max Planck einmal bemerkte, schreitet die Wissenschaft dadurch voran, dass die Gegner neuer Erkenntnisse irgendwann abtreten und von einer neuen Generation verdrängt werden. “Science advances one funeral at a time.“ – auf diese griffige Formel hat ein sarkastischer Mensch Planck’s Äußerung gebracht.

Auf den einzelnen Forscher und seine Überzeugungen kommt es also nicht so sehr an, solange sich die Forschergemeinschaft als Ganzes an sorgfältig erhobene Daten und reproduzierbare Experimente hält. Wenn mit einer gängigen Lieblingstheorie etwas faul ist, werden sich Ungereimtheiten anhäufen und früher oder später kommt das ganze schöne Hypothesengebäude krachend auf die entsetzten Forscher herunter. Zur Freude einer neuen Generation, die sich die Trümmer ansieht und dann alles ganz anders macht. (Das ist, so ungefähr wenigstens, der Gedankengang T. Kuhns in seinem Buch über “Scientific Revolutions”)

Am Ende können also nur die Hypothesen zu einer ausgewachsenen Theorie werden, die dem Ansturm der Experimente dauerhaft widerstehen. Die Evolutionstheorie ist so ein Konstrukt: Darwin wusste nichts von mendelscher Genetik, von der Struktur der DNA, von Aufbau und Funktionsweise des Genoms, und doch haben alle diese späteren Entdeckungen die Richtigkeit der Evolutionstheorie wieder und wieder bestätigt – mit wichtigen Verfeinerungen und Ergänzungen.

Ganz anders die Hypothese „Ein Schöpfer hat die Lebensformen ein einziges Mal separat erschaffen, sie haben sich seit der Schöpfung nicht mehr wesentlich verändert“: Diese Hypothese wird durch Fossilien, Morphologie, molekulare Daten und vergleichende Embryologie widerlegt, aber die Anhänger einer einmaligen, historischen Schöpfungstat hängen zu sehr an ihrer Idee, um sie aufzugeben. Sie greifen in ihrer Not zu „ad-hoc“-Hypothesen („ad hoc“ ist vornehm für „aus dem Hut gezaubert“). Das Aussterben der Dinosaurier wird dann schon mal damit erklärt, dass sie auf einer zweiten Arche waren, die in der Sintflut untergegangen sei; weder biblisch noch archäologisch oder paläontologisch ist das eine sinnvolle Hypothese, aber der Griff zu einer wackligen Krücke erspart es dem Kreationisten, sich mit seinen festgefahrenen Überzeugungen auseinander zu setzen.

 

Zu groß für meinen Garten: der LHC
Foto: Juhanson, via Wikimedia

Warum also vertraue ich der Naturwissenschaft? Es liegt wohl daran, dass seriöse Forscher sich durch ihre Berufswahl zu einer methodischen Vorgehensweise verpflichten, beruhend auf Vernunft , auf Daten aus standardisierten Beobachtungen und auf reproduzierbaren Experimenten. Die allermeisten wissenschaftlichen Erkenntnisse kann ich nicht selbst nachprüfen, aus Mangel an Zeit, Fähigkeiten und Instrumentarium. Ich kann und will mir keinen Protononenbeschleuniger in den Garten graben um mich von der Existenz des Higgs-Teilchens zu überzeugen. Ich habe gar keinen Garten und die vielen Kabel haben mich schon damals bei meiner Modelleisenbahn verrückt gemacht. Ich verlasse mich also auf Reproduzierbarkeit als Prinzip, ohne mir selbst die Finger schmutzig zu machen. Vielleicht habe ich selbst dieses Vertrauen nur deshalb, weil ich eine Weile in der Forschung Hand angelegt habe und – ganz subjektiv – erfahren habe, dass Wissenschaft im Grossen und Ganzen so funktioniert wie es auf der Packung steht.

Natürlich könnte ich auch objektive Belege für das „Funktionieren“ der wissenschaftlichen Methode anführen: Forscher wissen und können belegen, dass Rauchen Lungenkrebs fördert, dass die Polio-Impfung Leben rettet, dass das HI-Virus AIDS hervorruft. Aber diese Katze beisst sich in den Schwanz, denn vernünftige und datenbasierte – wissenschaftliche – Argumentation wird einen radikalen Skeptiker nicht beeindrucken. Erkenntnis zum Jahresende: Hätte ich nie unmittelbar erlebt, wie Wissenschaft funktioniert, würde ich jetzt Globuli gegen den Weltuntergangsverzögerungsschmerz einwerfen.

 

2 thoughts on “Der Weltuntergang in der Retrospektive

  1. JanG Jan 10, 2013 12:49

    Hallo,

    ebenfalls als Blogger unterwegs, bin ich von den Scilogs hier gelandet. Der Artikel ist sehr gut, gefällt mir.

    Ich habe seit einigen Jahren (!) eine Diskussion mit einem an und für sich sehr intelligenten Menschen. Dieser ist leider Anhänger der Hamerschen Irrlehre. Es ist frustrierend zu sehen, dass auch kluge Menschen eine Anti-Wissenschaftshaltung aufbauen und Diskussionen sinnlos werden.

    Aber auf alle Fälle werde ich diesen Blog mal im Auge behalten, bin gespannt, was hier noch zu lesen ist.
    Viel Erfolg und die besten Grüße aus Dresden,

    JanG

  2. awmrkl Jan 24, 2013 08:30

    @Autor

    Willkommen als weiterer Vertreter der seltenen Art von Science-Bloggern ;-)

    Was ich bisher gelesen hab, läßt sich -für mich- sehr angenehm und fühlig an, für mich bitte weiter in diesem ironisch-sarkastischen Ton – I LOVE IT!

    Daß ich konsequenter, sog. militanter Atheist bin, brauche ich wohl nicht weiter betonen. Aber daß ich gegen die Sonder- und Vorrechte von div. “Kirchen” raufe, schon. Und vor allem gegen die Unverschämtheit der “Kirchen”, schon unsere Kleinkinder mit religiotischer Gehirnwäsche zu verseuchen.

    Und Esos brauchen mir gar nicht erst zu kommen …

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