Der begierige Jüngling im Naturalienkabinett

Wie ihr wisst, plane ich für den Sommer eine Tour de Naturkundemuseum. Geständnis jetzt: ich habe eigentlich keine Ahnung von Naturkunde. Ich bin gelernter Molekularbiologe. Also habe ich mich mal im Katalog der Staatsbibliothek umgesehen, was andere so schreiben. Mit Schrecken fand ich dort heraus, dass ich nicht der erste war, der die Idee mit der Museentour hatte.

Ein Herr Rudolph hat genau das gleiche vor ein paar Jahren schon mal gemacht und ein Buch darüber geschrieben. Und was ich in dem Band erfahren habe, ist ein wenig beunruhigend. Auf was habe ich mich da denn eingelassen?

 Die gesammelten Sachen befinden sich zuweilen in einer verdrießlichen Unordnung, oder sie sind so mangelhaft und mager, daß es kaum der Mühe werth ist, sie mit Nutzen in Augenschein zu nehmen.

Es kommt noch schlimmer:

Diejenigen, die uns herum führen und die Kabinetter eröffnen, haben entweder selbst keine richtige Erkenntnis und hinlängliche Einsicht von den Dingen; oder sie zeigen sie mit einer gewissen Kaltsinnigkeit und Gleichgültigkeit.

Und an anderer Stelle:

 Zuweilen sind diejenigen, die uns herumführen, entweder so verschlagen oder unbedachtsam, uns Sachen zu erzählen, von denen die Natur ganz entfernet ist.

So steht es im „Handbuch oder kurze Anweisung wie man Naturaliensammlungen mit Nutzen betrachten soll“, von Gottlob Daniel Rudolph – erschienen 1766. Das ist doch genau die richtige Lektüre zur Vorbereitung meines Projekts. Und wie man an den obigen Zitaten sieht: der Mann hat Erfahrung aus erster Hand. Vielleicht hat sich das mit der Unordnung in den Sammlungen seitdem ja ein wenig gebessert. Ich bin jedenfalls gespannt.

Bis jetzt habe ich äusserst freundliche und informative Rückmeldungen auf meine ersten Voranfragen bei den Museen bekommen. Hier hat sich also auch einiges getan in den letzten 250 Jahren.Es klingt aber doch, als hätte Rudolph ganz speziell für mich und mein Sommer-Blog-Projekt geschrieben:

Begierigen Jünglingen kann sie [die Abhandlung] auf Reisen, wenn sie sich in Kabinetter begeben, einigermaßen zum Wegweiser dienen.

Und das auch:

Und endlich diejenigen, welche sich Naturalien zeigen lassen, haben sich wenig oder gar nicht auf die Betrachtung natürlicher Schätze zubereitet. Sie richten ihre Augen dahin, wo sie sie am wenigsten hinrichten sollten. Sie bewundern, wenn es nicht nöthig ist, die tadeln oder sind gleichgeltend, wenn sie erstaunen sollten.

Neben praktischen Tipps für den Umgang mit Museumspersonal und den eingestreuten Warnungen vor zusammengeflickten Fabelwesen, gibt Rudolph vor allem einen Kurzüberblick über die Tiere, Pflanzen und Mineralien, die ein Museumsreisender im 18. Jahrhundert zu sehen bekam. Und das war eine ganze Menge:

Zeugungsglieder, wie von dem Wallfische“ sind dabei, „die pharaonische Maus“, oder der „Admiral von Oranien“ (ein Muschel oder Schnecke, wenn ich richtig verstehe, kein holländischer Royal).

Besonders gespannt bin ich ja, ob es auch heute noch ein Einhorn zu sehen gibt – zumindest erscheint es in Rudolphs Listen, dahinter der lateinische Name Monodon monocerus. Und gerade hatte er die begierigen Jünglinge doch noch gewarnt, sich vor Fälschungen in acht zu nehmen?

Aber Monodon monocerus ist kein magisches Pferdchen, sondern der Narwal – der hat eben auch ein langes Horn. Eins zu null für die Freunde der wissenschaftlichen Nomenklatur. Einhorn ist zweideutig, wer aber Monodon monocerus sagt, wird auch 250 Jahre später noch richtig verstanden.

Der Autor dieser mehr als 400 Seiten starken „kurzen Anweisung“ war, alles in allem, ein aufgeklärter Skeptiker par excellence, soweit ich das beurteilen kann. Sorgfältig listet er etwa auf, was alles an Halbwissen und Aberglauben rund um Insekten zirkuliert. Er erklärt, dass Insekten nicht „spontan“ in Fäulnis entstehen, wie viele seiner Zeitgenossen glaubten, sondern dass Insektenlarven immer aus einem Insektenei schlüpfen.

Auch wer „die Verwandlungen dieser Thiere läugnet“, (die Metamorhose von Raupe zu Schmetterling etwa), der erzähle nur Fabeln, schreibt der Herr Rudoplh – und hat natürlich recht.

Und immer wieder die Warnung vor Fälschungen in den Sammlungen: Gefälschte Muscheln, gefälschte seltene Edelsteine – „unächte“ Exponate lauerten damals wohl zuhauf in den Vitrinen ( heute auch noch? Ich werde auf jeden Fall mal skeptisch nachfragen).

Wer sich auf Reisen begibt, um Naturalien zu untersuchen, der muß unbedingte einige Schriften als Geleiterinnen bey sich führen, zum wenigsten des Herrn von Linné ersten Theil des Systema Naturae...

Bis in die Gegenwart verwenden die Wissenschaftler in Grundzügen das Ordnungsprinzip, das der Herr von Linné Mitte des 18. Jahrhunderts eingeführt hatte.  Die übliche Praxis, Organismen mit einem zweiteiligen lateinischen Namen eindeutig zu identifizieren, geht auf ihn zurück. (Homo sapiens etwa, oder Monodon monocerus; der erste Teil gibt die Gattung an, der zweite Teil die Art).

Das Sammeln und Ordnen von Organismen ist seit Linné mehr als Liebhaberei; Er setzte wissenschaftliche Standards und gab der Systematik ein formales Gerüst, das alle Organismen überspannt – und Rudolph war ein großer Fan des Carl Linné und seiner Methodik der exakten Beschreibung.

1766, das war aber auch noch fast 100 Jahre vor Darwin und der Evolutionstheorie.

 Geschöpfe sind Werke des anbetenswürdigen Schöpfers, und in dieser Absicht muß man sie niemals ohne gerührt zu werden ansehen. 

Besonders schön auch diese Passage über die Nasen der Säugetiere:

Der weiseste Schöpfer hat ihre Nasen mit zwey Oeffnungen versehen, damit, wenn die eine davon verstopft oder untauglich wird, immer noch die andere hinlänglich gebraucht werden kann.

Dass nicht der weiseste Schöpfer, sondern ein Prozess aus zufälliger Mutation und Selektion die treibende Kraft hinter der Entstehung der Nasenöffnungen ist – das war für die Linnés und Rudolphs jenseits dessen, was gedacht werden konnte.

Dass er Tiere und Pflanzen nach gruppenspezifischen Merkmalen geordnet in Stämme, Klassen, Ordnungen, Familien und Gattungen einteilen konnte, war deshalb für Linné nicht Ausdruck der Stammesgeschichte, sondern ein Abbild des Plans Gottes.

Trotzdem war Linnés Arbeit eine wichtige Voraussetzung für die Formulierung der Evolutionstheorie durch Charles Darwin und Alfred Russell Wallace – die damit den weisesten Schöpfer aus den Naturalienkabinetten warfen. Aber davon ein anderes Mal mehr.