Besuch bei Napoleon-Lippfisch und Entenschnabelsaurier

Ein Sommer im Naturkundemuseum, Teil IX: Senckenberg Naturmuseum Frankfurt.

Copyright: S. Tränkner/Senckenberg

Sie gehört seit Jahrzehnten zum kollektiven Erbe Frankfurter Familien. Großeltern erinnern sich daran, wie sie sich selbst als Kinder die Nase an ihrer Glasvitrine plattgedrückt hatten und führen heute ihre Enkel zu der alten Dame. Die Anakonda mit einem Wasserschwein im Maul zieht die Besucher noch immer an. Die ausgeklügelte Anatomie des Schlangenkiefers fasziniert eben – durch eine spezielle Mechanik kann die Anakonda den Kiefer so weit aufsperren, dass wirklich ein Wasserschwein darin Platz hat, ohne dass die Schlange danach zum Kieferorthopäden müsste. Wobei die Frankfurter Anakonda nicht in dieser Pose in der Natur gefunden wurde. Dass viele Besucher das aber glauben, ist sicher ein Lob für die Kunstfertigkeit des Präparators.

Nach Berlin bin ich also zu Besuch in einem weiteren Schwergewicht unter den forschenden deutschen Naturkundemuseen, im Senckenberg Museum in Frankfurt.

Die Dino-Mumie

Ein großes Museum hat Platz für große Tiere – das bedeutet auch wieder Dinosaurier-Alarm. Der Frankfurter Edmontosaurus, oder Entenschnabeldinosaurier, ist dabei eine echte Rarität. Denn anders als fast alle anderen Dino-Funde ist er eher Mumie als Skelett. Meist finden die Paläonotologen eben nur fossile Knochen. Die genaue Anordnung der Muskeln und der inneren Organe, auch die Beschaffenheit der Haut bleibt mehr oder weniger der Phantasie überlassen. Aber an diesem Edmontosaurus erkennt man Reste von Haut und Muskeln – ein wichtiger Zeuge also für die Dino-Forscher, die so auch mal etwas Anderes als Knochen studieren können.

Solche Edmontosaurus-Mumien gibt es weltweit nur zwei mal. Das Exemplar in Frankfurt stammt aus Wyoming in den USA und ist ein Geschenk von Arthur von Weinberg (1860-1943) – ein Frankfurter Unternehmer, Chemiker und großer Förderer des Museums, der 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet wurde. Bei meinem Besuch erzählte gerade eine Sonderausstellung von seinem Leben und Wirken für die Senckenberg Gesellschaft.

Edmontosaurus
Copyright: S. Tränkner/Senckenberg

Fenster in die Museumsvergangenheit

Vogelsaal und Säugersaal  zeigen, ganz traditionell, präparierte Tiere in Vitrinen – so nah, wie man ihnen in keinem Zoo kommen kann. Und im ersten Stock, im Verbindungsgang zwischen Wirbellosen und Fischen, haben die Ausstellungsplaner noch einige sogenannte Dioramen gerettet, die heute auch museumshistorisch interessant sind.

Im 19. Jahrhundert kam es in Mode, Tiere nicht einfach „auszustopfen“ (ein Wort, das Präparatoren übrigens gar nicht gerne hören – denn mit Stroh ausgestopft wird nichts, vielmehr macht der Präparator eine lebensechte Dermoplastik). Vielmehr fingen die Museumsmacher an, die natürliche Umgebung der oft exotischen Tiere lebensecht nachzubauen, oft mit einem gemalten Hintergrund, der fließend in die Szenerie der Objekte übergeht.

Als es noch keine Dokumentarfilme gab und Fernreisen für den durchschnittlichen Museumsbesucher unvorstellbar waren, da waren Dioramen eine Sensation. Alle Museen, die etwas auf sich hielten, zeigten ihre besten Präparate in dieser Darstellungsform. Auch heute noch ist der dunkle Gang mit den Fenstern in verschiedene Ökosysteme der Welt faszinierend, auch weil es kleine Fenster in die Vergangenheit der naturhistorischen Museen sind.

Thinker – Watcher – Toucher – Feeler

Aber wie das Naturkundemuseum der Zukunft aussehen könnte, darüber machen sich die Frankfurter Museumsplaner gerade intensive Gedanken. Denn demnächst wird gebaut, das Museum soll größer und moderner werden. Noch wird nicht viel über konkrete Pläne verraten, aber „Mensch – Erde – Kosmos“ sind die großen  Themen, um die es gehen soll.

Wer sind die Menschen, die ins Museum kommen, was suchen sie dort, und wie kann so eine traditionsreiche Einrichtung neue Freunde gewinnen? Das sind so die Gedanken, die sich der Museumsplaner Dr. Martin Čepek macht, wenn er an Konzepten bastelt. Den Museumsbesucher gibt es nicht – jeder hat eine andere Motivation, ins Museum zu gehen, jeder hat einen andern Zugang zu den Objekten.

Čepek will sie alle ansprechen, die „Thinker“, die „Watcher“ die „Toucher“ und die „Feeler“. Die eine wollen visuell und mit allen Sinnen angesprochen werden, andere suchen eher emotionale Erlebnisse – und für alle soll das Museum etwas bieten. Im Mittelpunkt stehen dabei immer die Objekte. Aber digitale Hilfsmittel, Videoprojektionen und Audio-Landschaften etwa, können mithelfen, ein erinnerungswürdiges Museumserlebnis zu schaffen.

„Museumsbesuch ist Bildung, aber auch Freizeitgestaltung“, sagt Čepek. Wenn es keinen Spaß macht, kommen die Besucher nicht wieder.

Kleine Entdecker

In Frankfurt arbeiten Museumspädagogen daran, schon den Allerkleinsten die Faszination Naturmuseum näherzubringen, sie dürfen dort etwa einen Mammutzahn anfassen und Experten über Dinosaurier ausfragen. Kinder bis etwa ins Grundschulalter sind leicht zu begeistern, erzählt mir Museumspädagogin Lena Sistig. Schwieriger wird es bei den älteren Kindern und Jugendlichen, wenn das Museum mit alterstypischen Konkurrenzangeboten um die Aufmerksamkeit der Teenager kämpft.

Erwachsene nehmen die Angebote der Museumspädagogik dagegen wieder gerne an: Beispielsweise kommen sie zu „Science after Work“ oder nehmen an diversen Exkursionen teil.

Skelett eines Kaninchenfisches (Siganus Luridus) aus dem Roten Meer.
Copyright: S. Tränkner/Senckenberg

Natürlich wird auch in Frankfurt hinter den Kulissen viel geforscht – einen kleinen Einblick in ein Spezialgebiet habe ich im Gespräch mit dem Ichtyologen Dr Tilmann Alpermann gewinnen dürfen. Die Frankfurter Fischforscher halten dabei eine lange Forschungstradition lebendig, die auf Eduard Rüppell zurückgeht. Rüppell (1794 – 1884) war ein ein Stifter und Förderer des Museums und ein Mitgründer der Senckenberg -Gesellschaft. Vor allem aber war er ein unternehmungslustiger Naturforscher. Sammelreisen führten ihn ans Rote Meer und an den Golf von Akaba, nach Abessinien und Nordafrika (das Gebiet des heutigen Jemen und Sudan).

Napoleon-Lippfisch, extra-dry

Seine Präparate bildeten damals den Grundstock für die Sammlung des Senckenberg Museums – und sie werden auch fast zweihundert Jahre später noch sorgfältig gehütet. Alpermann führt mich ins Magazin. Fischpräparate werden heute meist in Alkohol aufbewahrt, in gut verschlossenen Gläsern lagern sie in Rollregalen aus Metall. Aber in einer kleinen Kammer stehen einige alte Trockenpräparate –schrumpelige Fischkadaver, aufgezogen auf Holzständer. Bizarr anzusehende Zeugnisse der langen Frankfurter Sammlungs-Tradition. Der Star in dieser Wunderkammer ist ein vor 190 Jahren präparierter Napoleon-Lippfisch, den Rüppell als Erster beschrieben hatte. Als „Typus-Exemplar“ ist er noch heute ein wichtiges Objekt und wird sorgsam gehütet.

Es geht  aber nicht ums Sammeln, Aufbewahren und Ausstellen als Selbstzweck – mit den Fischen wird auch gearbeitet. In Alpermanns Büro stehen bei meinem Besuch gerade ein gutes Dutzend Gläser mit kleinen Fischchen herum, viele davon mit neu angebrachten Zetteln: Ein Gastforscher war gerade zu Besuch und hat Exemplare einer Fischgattung unter die Lupe genommen. Dabei hat er auch manches taxonomisch korrigiert, was er in den Sammlungen vorfand. Das ist die mühsame Fußarbeit der Taxonomen: Tiere aus Forschungssammlungen und aus eigener Feldforschung vergleichen, Neufunde oder alte Museumexemplare genau beschrieben, dann die Literatur durchforsten. Das Ziel: die Zuordnung der Tiere zu Familien, Gattungen und Arten so konsistent und logisch wie möglich vorzunehmen.

Da das nicht ganz ohne subjektive Urteile geht, und ständig neue Arten und neue Erkenntnisse dazukommen, ist die Taxonomie auch nie fertig.

Und wer meint, dass diese ganze Benennen und Einteilen eine recht irrelevante Erbsenzählerei verschrobener Freaks sei, liegt falsch. Bei den Fischen beispielsweise hat die Taxonomie ganz konkrete Auswirkungen, erzählt Alpermann. Beispielsweise dann, wenn es um Fangquoten für Speisefische geht. Wenn Ichtyologen dann feststellen, dass Populationen, die man früher einer Art zugerechnet hatte, in Wirklichkeit zwei getrennte Arten sind, dann müssen auch beide Arten in ihrem Bestand geschützt werden. So ein Ergebnis taxonomischer Arbeit kann also Auswirkungen haben auf die Fangquoten, die den Fischern zugeteilt werden.

Fische vom Roten Meer und dem Golf von Akaba

Die Frankfurter forschen noch heute dort, wo auch Rüppell seine Fische aus dem Wasser zog. Die Fischfauna im roten Meer und im Golf von Akaba ist gerade auch aus evolutionsbiologischer Sicht interessant. Wie bilden sich dort neue Arten? Welche Auswirkungen hatten geologische Vorgänge auf den Artenreichtum? Der Wasserspiegel des Rote Meers beispielsweise war im Plesitozän mehr als 100 Meter tiefer als heute. Damit war das Rote Meer quasi abgeschnitten. In dieser Zeit bildeten sich viele der Fischarten, die heute typisch für das Rote Meer sind.

Heute arbeiten die Wissenschaftler bei der Erforschung evolutionsbiologischer Szenarien auch mit DNA-Daten. Wie genau das geht, ist Stoff für einen eigenen Beitrag. Hier nur soviel: Durch spontane Mutationen entstehen ständig zufällige, neue DNA-Varianten, und durch Rekombination bei sexueller Vermehrung breiten diese Varinaten sich in der Population aus, oder gehen wieder verloren. Die Verteilung und Anzahl dieser DNA-Varianten zwischen Populationen verrät dem Molekularbiologen zum Beispiel den Zeitpunkt der Entstehung neuer Arten. Aus solchen Daten kann er auch Rückschlüsse darauf ziehen, ab wann zwei Populationen keinen genetischen Austausch mehr hatten, beispielsweise weil geologische oder klimatische Veränderungen Barrieren zwischen Fischpopulationen errichtet hatten. Solche Barrieren sind dann oft der erste Schritt eines Artbildungsprozesses.

Im Sudan Feldforschung zu betreiben, ist dabei logistisch eine ganz andere Herausforderung, als in mit Forschungsstationen gut erschlossenen, leicht zugänglichen Gebieten zu sammeln. Es gibt dort auch wenig Grundlagen-Daten, wie z.B. Langzeit-Beobachtungen über den Fischbestand. Aber gerade das macht vielleicht auch den Reiz aus – hier könne die Frankfurter Wissenschaftler  Neuland betreten und gleichzeitig die Tradition Rüppells fortsetzen, der als erster Fische aus dieser Gegend nach Frankfurt gebracht hatte.

Wieder einmal habe ich bei einem Museumsbesuch viel mehr gesehen und erfahren, als in einen Artikel passt. Ich bin jedenfalls schon sehr gespannt darauf, wie das Museum nach Erweiterung im und Umbau aussehen wird. Aber hier bei Pangrellus.de geht es demnächst erst einmal weiter zu anderen Naturkunde-Orten – in Wiesbaden und Dresden habe ich auch wieder Überraschendes und Neues gesehen. Davon bald mehr.

Bisher in dieser Serie erschienen:

Teil 1:  Jura-Museum Eichstätt –   Bayerische Unterwasserwelten

Teil 2: Naturkundemuseum Görlitz – Unter Milben und Wölfen

Teil 3: Naturkundemuseum Erfurt – Thüringer Eichen und nepalesische Ohrwürmer

Teil 4: Naturkundemuseum Berlin I:  Die Ausstellungen  – Saurier vom Tendaguru, 80.000 Gläser Alkohol und eine verwirrte Fliege

Teil 5: Naturkundemuseum Berlin II:  Beim Kustos  – Krebsforschung mit Borsten 

Teil 6: Neanderthalmuseum Mettmann: Die Ausstellung – Bei den Steinzeitmenschen an der Dussel

Teil 7: Neanderthalmuseum Mettmann: Digitale Archäologie – den Steinzeitmenschen auf der Spur

Teil 8: Phyletisches Museum Jena  – Haeckels Quallen und Goethes Auerochs