Bei den Steinzeitmenschen an der Düssel 2

Ein Sommer im Naturkundemuseum, Teil VI: Neanderthalmuseum Mettmann.

Eine wie wir.
Foto: user:Neozoon, Wikipedia cc3

 

Als Provinz-Bayer auf großer Fahrt waren meine Erwartungen an die Station am Ruhrgebiet eher gering: Stillgelegte Stahlwerke, Herbert Grönemeyers „verstaubte Sonne“, obskure Brauprodukte. Für schöne Natur gehe ich in die Berge, nach Nordrhein-Westfalen fahre ich eigentlich nur wegen eines besonderen Museums.

Kurz vor Mettmann aber herrscht Idylle pur: Friedlich plätschert die Düssel durch ein enges, grünes Tal, Kalksteinformationen ragen links und rechts auf. Hier hat er also vor 40.000 Jahren gelebt – der Mensch, der so heisst wie das Tal, der Homo neanderthalensis.

Im recht urtümlichen Wandergebiet Neandertal erwartet man fast, dass hinter der nächsten Biegung eine steinzeitliche Familie über einen Abhang steigt, um am Fluss eine Mammuthaxe zu grillen. In Wirklichkeit aber sah es dort vor 40.000 Jahren ganz anders aus als heute, denn Arbeiter hatten hier jahrelang Kalkstein abgebaut und dabei auch die meisten Grotten zerstört, die früher  in die Felswände hineinführten.

In einer dieser Grotten machten italienische Steinbrucharbeiter 1856 einen sensationellen Menschenknochen-Fund. Mit Erstaunen nämlich stellten die Wissenschaftler fest: Dieser Mensch war anders. Der Neanderthaler ist kein direkter Vorfahre des Homo sapiens, wie wir heute wissen, aber er war ein ebenbürtiger Cousin. Weitere Neanderthaler-Knochen fand man dann hauptsächlich in Süd- und Südwest-Europa, aber bis in den nahen Osten reichen die vielen Fundstellen. Vor ca. 30.000 Jahren verschwand unser Mit-Mensch  von der Bildfläche.

An menschlicher Frühgeschichte interessierte Besucher, die vor 1996 an der S-Bahn-Haltestelle Neanderthal ausstiegen, wurden allerdings enttäuscht: Weder war der genaue Fundort bekannt, noch gab es vor Ort gute Informationen über die anatomisch etwas anderen Menschen, die hier vor 40.000 Jahren lebten. Ein leicht angestaubtes, aus wissenschaftlicher Sicht vielleicht ein wenig peinliches Heimatmuseum war der einzige Hinweis auf die Bedeutung des Ortes.

Das änderte sich, als ab 1996 ein modernes Museum in unmittelbarer Nähe des Fundorts entstand. 2006 wurde es erweitert und ist heute ein Anziehungspunkt für etwa 170.000 Besucher pro Jahr – Schulklassen, Gruppen und Einzelbesucher gleichermassen.

Foto: Erich Ferdinand, via Wikipedia cc3

Anders als die meisten anderen Museen, die ich im Laufe dieser Serie besuche, hat das Haus in Mettmann also keine Sammlungstradition als fürstliches Naturalienkabinett oder universitäre Forschungssammlung. Deshalb hat das Museum auch keinen großen Schatz an wertvollen Original-Exponaten – insbesondere die Original-Knochen des 1856 hier gefunden Neandertalers liegen gar nicht hier, sondern im Rheinischen Landesmuseum in Bonn.

Wer war dieser Cousin des modernen Menschen?

Das Neanderthalmuseum ist vielmehr konzipiert als Lernort, der Inspiration aus dem assoziationsreichen Standort bezieht. Die Besucher stehen im Neandertal und fragen sich: wer war dieser seltsame Cousin mit dem langgestreckten Schädel und den markanten Augenwülsten? Wo kam er her? War er ein grunzender, keulenschwingender Trottel oder doch eher einer wie wir? Wie ist das überhaupt mit der Herkunft des Menschen – was macht Menschsein aus, wenn es diverse Spielarten und Vorläufer des Homo gab?

In sieben Stationen, spiralförmig hinauf durch das ovale Gebäude, gibt das Museum einige Antworten auf diese Fragen. Dabei geht es nicht nur um den Neandertaler; die Geschichte der prähistorischen Menschheit insgesamt wird erzählt. Bewaffnet mit einem Kopfhörer für die zahlreichen Audiostationen mache ich mich auf den Weg.

Wieder einmal gibt es zu viel zu erzählen, um auf alle Stationen einzugehen – ich beschränke mich also auf einige Details, die ich besonders interessant fand, und lasse euch selbst noch etwas zu Entdecken übrig.

Sensation bei der Nachgrabung

Da ist erst einmal die Fundgeschichte. Dummerweise wusste man nämlich bis zur Eröffnung des neuen Museums nicht, wo genau im Neandertal die Grotte war, aus der die 40.000 Jahre alten  Knochen stammen. Aber detektivische Arbeit an historischen Quellen hatte die Archäologen auf die Spur gebracht: Bei Nachgrabungen an der ehemaligen Feldhofer Grotte fand man 1997 ein Stück Knochen, das zum selben „Ur-Neandertaler“ gehörte, den die italienischen Arbeiter 1856 entdeckt hatten.

1856, das war auch drei Jahre, bevor Charles Darwin „The Origin of Species“ veröffentlichte . Vorsichtig schrieb er gegen Ende des Buches einen einzigen Satz, der sich auf den Menschen bezog: “Light will be thrown on the origin of man“. Und in der Tat, der Neandertaler und Zeugnisse der älteren Urmenschen (Homo habilis, Homo erectus und Kollegen) lassen heute keinen Raum für Zweifel: Der Mensch ist ein Ergebnis der biologischen Evolution. Nicht ein Schöpfungsakt mit dem Menschen als Krone, sondern Millionen Jahre gradueller Veränderungen haben uns aus tierischen Vorfahren hervorgebracht. Wir haben gemeinsame Ahnen mit den heutigen Schimpansen und Gorillas. Darwins Erkenntnis ist eine „Kränkung des Menschen“, ein fundamentaler Angriff auf  das Weltbild der  Menschen des 19. Jahrhunderts.  Im Museum wird diese Revolution des Denkens über den Menschen schön symbolisiert durch  zwei ungleiche Bücher, die sich nach dem Willen der Ausstellungsmacher eine Vitrine teilen müssen: Die Bibel mit Schöpfungsmythos neben Darwins „Origin“.

Wir teilen aber nicht nur Vorfahren mit den Affen – wenn wir weiter wir in der Zeit zurückgehen, führen Abzweigungen in unserer Ahnenreihe zu allen Tieren, allen Pflanzen, allen Einzellern und Bakterien.

In 5 Minuten in die Steinzeit

Dass es auf den ersten Blick so unwahrscheinlich erscheint, dass  Mutation und Selektion so verschiedene Lebensformen wie eine Sonnenblume, ein Nilpferd, einen Schleimpilz und uns Menschen aus gemeinsamen Vorfahren hervorgebracht haben, liegt vielleicht daran, dass wir uns keinen Begriff davon machen wie viel Zeit seit dem Ursprung des Lebens vergangen ist – sehr sehr sehr viel Zeit nämlich.

Um die Spannweite der geologischen Zeiträume anschaulich zu machen, haben die Museumsmacher in Mettmann ein cleveres Exponat gebastelt: Eine überdimensionale Sanduhr, bei der jedes fallende Sandkorn für ein Jahr steht. Jede Sekunde rieseln 100 Körner durch, eine Sekunde steht also für 100 Jahre. In dieser Zeitrechnung dauert es gerade mal 5 Minuten von der Steinzeit bis heute. Bis zum Ursprung des Menschen, also etwa von Australopithecus bis heute, müsste man 11 Stunden vor der Sanduhr stehen bleiben. Und die etwa 4 Milliarden Jahre Evolution seit Beginn des Lebens dauern ganze 440 Tage in „Sanduhr-Zeit“.

Aber natürlich kommen die Besucher nicht hierher, um stundenlang auf eine Sanduhr zu starren. Ein Alleinstellungsmerkmal des Museums sind vielmehr die lebensechten Rekonstruktionen der Neandertaler. Dabei haben die Präparatoren viel Wert auf anatomische Präzision nach wissenschaftlichen und forensischen Gesichtspunkten gelegt – denn allzu lange wurde der Neandertaler in populären Darstellungen als grunzender Halbaffe dargestellt, der kulturell und intellektuell dem Homo sapiens weit unterlegen war.

Kampf gegen das Bild vom Keulenschwinger

Wie man sich das damals vorgestellt hatte, kann man in unmittelbarer Nähe des Museums (kopfschüttelnd) bestaunen: ein ganz besonders klischeehafte Version des Neanderthalers eines lokalen Künstlers – das Phantasiewesen gehört zum Lokalkolorit und hat keine Verbindung zum Museum;  eine erklärende Tafel verweist auf die realistischeren Rekonstruktionen des Neanderthalers auf der anderen Strassenseite.

Phantasiewesen mit Keule.
Foto: U. Niesert via Wikipedia cc3

„Das Bild vom Keulenschwinger ist schwer aus den Köpfen zu bekommen“ meint Bärbel Auffermann, stellvertretende Direktorin des Museums. Im Neanderthalmuseum jedenfalls findet man ihn nicht – stattdessen zum Beispiel „Mr. 4%“: Die Rekonstruktion eines Homo neanderthalensis, gekleidet in Anzug und Krawatte; mit Faustkeil statt Smartphone.  Auf der Vorstandssitzung eines Bankkonzerns würde er nicht weiter auffallen – ein etwas kleinwüchsiger Charakterschädel eben.

Mr. 4% kam erst vor kurzer Zeit anlässlich einer Aktualisierung der Ausstellung ins Museum. Forschern am Max Planck Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig war es nämlich 2010 gelungen, das Genom des Neanderthalers weitgehend zu entschlüsseln. Bis zu 4% des genetischen Materials im anatomisch modernen Menschen (das sind wir) führten die Forscher auf  Erbgut-Varianten zurück, die eigentlich charakteristisch für den Neanderthaler sind. Anders gesagt, die Forscher meinen, Belege dafür gefunden zu haben, dass es Vermischung zwischen den Neandertalern und unseren direkten Vorfahren gab.

Im Verlauf der Tour erfährt der Besucher mehr über die Bedingungen, die an der Evolution des Menschen beteiligt waren und die Anpassungen, die der Frühmensch erworben hatte.  Ganz zentral dabei: Die Ausbreitung der Savanne auf Kosten von Wäldern. In der Savanne sind  beispielsweise lange Beine von Vorteil. Auch der  Verlust der Haare ( besseres Schwitzen!)  und das großes Gehirn des Menschen haben wohl  mit dieser neuen Umwelt zu tun.

Gemeinsames steinzeitliches Erbe aller Menschen

Die Ausstellung am Neanderthal-Museum betont, dass nicht nur die äusseren Merkmale, sondern auch unser Sozialverhalten einen Ursprung im biologischen Erbe haben, das wir mit unseren direkten steinzeitlichen Vorfahren und dem Neandertaler teilen: Kooperation, Aggression, Sprache, Rituale und Mythen.

Der Neandertaler ist kein direkter Vorfahre des heutigen Menschen, aber auch er bestattete seine Toten und machte sich wohl so seine Gedanken über das Woher und Wohin. Erzähl-Tradition, Schöpfungmythen, religiöse Rituale – auch das gehört zum gemeinsamen steinzeitlichen Erbe aller Menschen.

Audio-Sequenzen und Infotafeln zu den heutigen Weltreligionen, die alle in ähnlicher Form Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft einfordern, verdeutlichen die Wurzeln der Religionen in der steinzeitlichen Mystik. (Bei diesem Exponat der Ausstellung kommen mir persönlich die Religionen etwas zu happy-clappy rüber, als wären es „Wir-haben-uns-alle-lieb“-Vereine. Was meiner Meinung nach fehlt, ist ein Hinweis darauf, dass sich die Menschen wohl auch schon seit der Steinzeit im Namen der Religion und irgendwelcher Götter  gegenseitig die Schädel eingeschlagen haben. Die Tafeln zu den Weltreligionen hätte ich eher direkt neben die Exponate zum Thema „Aggression“ gestellt. Aber das ist vielleicht ein anderes Thema).

Der Autor, Neander-gemorpht.

An mehreren Beispielen wird heutiges Leben den steinzeitlichen Entsprechungen gegenübergestellt: etwa beim Werkzeuggebrauch – heute Schlagbohrmaschine, damals Holzbohrer. Auch bei der Familienstruktur: Eine fiktive Steinzeitfamilie und ihr Alltag wird dem Leben  einer modernen Kleinfamilie gegenübergestellt. Die Ausstellung zeigt, dass die Steinzeitmenschen so anders nicht waren -  auch wenn das moderne Leben in Städten und durch-organisierter Büroarbeit Veränderungen gebracht hat, die unserer steinzeitlichen Natur vielleicht nicht mehr so sehr entsprechen.

Was erreicht das Museum also? Erst einmal holt das das Neandertal-Museum den Besucher an der weltberühmten Fundstelle mit seinen Fragen ab. Der Tourist im Neandertal wird ja mit einer verstörenden Frage konfrontiert: was bedeutet es denn, dass da vor 40.000 Jahren Menschen lebten, die uns sehr ähnlich waren – aber eben eindeutig nicht zu  Homo sapiens gehörten?

Australopithecus, Homo habilis, Homo neanderthalensis: das ist unsere engste Familie; über diese Ahnengalerie blicken wir in die Vergangenheit bis hin zu unseren tierischen Vorfahren.

Für manche wohl auch heute noch eine unbequeme Tatsache. Dazu gehört aber auch die Erkenntnis: Steinzeit-Menschen hatten zwar weder Autos noch Smartphones. Primitive, grunzende Keulenschwinger waren sie aber nicht.

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Ps: Auch in Mettmann habe ich nicht nur die Ausstellung besucht, sondern mich auch mit einem Forscher unterhalten. Vom Schreibtisch aus sind wir in französischen Höhlen eingestiegen und haben in den Spuren der Steinzeitmenschen gelesen. Davon bald mehr.

PPs: Es geistert ja immer wieder mal die Idee durch die Presse, den Naenderthaler aus fossiler DNA zu klonen – warum ich das für unwahrscheinlich halte, habe ich in einem früheren Post aufgeschrieben. Und zur Frage, wie lange der Neandertaler seine Kinder gestillt hat, habe ich hier geschrieben.

Bisher in dieser Serie erschienen:

Teil 1:  Jura-Museum Eichstätt –   Bayerische Unterwasserwelten

Teil 2: Naturkundemuseum Görlitz – Unter Milben und Wölfen

Teil 3: Naturkundemuseum Erfurt – Thüringer Eichen und nepalesische Ohrwürmer

Teil 4: Naturkundemuseum Berlin I:  Die Ausstellungen  – Saurier vom Tendaguru, 80.000 Gläser Alkohol und eine verwirrte Fliege

Teil 5: Naturkundemuseum Berlin II:  Beim Kustos  – Krebsforschung mit Borsten 

 

2 thoughts on “Bei den Steinzeitmenschen an der Düssel

  1. Brynja Sep 12, 2013 21:21

    Da würde ich ja auch gern mal hin. Klingt gut. Find’ ich überhaupt toll, deine Museums-Tour. Bin ein bisschen neidisch…;-) Auch wenn viel Arbeit dahintersteckt. Das merkt man. Die Planung, das Reisen, die Besuche selbst, die Interviews, die ja auch vorbereitet werden wollen, dann das Schreiben. Kann mir vorstellen, dass du ordentlich zu tun hattest!

    • HansZ Sep 13, 2013 08:52

      Irgendwie hatte ich das Gefühl, mal wieder weg vom Schreibtisch zu müssen. Macht aber auch sehr viel Spaß – vor allem auch, weil ich überall so freundlich empfangen werde von den Museumsleuten.

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