Auf den Spuren der Steinzeitmenschen 2

Photo: Heinrich Wendel
(c) The Wendel Collection, Neanderthalmuseum Mettmann

Die besten Fährtenleser der Welt:  dieser Ruf geht den San voraus, einem namibischen Stamm, dessen Angehörige als Jäger und Sammler leben. Drei Jäger dieses Stammes, Tsamkxao Cigae, C/wi /Kunta und C/wi G/aqo De!u (ja, die schreibt man so) hatten diesen Sommer eine ungewöhnliche Reise angetreten: 8000 km von ihrer Heimat entfernt, in süd-französischen Höhlen, beugten sie sich über Spuren, die andere Jäger und Sammler vor mehr als 15.000 Jahren hinterlassen hatten. Abdrücke von Füßen, Händen und Knien, beispielsweise. In ihrer Stammessprache diskutierten die drei, was ihnen die Spuren erzählen, und deutsche Forscher hörten höchst interessiert zu.

Eizeitliche Spuren

Die Idee, die afrikanischen Spurenleser zur Expedition nach Südwest-Europa einzuladen, hatten zwei Forscher aus Deutschland, Dr. Tilman Lenssen-Erz von der Universität zu Köln und Dr. Andreas Pastoors vom Neanderthal Museum in Mettmann.

Ihre Hoffnung: Die uralten Spuren der eiszeitlichen Sammler und Jäger verraten dem geschulten Auge eines San vielleicht mehr als einem studierten Archäologen, der in seinem Alltag mehr in Büchern und Computern als in Fährten liest.

Am Ende der Reise konnten die namibischen Fährtenleser tatsächlich einige Hyothesen der Archäologen berichtigen.

In der Höhle Fontanet beispielsweise gibt es einen Fußabdruck, der bisher als ältester Beleg für einen Eiszeitmenschen galt, der mit Schuhen unterwegs war. Die namibischen Jäger schauten sich den Abdruck noch einmal ganz genau an – und zeigten den Archäologen, dass sie an diesem Abdruck sehr wohl individuelle Zehen erkennen; der zugehörige Mensch war also wohl doch barfuß unterwegs.

Ritueller Tanz? Nein, viel profaner

In einer anderen Höhle, in Tuc d’Audoubert, zeigte das deutsche Team den San ein weiteres eiszeitliches Fußspuren-Ensemble, 800 Meter weit im Inneren der Höhle. Manche Archäologen nahmen an, hier hätte ein ritueller Tanz stattgefunden – allerdings ohne handfeste Belege dafür vorweisen zu können. Die Erklärung der San ist profaner, aber äusserst plausibel: Da hat jemand Lehm abgebaut.

Die namibischen Fährtensucher erkannten nämlich, dass Spuren, die vom Fundort wegführen, tiefere Eindrücke hinterlassen hatten als die Fährten in entgegengesetzter Richtung.

Die logische Erklärung: auf dem Rückweg, aber nicht auf dem Hinweg, hatten die Eiszeitmenschen etwas Schweres auf dem Rücken – also mussten sie etwas aus der Höhle herausgeschafft haben. Indigene Weisheit schlägt Bücherwissen der Gelehrten.

Das Projekt „Tracking in caves“ ist nun seit einigen Wochen abgeschlossen, aber Jens Alvermann erzählt immer noch sichtlich begeistert davon – obwohl er gar nicht vor Ort dabei war. Als Medienwissenschaftler und Archäologe hat er das Projekt von Deutschland aus begleitet, an seinem Arbeitsplatz am Neanderthalmuseum Mettmann, wo ich ihn nach meinem Rundgang durch die Ausstellung besuchte.

Alvermann hat eher selten Gelegenheit, selbst eine Fundstelle aufzusuchen; sein Arbeitsgebiet ist die digitale Archäologie. Zusammen mit Kollegen am Neanderthalmuseum und an anderen Institutionen arbeitet er insbesondere an einer neuen Forschungsdatenbank für Anthropologen und Archäologen.

Eine Datenbank für Steinzeitmenschen

NESPOS, so heisst diese Datenbank, ist eine umfassende digitale Sammlung von Infos über Steinzeitmenschen. Verschiedene Daten sollen an einem Ort im Netz zusammentreffen – also beispielsweise Knochenfunde, Höhlenzeichnungen, Werkzeugfunde, Datierungen, geographische Daten usw..

Die Idee: Klickt man beispielsweise auf einer geographischen Karte auf einen Fundort, hat man sofort Zugang zu allen relevanten Informationen.

Die Rohdaten für das Projekt kommen einerseits von der internationalen Forscher-Community; aber die Mettmanner Forscher erstellen auch selbst neue Datensätze. Mit einem Licht-Scanner etwa werden Schädel abgetastet, die dann als 3D-Modelle den Nutzern zur Verfügung stehen.

NESPOS ist teils nur für Forscher nach Anmeldung zugänglich und auch noch im Aufbau, aber Teile sind für alle Besucher der Seite nutzbar – unter anderem die kürzlich integrierte „Sammlung Wendel“, ein einmaliges Fotoarchiv steinzeitlicher Höhlenzeichnungen aus Frankreich und Spanien.

Wollige Mammuts

Photo: Heinrich Wendel
(c) The Wendel Collection, Neanderthalmuseum Mettmann

Ich war selbst vor einigen Jahren in einer dieser Höhlen, im süd-französischen Rouffignac – ein faszinierendes Erlebnis. Wir fahren eine Weile mit einer kleinen Bahn durch ein dunkles Loch und erkennen erst mal nichts besonderes an den Wänden, von ein paar Kratzspuren ausgestorbener Höhlenbären vielleicht abgesehen.

Etwa zwei Kilometer lang geht es in den Berg hinein, dann erreichen wir eine größere Kaverne, der Höhlenführer macht Licht – und wir sind baff: Wollmammuts, Wisente, Wollnashörner, Steinböcke und Wildpferde haben Steinzeitmenschen dort an die Wände und Decken gezeichnet. In einem Stil, der irgendwie modern wirkt, fast wie von einem Comic-Zeichner. Aber mindestens 14.000 Jahre alt.

Das große Rätsel ist nach wie vor: Wofür das Ganze? Hatte diese Kunst  eine religiöse oder mythische Bedeutung? Ist es einfach Kunst um der Kunst willen? Oder waren die Zeichnungen ganz konkrete Wissensvermittlung über die Jagd – quasi ein „Kosmos Naturführer Wildtiere“ der Eiszeit? Wieder so ein Thema, das hier zu weit führen würde – aber kurz gesagt: so genau weiß man es nicht.

Bühnenbildner mit Höhlenfimmel

Die etwa 3000 Fotografien des Heinrich Wendel, die das Neanderthalmuseum vor einiger Zeit erbte, helfen den Archäologen in aller Welt vielleicht dabei, dem Sinn der Zeichnungen auf die Spur zu kommen, ohne selbst auf Reisen gehen zu müssen. Wendel war eigentlich Bühnenbildner, das Ablichten französischer und spanischer Höhlenkunst war nur ein Hobby – das er aber höchst professionell und mit dem Auge eines Künstlers betrieben hatte.

Wendels Fotos sind deshalb nicht nur ästhetisch interessant, sondern auch wissenschaftlich wertvoll. Insbesondere auch deshalb, weil viele der Höhlen mit steinzeitlichen Zeichnungen mittlerweile für Besucher gesperrt sind,und auch Forscher oft nicht oder und nur mit Sondergenehmigung Zugang haben. Zu groß erscheint den Verantwortlichen die Gefahr, dass Ausdünstungen (oder auch ein Malheur mit dem Helm oder der Stirnlampe) die Steinzeitkunst beschädigen.

Wer sich selbst ein Bild machen will – hier geht’s zu den Abbildungen der Sammlung Wendel auf NESPOS .Alternativ kann man auch nach Süd-Frankreich fahren. Einige der Höhlen sind nach wie vor offen für Besucher; die wohl bekannteste, Lascaux, ist detailgetreu als Besucherattraktion nachgebaut worden.

Eine Reise zu Frankreichs Höhlenzeichnungen – das wäre doch mal ein Projekt für die nächste Panagrellus- Blog-Reise! Sponsoren dürfen sich gerne bei mir melden…

 

 

2 thoughts on “Auf den Spuren der Steinzeitmenschen

  1. Erbloggtes Sep 5, 2013 23:06

    Toll, mit so einer Datenbank ist es bis zur Prosopographie der Steinzeit ja nur noch ein kleiner Schritt ;)

    • HansZ Sep 6, 2013 08:43

      Prosopographie – Da musste ich erst mal nachschlagen…

      Für alle denen es genauso geht: Prosopographie ist ein “geordnetes Verzeichnis aller einem bestimmten Lebenskreis angehörenden Personen mit Quellenangaben.”

      - das dauert vielleicht noch ein paar Jahre (:

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